Jesko Matthes, Gastautor / 19.12.2017 / 10:00 / 3 / Seite ausdrucken

SPON – oder: Das Gesundbeten des Terrors

Von Jesko Matthes.

„Spiegel Online“ meldet: Alles halb so schlimm. Die Anzahl echter islamistischer Gefährder könnte nur halb so groß sein, oder vielleicht sehr viel weniger als ein Drittel so groß, wie bisher vermutet. Von den 720 als potenzielle Terroristen eingestuften Personen dieses Kreises in Deutschland seien nämlich viele gar nicht so radikal oder gar nicht so fähig zu einem Anschlag. Dafür haben, so SPON, die Ermittlungsbehörden eine Art Ampelsystem eingeführt, die höchste Stufe ist wie immer rot, die mittlere gelb, die ungefährliche wahrscheinlich also grün. SPON erwähnt auch, dass dieses Ampelsystem dazu da ist, die gefährlichsten Gefährder unter den potenziellen Terroristen herauszufiltern, um Polizeiressourcen gezielt einsetzen zu können, weil sie nicht ausreichend vorhanden sind. Halten wir zunächst fest: Dieses Ampelsystem ist keineswegs dazu da, SPON-Leser in die Irre zu führen.

Rechnen wir einmal nach: Wie? Für die 24-Stunden-Überwachung eines Gefährders braucht man 24 Beamte? Klingt nach Kurzarbeit – ist es aber nicht. Drei Schichten Führung bedeuten 15 Leute, denn einer ist im Urlaub, einer ist krank, und der Rest muss in drei Schichten zu viert besetzt werden, einer ist der Chef, einer sein Vertreter, der Dritte kommuniziert und protokolliert, wie früher im Cockpit, dazu je ein Mann Führungs- und Einsatzreserve für akute Lagen – und zum Kaffeekochen. Von den restlichen neun Leuten hat auch einer Urlaub, einer ist krank, bleiben sieben. Die können die Überwachung dann in drei Schichten zu zweit, mit einem Mann zuhause in Rufbereitschaft, gerade so leisten, denn einer fährt das Auto, der andere observiert und fotografiert. Das ist also völlig realistisch. Jeder, der Dienstpläne schreibt, rechnet exakt so.

Rechnen wir aber auch ansonsten einmal nach: Terroristen müssen auch schlafen oder werden krank. Sie bleiben aber prinzipiell immer in Rufbereitschaft. Wir überlegen uns daher, dass von den 720 als islamistische Terrorgefährder eingestuften Personen einige, vielleicht mehr als die Hälfte, auf der Terror-Ampel „grün“ sein werden, reine Sympathisanten. Vielleicht gewähren sie den gefährlichen Gefährdern nur ihr Handy, ihren Laptop oder ihr Sofa zur Übernachtung, oder sie sind zufällig mit ihnen verheiratet, kochen ihnen ihr Essen und machen ihre Wohnungen sauber – völlig ungefährliche Leute also?

Dann wäre da die pessimistische Schätzung: Die Hälfte sind „rot“, zu Terror imstande, 360 Personen, macht 8640 Beamte für die 24-Stunden-Überwachung. Der „gelbe“ Rest macht nur das bisschen Logistik, er hält den Kontakt zur Führungsebene, spioniert die Terrorziele aus, transportiert und lagert die Waffen und den Sprengstoff, würde aber niemals selbst terroristisch tätig werden. Laut Analysesystem „Radar-ITE“ sind es aber nur noch 82 „rote“ Leute, die selbst dazu imstande wären, eine Bombe oder einen Sprengstoffgürtel zu bauen und zu zünden, Sturmgewehre einzusetzen oder kurzerhand einen Fernfahrer zu ermorden, um mit dessen LKW weitere Unschuldige umzubringen. Nur 82 Leute, für die eine 24-Stunden-Überwachung nötig ist: 1968 Beamte.

Sieben oder zweiundachtzig mögliche Anschläge?

Rechnen wir weiter: Macht das 82 mögliche Terroranschläge in den nächsten Monaten und Jahren? Das „Anis-Amri-Prinzip“, sozusagen? Vielleicht machen sie es ja doch zu zweit, dann sind es nur noch 41 Anschläge, oder zu dritt, dann wären es nur noch gut 27, oder in Grüppchen, wie in Paris, dann wären es nur noch sechs oder sieben Attentate. Wenn es weniger Attentate, aber mehr Attentäter pro Attentat sind, dann macht das allerdings deutlich mehr wahrscheinliche Opfer als bei einem Einzeltäter. Einige Attentate werden die überforderten Behörden dank Betonpollern oder ihres Ampelsystems am Ende sogar noch verhindern, vor allem jene Terroranschläge, die in Grüppchen erfolgen sollen, wenn man die Beamten zusätzlich – also: zusätzliche Beamte, dann insgesamt vielleicht 2500 – pro vermutetem Fall einsetzt, nicht pro vermutetem Attentäter.

Zu blöd, dass diese Strategie zu internem Kompetenzgerangel führen kann, und dass die potenziellen Gefährder aus Kriegsgebieten stammen oder von dort gelernt haben und alle diese taktischen Überlegungen daher kennen. Wohl exakt deshalb haben sie bereits geraume Zeit auf die asymmetrische Einzeltäterschaft umgestellt, die viel mehr Behördenressourcen bindet und sie an ihren Schnittstellen störanfälliger macht. Diese alte Partisanen- und Guerillataktik ist das „Anis-Amri-Prinzip“.

Alles „wohl nicht so gefährlich wie gedacht“? Das ist die Logik, mit der SPON uns die Bedarfsplanung personell und taktisch überforderter Sicherheitsorgane als seine Beruhigungspille verkaufen will. Und, wie pietätvoll von SPON, das am Vorabend des Tages getan zu haben, an dem sich das Attentat vom Berliner Breitscheidplatz zum ersten Male jährt.

Hier SPON noch einmal zum Nachlesen:.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (3)
Dietmar Schmidt / 19.12.2017

Diese Rechnung machen Sie mal den Angehörigen der Opfer oder den Verletzten vom Weihnachtsmarkt in Berlin auf. Die werden sich bei SPO bedanken.

Christian Beilfuss / 19.12.2017

Wie schön für den Spiegel, dass er mit viel weniger Leuten als das Bundeskriminalamt schon rein rechnerisch eine so viel genauere Terroreinschätzung hinbekommt.  Konsequent aufgegriffen würde sein Ansatz, weniger Personal fürs Bewachen des Terrorpersonals einzusetzen, am besten aufgehen, wenn man die Roten oder Gelben in seiner Buntheitsskala gar nicht erst hereinließe, und im Versagensfall dann doch achtkantig wieder herauswürfe. Aber ich glaube, darauf wollte Spiegel Online gar nicht hinaus…

Leo Lepin / 19.12.2017

In Berlin ist gerade ein Gefährder aus der U-Haft entlassen worden. Grund: Ein Verdächtiger darf nur begrenzte Zeit in U-Haft sitzen. Dass kein Prozess eröffnet wurde,liegt an der Überlastung der Gerichte in Berlin, an defezitärer Ausstattung der Justiz mit pesonellen uns sachlichen Mittwln. Aus Sicherheitskreisen hiess es wohl inhaltltich dazu, es sei fatal, diesen Gefährder frei zu lassen.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Jesko Matthes, Gastautor / 19.05.2018 / 17:00 / 7

Deutsch sein heißt, es zu übertreiben

Ein Gespenst ging um in Deutschland, das Gespenst des Populismus. Verdächtig still ist es um das Gespenst geworden. Das hat Gründe. Ich spreche zuerst über…/ mehr

Jesko Matthes, Gastautor / 17.05.2018 / 12:00 / 7

Winfried Kretschmann wird 70. Verriss einer Gratulation

Winfried Kretschmann hat Geburtstag. Die WELT veröffentlichte vorab einen Essay ihres Autors Thomas Schmid, unter dem Titel „Die gute, alte Demokratie der Bürger gibt es nicht…/ mehr

Jesko Matthes, Gastautor / 01.05.2018 / 11:00 / 8

Warum Israel nicht warten kann

In der WELT schreibt Gil Yaron, die „dramatische“ Pressekonferenz des Benjamin Netanjahu über die Erkenntnisse des Mossad zum iranischen Atombombenprogramm bezöge sich auf Erkenntnisse von gestern und…/ mehr

Jesko Matthes, Gastautor / 29.04.2018 / 15:00 / 3

Unsinn falsifiziert sich selbst – früher oder später

2012 stellte die renommierte Wissenschaftsplattform edge.org, wie jedes Jahr, eine theoretische Frage. Sie lautete:  Was ist Ihre tiefgründige, elegante oder schöne Lieblings-Erklärung? Gemeint war keine…/ mehr

Jesko Matthes, Gastautor / 22.04.2018 / 10:00 / 8

Reisewarnungen vor Deutschland

Reisewarnungen können zuweilen ein Mittel politischen diplomatischen Drucks sein und potenziell den Tourismus der betroffenen Staaten schädigen. So ging es im vergangenen Jahr hin und…/ mehr

Jesko Matthes, Gastautor / 10.04.2018 / 06:17 / 22

Leitfaden für Notoperationen

Jemand erzählt Ihnen, eine Sache wäre absolut notwendig oder versucht Ihnen im Nachhinein weiszumachen, sie wäre absolut notwendig gewesen? Kennen Sie das? Ich zweifle an solchen…/ mehr

Jesko Matthes, Gastautor / 05.04.2018 / 12:21 / 14

Mit Ernst Elitz auf der Titanic

Nun rudert Ernst Elitz also zurück: „Wir haben ja nun mal eine demokratische Ordnung, wo die Politik sich bei drängenden Fragen - und sie kann…/ mehr

Jesko Matthes, Gastautor / 27.03.2018 / 14:00 / 4

Der Unterschied zwischen Anis Amri und Carles Puigdemont

Man sollte meinen, es sei ein Unterschied, ob man in Europa ein Tourist, ein Terrorist oder ein Separatist ist. Ist es auch. Als unbescholtener Tourist genieße…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com