Chaim Noll, Gastautor / 11.06.2017 / 15:00 / Foto: Cornova / 3 / Seite ausdrucken

Stereotype des Judenhasses (2): Jetzt ist Trumps Anwalt Michael Cohen dran

Ein weiterer jüdischer Schattenmann aus dem düsteren Hintergrund des amerikanischen Präsidenten Donald Trump gerät ins Visier deutscher Medien: Rechtsanwalt Michael Cohen, „der Mann, der Trumps dunkelste Geheimnisse kennt“, wie die Bild-Zeitung titelte. Für Leser, denen der Name Cohen noch nicht genug sagt, wird erklärend hinzugefügt, er sei „der Sohn eines jüdischen Holocaust-Überlebenden“. Das bleibt – falls es zutrifft – fast die einzige Tatsache, auf die sich der ausführliche Artikel stützen kann.

Sonst enthält der für die Bild-Zeitung ungewöhnlich lange Text (nach meiner Zählung 145 Zeilen) überwiegend Vermutungen, Denkbarkeiten, Verdächtigungen. Was kein Deutsch-Lehrer mehr zu hoffen wagte: Der Konjunktiv hat Konjunktur. Auch Hilfsverben wie „soll“, „könnte“, „dürfte“ finden reichlich Verwendung. Oder die Weichmacher der unbewiesenen Nachrede wie „vermutlich“, „mutmaßlich“, „indirekt“.

Ein Musterbeispiel des „investigativen Journalismus“. Wir erfahren: „Der Name Cohen tauchte auf bei der unglaublichen Story des 'Pinkel-Dossiers'.“ Oder: „Seine Ehefrau Laura stammt aus der Ukraine.“ Auch der folgende verdächtige Vorfall wird im Artikel der Bild-Zeitung betont: „Der jüdische Cohen verteidigte seinen Klienten (Trump) auch energisch gegen Vorwürfe des Antisemitismus.“ Ein Höhepunkt des Artikels ist die Information, ein amerikanischer Fernsehsender hätte Cohen „Trumps Bulldogge“ genannt. Was den Verfasser des Artikels der Bild-Zeitung seinerseits zu treffenden Benennungen Cohens ermutigt: „der notorische Advokat“ oder „der umtriebige New Yorker Strippenzieher“.

Ein Foto von Trumps jüdischem Schwiegersohn Jared Kushner darf nicht fehlen, obwohl aus dem Artikel der Bild-Zeitung nicht ersichtlich ist, was Kushner eigentlich mit Cohen zu tun hat. Genügt der Umstand, dass er Jude ist? Oder, wie kürzlich stern online schrieb, „ein mieser Miethai“? Der Artikel im stern stellte Kushner als gnadenlosen Ausbeuter dar: „Gnadenlos zieht er die Ärmsten (…) wegen Kleinigkeiten vor Gericht und presst sie aus“. So soll seine Gesellschaft eine Mieterin, die über Monate die Miete schuldig blieb, gerichtlich belangt haben – was ein deutscher Hausbesitzer gewiss niemals tun würde. Noch scheute der anonyme Verfasser des stern-Artikels das Wort „Blutsauger“, doch die erinnerungsbelastete Vokabel ist nicht erforderlich, im Text wird Kushner als genau das dargestellt. Und auch in diesem Artikel taucht – obwohl in keiner logischen Verbindung zum „Auspressen“ der Mieter – die Formulierung auf: „Hinter den Kulissen zieht er die Strippen“.

Was wird nun „Strippenzieher“ Michael Cohen im Artikel der Bild-Zeitung eigentlich zur Last gelegt? Etwa dies: „In viele seiner Geschäftsdeals waren Immigranten aus Russland und der Ukraine involviert.“ Gelten Beziehungen nach Russland als kriminelle Handlungen? Betrifft das auch die Russland-Geschäfte von Siemens und anderen deutschen Firmen? Oder nur „Strippenzieher“ aus dem Umfeld Trumps? Sogar fett gedruckt ist die Mitteilung, Cohen hätte sich in einem New Yorker Hotel mit dem Geschäftsmann Felix Sater getroffen – eine weitere belastende Information, weil Sater Russe ist. Und Jude. So kommt alles zusammen. Ferner soll Cohen ein Foto seiner Tochter, auf dem sie – für heutige Verhältnisse eher züchtig – in schwarzen Leggings und BH abgebildet ist, auf Twitter gezeigt haben. All das, weissagt die Bild-Zeitung, werde ihn jetzt in einen „Skandalstrudel“ ziehen, und das „könnte auch Trump hochnervös machen“.

Obwohl ich den Artikel der Bild-Zeitung aufmerksam studiert habe, bin ich im Unklaren über die entscheidende Frage: Warum ist Cohen in den Augen deutscher Journalisten so verdächtig, dass sie die alten Stereotype hervorholen, die Sprache versunken geglaubter Regimes? Weil er Trumps Anwalt ist? Weil er Jude ist? Oder, noch schlimmer, beides?

Als erster Beitrag dieser losen Reihe ist erschienen: Der “Trump-Flüsterer” und die Stereotype des Judenhasses.

Leserpost (3)
Martin Landvoigt / 11.06.2017

So kennt man Bild: Mit vermeintlichen Enthüllungen, zur Not frei erfunden und unterschwellig dumpfe Ressentiments bedienen. Aber wir haben ja gelernt, das Printmedien für Fake News keineswegs so drakonische Strafen zu befürchten hätten, wie es Maas gerne von Facebook hätte.

Bernhard Freiling / 11.06.2017

Nein, da würde ich bei der Bild-Zeitung nicht zu tief schürfen.  In der Tiefe finden Sie bei Bild nur Leere. Drum ist das bei Bild wohl auch kein “Judenhaß” sondern ganz einfach die Jagd nach der Schlagzeile und nach der Story, sei sie auch noch so hirnrissig. Alles, was irgendwie Donald Trump verunglimpfen könnte, ist zur Zeit im deutschen Blätterwald angesagt. Und wenn’s über Donald nix mehr zu berichten gibt, muß halt das nahliegende Umfeld dran glauben. Wenn dabei auch einige Zeilen rauskommen, die man als Judendiskriminierung auslegen könnte, wäre das m.E. als Kollateralschaden ;-) abzuhaken. Die Satirezeitschrift Pardon hat in den 1970er Jahren mal eine fiktive Stellenanzeige für einen Bild-Redakteur geschaltet. Das las sich sinngemäß etwa so: “Als Bild-Redakteur haben Sie ein Gespür für Dinge, die in der Luft liegen. Sollte da mal nix zu finden sein, sind Sie in der Lage, auch mal selbst was dorthin zu legen.”  Mein Deutsch-Lehrer ließ uns in den 1960er Jahren Zeitungen vergleichen. Dabei kam heraus, daß Bild eigentlich keine Zeitung im herkömmlichen Sinne ist, sondern vielmehr einem überdimensionierten Comic gleicht. Manche Dinge ändern sich einfach nicht. :-)

Johannes Asch / 11.06.2017

Der Autor des Bildartikels ist Herbert Bauernebel der schreibt nur solchen Blödsinn

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