Rainer Bonhorst / 28.10.2017 / 06:15 / Foto: Uris/Chris Gotschalk / 13 / Seite ausdrucken

Sprachverbote: Anleitung zum Unglücklichsein

Spaniens unglücklicher Infant Carlos, den Schiller Karlos mit „K“ schrieb und den Verdi singend leiden ließ, war ein echter Spanier. Darum hieß er Carlos, vorne natürlich mit einem großen „C“, aber, viel wichtiger, hinten, an vorletzter Stelle, mit einem kleinen aber feinen „o“. Warum diese ausführliche Beschreibung eines sehr gängigen spanischen Namens? Aus aktuellem Anlass: Der aufmüpfige Ministerpräsident der Katalanen schreibt sich zwar vorne auch mit einem großen „C“, aber hinten nicht mit einem kleinen „o“ sondern mit einem eigensinnigen kleinen „e“. Also Carles. Könnte sich da der eigentliche Kern des spanischen Verfassungskonflikts befinden? Ein kleines „e“ gegen ein kleines „o“?

Sprachen sind oft Konfliktstoff. Vor allem, wenn sie unterdrückt werden. Und Sprachunterdrückung ist ein klassisches Mittel der kulturellen Bevormundung. Unter Franco durften die Katalanen lange Zeit ihre Sprache nur hinter vorgehaltener Hand sprechen. Einen umfassend offiziellen Status bekam das Katalanische erst, als Spanien unter dem damaligen König Juan Carlos (mit kleinem „o“) demokratisch wurde.

Mit Sprachverboten haben Kulturkolonialisten rund um die Welt gearbeitet. Ob man den ursprünglichen Einwohnern Amerikas den Mund mit Seife auswusch, wenn ihnen ihre Muttersprache über die Lippen kam, oder ob man den einheimischen Australiern ihre Sprachen mit Gewalt austrieb: Mit Sprache kann man herrschen.

Auch die deutsche Sprache in Südtirol und der deutsche Dialekt im Elsass waren – aus unterschiedlich nachvollziehbaren Gründen – bei den italienischen und französischen Mehrheits-Sprachlern nicht immer willkommen. Aber wer eine bedrohte Sprache hat, der kämpft um sie, mal erfolgreich, mal nicht. Mal wird fast Verlorenes mühsam wiederbelebt, ob im amerikanischen Hawaii, ob bei den Kelten im Westen und Norden der hauptsächlich englischen Insel.

"Hochdeutsch ist für mich wie Latein"

Die Ostfriesen haben in Deutschland einen Rest ihrer Sprache gerettet. Sie können unbehindert reden wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und haben vielleicht deshalb keine ausgeprägte Neigung zum Separatismus. Selbst die separatistischen Neigungen der Bayern äußern sich nur verhalten. Dabei leiden die Bayern durchaus unter Sprachverlust-Ängsten. Ihr Dialekt, der sich hart an der Grenze zu einer eigenen Sprache bewegt, wird nicht politisch unterdrückt, wohl aber durch die normative Kraft des Faktischen, also durch den Alltag.

In München begegnet man fast nur noch einem Honoratioren-Bayerisch, also einem Quasi-Hochdeutsch mit bayerischer Einfärbung. Aber dann doch mit etwas Glück immer wieder auch dem saftigen Dialekt, der die Hochsprache wie ein Idiom aus der Amtsstube erscheinen lässt, was sie im Grunde ja auch ist. Oder, wie ein Schweizer mir mal sagte: „Wenn ich hochdeutsch spreche, komme ich mir vor, als spräche ich Latein.“

Womit wir wie durch eine glückliche Fügung in Italien angekommen sind, wo sich ja gerade zwei Nordprovinzen für mehr Autonomie ausgesprochen haben. Na, ja, so weit sie überhaupt gesprochen haben. Die Leute in Venetien und in der Lombardei haben allerdings kein Sprachproblem. Im Gegenteil: Sie halten sich für die Besitzer des feinsten Italienisch. Den Anhängern der Lega Nord geht es vor allem ums Geld. Sie ärgern sich, dass sie als Bewohner und Schöpfer des erfolgreichen und wohlhabenden Nordgürtels den ärmeren bis bitterarmen Süden so sehr subventionieren müssen. Das erinnert an Bayern und Baden-Württemberg, die den ärmeren Norden, vor allem Berlin, das sein Versagen sogar für erotisch anziehend hält, ebenfalls subventionieren.

Die Basken haben lange Zeit Bomben geworfen

Ums Geld geht es den Katalanen natürlich auch. Vielleicht sogar in erster Linie. Aber ich habe mir gedacht, einfach mal ein paar Worte zu der Sache mit der Sprache zu sagen.

Zumal es manchmal scheint, dass so ein Sprachkonflikt umso heftiger ist, je enger man sprachlich verwandt ist. Die Basken im Nordwesten Spaniens haben auch ihre Separatisten, die lange Zeit sogar Bomben warfen. (Wie, halb vergessen, früher einige Südtiroler auch.) Aber die Basken haben wenigstens eine komplett eigene Sprache. Sie ist so eigen, dass sie mit den indoeuropäischen Nachbarn nichts, aber auch gar nichts gemein hat.

Die Sprache der Katalanen hingegen ist nun wirklich engstens verwandt mit dem Spanischen. Kleines „o“ oder kleines „e“? Muss man sich da wirklich gleich scheiden lassen? Eigentlich nur dann, wenn die Mächtigen mit dem „O“ die Minderheit mit dem „E“ durch dämliche Kraftmeierei in die Flucht treiben. Vieles hängt wohl davon ab, ob Carles, der Katalane, wie seinerzeit Carlos, der Infant, eingesperrt wird. 

Natürlich kann die Sprache nicht der eigentliche Grund sein für die mangelnde Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten. Es hat wohl mehr mit dem Problem der engen Nachbarschaft zu tun. Gerade weil man sich so ähnlich ist und sich im Prinzip so gut versteht, knirscht es im Gebälk. Vor allem, wenn der eine Nachbar deutlich kleiner ist und der andere nicht nur größer ist sondern auch mit den Muskeln spielt.

Warum sagen die Spanier nicht einfach, Reisende soll man nicht aufhalten? Sollen die Kleinen ihren Mist doch alleine machen!

Vielleicht liegt es daran, dass die Spanier keine Engländer sind. Den Schotten, die so gerne ihr „R“ rollen und Englands sprachlichen Weicheiern vorführen, wie man ganz hinten im Rachen ein rauchiges „Ch“ hervorruft, haben die Engländer ganz locker erlaubt, sich durch eine Volksabstimmung doch getrost zu verabschieden. Nach dem Motto: Bitte sehr, rollt euer „R“ doch alleine, wenn ihr unbedingt wollt! Und was ist geschehen: Keine Mehrheit für den rollenden Alleingang. Ob die Schotten bleiben, wenn die Engländer endgültig die EU verlassen, ist eine andere Frage. Aber auch da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Warum bringen die Spanier und Katalanen keine englisch-schottische Lösung zustande? Weil den Hauptdarstellern in diesem Operettenkonflikt dazu die Größe fehlt. Lieber verbeißen sie sich kleinkariert in ihrem Kampf um das kleine „o“ und das kleine „e. Wer weiß, ob Carles, der Katalane nicht noch, wie seinerzeit Carlos, der Infant, eingesperrt wird. Dann würde die Operette tatsächlich noch zum Schiller-Drama. 

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Leserpost (13)
Ulrich Berndt / 29.10.2017

Am Anfang war das Wort und wer dieses beherrscht, hat die Macht. Es ist kein Zufall, dass die deutsche Sprache zunehmend anglifiziert wird. Deutsche Kultur wird der Lächerlichkeit preisgegeben ( Fuck you Goethe), denn den Globalisierern schwebt eine identitätslose Masse von Weisungsempfängern und Verbrauchern als Endziel vor. Diesem Ziel dient auch der Genderirrsinn, welcher, inzwischen zum Fachbereich der Universitäten mit der Betonung auf Uni, aufgestiegen ist und zum Berufsbild des Bachelors für die Verhackstückung der Sprache einlädt. Die Sezession ist die Gegenbewegung dazu und verdient jede Unterstützung, wenn wir nicht langsam als gesichtslose Masse im Sumpf der Globalisierung untergehen wollen. Es grüßt das Kommentarschreibende.

Andreas Rühl / 29.10.2017

Geschwätz. Eine “Hochsprache” hat nichts mit der “Hochlautung” zu tun. Nur, weil im katalanischen Dialekt ein paar Silben anders ausgesprochen werden, wird das nicht zu einer “Hochsprache”. Die “Hochsprache” ist ein politisches Konstrukt. Und ein künstlerisches. Es gibt keine Argumente dafür, eine politische Autonomie von irgendwem in der Sprache oder Aussprache von Worten zu suchen. Das ist nur Geschwätz.

Uwe Samsel / 29.10.2017

Bairisch ist ein hochdeutscher Dialekt, so wie alle süddeutschen und mitteldeutschen Dialekte.  Der Norden und Westen Deutschlands hatten dagegen niederdeutsche bzw. niederfränkische Dialekte. (Das Niederfränkische ist heute in der Form des Niederländischen außerordentlich lebendig).  Niederdeutsch und Niederfränkisch, die man spürachwissenschaftlich als eigene Sprachen ansehen kann, sind heute so tot, dass niemand im Rheinland oder in Norddeutschland noch auf die Idee käme,  sich von Deutschland abzuspalten.  Also eine “gelungene” Sprachpolitik…..

Wolfgang Kaufmann / 28.10.2017

Spanisch und Katalanisch ist nicht wechselseitig verständlich; es ist etwa so weit auseinander wie Niederländisch und Hochdeutsch. Das Katalanische steht tatsächlich dem Französischen etwas näher als dem Spanischen. Und es ist seit Jahrhunderten eine eigenständige Sprache mit einer eigenen Literatur. – Am Austritt Sloweniens aus Jugoslawien hat sich merkwürdigerweise in Berlin und Brüssel keiner gestört; hier ist der Abstand zum Serbisch/Kroatischen ähnlich groß.

Hans Peter / 28.10.2017

“Auch die deutsche Sprache in Südtirol und der deutsche Dialekt im Elsass waren – aus unterschiedlich nachvollziehbaren Gründen – bei den italienischen und französischen Mehrheits-Sprachlern nicht immer willkommen. “ Wie bitte?Nicht mal heute sind die Italiener in Südtirol die Mehrheit.Und vor dem 1WK erst Recht nicht.Es gab nicht mal italienische Bezeichnungen für die Berge,Bäche,Strassen dort… Wikipedia:Im Jahr 1910 betrug der italienischen Bevölkerungsanteil in Südtirol 2,9 %, 1961 bereits 34,3 %.

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