Vera Lengsfeld / 10.04.2017 / 08:52 / 5 / Seite ausdrucken

Stasi-Tätigkeit ehrt auf „besondere Weise“

Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Treptow Köpenick hat am 28. Februar den Ex-Stasi-Mitarbeiter Hans Erxleben mit der „Bürgermedaille des Bezirkes Treptow-Köpenick von Berlin“ geehrt. Erxleben war erst als IM, später als hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi tätig, wurde dann wegen Unzuverlässigkeit entlassen. Nach der Wende wirkte er tatkräftig beim Erhalt der alten und beim Aufbau neuer linksextremer Netzwerke mit.

Unter seiner maßgeblichen Beteiligung ist ein unübersichtliches Gestrüpp von linken Vereinen und Initiativen in Treptow-Köpenick entstanden. Dazu gehört u.a. der Adlershofer Bürgerverein Cöllnische Heide e. V. und das Adlershofer Festkomitee. Seit 2000 war er führend im „Bündnis für Demokratie und Toleranz gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus Treptow-Köpenick“ aktiv. Seit 2006 war er Bezirksverordneter der SED-Linkspartei in Treptow-Köpenick.

In Erxleben verkörpert sich idealtypisch das jahrelange Zusammenwirken der alten DDR-Schergen mit den neuen Antifa-Aktivisten und gemäßigteren linken Kräften beim „Kampf gegen rechts“. 2009 arbeitete er mit verschiedenen SED-, Antifa- und SPD-Organisationen zusammen, um  eine Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus der Antfaschistin Dora Schaul zu verwirklichen. 2012 sprach er bei der traditionellen  „Protestveranstaltung“ des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden (OKV), einem Zusammenschluss von ehemaligen DDR-Vereinigungen und SED-nahen Organisationen, am Tag der Deutschen Einheit. Im April 2013 sprach er bei einer Kundgebung  zum  Kampf um die Wiederherstellung der zerstörter Ernst-Thälmann-Gedenkstätte Ziegenhals.

Der Vorschlag, Erxleben die Bürgermedaille zu verleihen, kam vom Linken-BVV-Abgeordneten Philipp Wohlfeil. In dem Schreiben Wohlfeils heißt es:

„Hans Erxleben engagiert sich seit vielen Jahren für ein demokratisches und offenes Gemeinwesen und den Kampf gegen Rechtsextremismus in seinem Ortsteil Adlershof, im Bezirk Treptow-Köpenick und darüber hinaus. (…)Hans Erxleben sprüht vor Energie bis an seine gesundheitliche Belastungsgrenze. Hat seine Ecken und Kanten, schießt mal übers Ziel hinaus und geht offen mit seiner Biographie und mit Fehlern um. Das disqualifiziert ihn nicht, sondern ehrt ihn auf besondere Weise.“

CDU, FDP und AfD in Treptow-Köpenick haben die Ehrung des Ex-Stasi kritisiert. Der Bezirksvorstand der SED dagegen freut sich und gratuliert seinem „Weggefährten“ recht herzlich.

Leserpost (5)
JF Lupus / 10.04.2017

Stasi, Gestapo, SED, NSDAP - alles die gleiche Mischpoke. Und alle kommen wie die Ratten aus den Löchern, quasi unkaputtbar, auch nach dem GAU wieder an die Sonnenplätze. Aber während inzwischen NSDAP und Nazigrößen Geschichte sind (die Handvoll, die noch leben, als ich mal außer acht), sind SED und Stasi Typen (und Typinnen) real existierende Schmarotzer. Sie nähren sich am Gabentisch unseres Sozialstaates, machen eigentlich nichts anderes als in der DDR und werden von Politikern dafür auch noch gelobt und (sogar finanziell!) siehe Kahane) unterstützt. Das macht einen wirklich wütend.

Ole Free / 10.04.2017

“Die Zeit heilt alle Wunder” Was waren wir doch stolz, beglückt und hoffnungsvoll, das SED-Regime abgestreift zu haben. Es war ein Wunder. Aber dann war der Schwung dahin, wir ergaben uns dem Konsum und anderen Ablenkungen. Schnell wurden wir von den westlichen Parteien gefischt, gingen der Demokratur ins Netz. Die SED, egal wie sie sich auch nennen mag, wurde nicht mit Stumpf und Stiel aus dem Boden der politischen Landschaft entfernt. Nun kriechen Sie immer wieder hervor, als Dozenten an Hochschulen, als Abgeordnete, Mandatsträger und immer öfter auch als gefeierte Bürger. Ich gehe bald in Rente, habe die DDR und die Bespitzelung selbst erlebt. Für mich ist jeder Stasi-Jünger nur ein armes Wesen, welches sein Menschsein dauerhaft verkauft und verraten hat. Da hilft dann auch keine Auszeichnung. Am Ende zählt nur der Spiegel, in den man morgens schaut.

Dirk Jungnickel / 10.04.2017

Liebe Vera Lengsfeld, immerhin wurde der Mann bei der Stasi entlassen, was für ihn sprechen kann - aber nicht muss. Und er geht offen mit seiner Biographie um! Chapeau! Womöglich hat er gar aus seinen Fehlern gelernt. Auch dass er sich für ein demokratisches Gemeinwesen engagiert beweist Charakter - und   Wandlungsfähigkeit, und das macht ihn durchaus zum Anwärter auf Bürgermedaillen. Und da Thälmann und Thälmann vor allen, Deutschlands unsterblicher Sohn bleibt, schlägt seine Ziegenhals - Rede besonders zu Buche. ( Man beachte:  Die beiden Thälmann - Filme erleben am 1. Mai 2017 im ARSENAL eine Wiederaufführung durch die DEFA - Stiftung. ) Unterm Strich ist also ist der Orden verschmerzbar, solange Herr Erxleben nicht in den Öffentlich Rechtlichen oder als Vizepräsident des Bundestages auftaucht. Da sind wir halt allesamt gebrannte Kinder.

Horst Lange / 10.04.2017

Da wird doch die Milch im Kühlschrank sauer. Es lohnt sich ein Klick auf die Links der Verbandsseiten. Was Herr Düsterhöft von der SPD sagt, ist ja schon etwas irritierend. Zweite Chance, gut und schön. Wenn aber die Stasi-Vergangenheit erst durch Dritte offengelgt werden muss, dann ist doch an der Aufrichtigkeit zu zweifeln. Vor allem, nachdem ja scheinbar auch linksextreme Gruppen unterstützt wurden und werden, ist es doch sehr doppelzüngig hier von einem vorbildlichen Einsatz für die Demokratie zu sprechen. Mir tut es v.a. für die Opfer dieses menschenverachtenden Regimes der SED Diktatur leid, derer wir leider viel zu wenig gedenken. Vielleicht findet sich ja ein engagierter Redner aus diesen Reihen. Die Reaktion der Gäste würde mich interessieren. Vielen Dank für die Arbeit Frau Lengsfeld.

Marcel Seiler / 10.04.2017

Bei allen Regimewechseln konnte man feststellen, dass es Menschen gibt, die überall nach oben schwimmen “wie Fettaugen auf der Suppe”. Das war nach dem Ende der Nazidiktatur nicht anders als nach dem Ende der DDR oder nach der französischen Revolution. Das hat mit Überzeugungen oder Moral nichts zu tun, sondern mit der Fähigkeit dieser Menschen, in menschlichen Gruppen eine bestimmte Stellung einzunehmen und sie sich ggf. zu erkämpfen. Die menschliche Gruppenpsychologie ist hier viel stärker und grundlegender als alle Gesellschaftsideologie. Man sollte sich über so etwas nicht empören, sondern anerkennen, dass die menschliche Gruppendynamik biologisch angelegt und viel robuster ist als alle Überzeugungen und jede behauptete Moral.

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