Henryk M. Broder / 28.01.2012 / 16:42 / 0 / Seite ausdrucken

Spatzenhirn auf großen Füßen

Es gibt in Deutschland keine Reichskulturkammer mehr und keinen Reichskulturwart, dafür gibt es eine Kanzlerin, die Bücher danach beurteilt, ob sie ihrem “Herzensanliegen” hilfreich sind oder nicht, und es gibt eine grüne Bürgermeisterin, die nur Dank der Gnade der späten Geburt die Chance verpasst hat, stellvertretende Leiterin der Reichskulturkammer zu werden: So hat es nur zu einer stellvertretenden Bürgermeisterin gereicht: Hilde Scheidt aus Aachen.

Sie ist vor kurzem aus der DIG Aachen ausgetreten, um gegen die von mir verbreitete “üble Hetze” ein Zeichen zu setzen.  «Wir haben hier in Aachen schon genug mit rechtsradikaler Hetze zu tun - dieses Geschreibsel eines Herrn Broder brauchen wir ebensowenig.» Nun hat Frau Scheidt, die gerne im pluralis majestatis spricht, noch einmal nachgelegt. Laut den Aachener Nachrichten von heute soll sie über mich gesagt haben: “Er spaltet und bringt Streit, davon lebt er.”

Ich kenne Frau Scheidt nicht, ich bin ihr, zumindest bewusst, nie begegnet. Ich habe Aachen immer weiträumig umfahren, wenn ich vom Einkaufen in Lüttich oder in Maastricht nach Köln zurückkehrte. Ich hatte nix mit ihr, habe nix gegen sie und auch nix für sie. Bis vor kurzem wusste ich nicht einmal, dass es in Aachen eine grüne Bürgermeisterin gibt. Ich habe keine Ahnung, warum sie sich dermaßen gegen mich ins Zeug legt, vielleicht ist in Aachen einfach nix los. Oder: Frau Scheidt hat einen an der Waffel. Genauer: Sie ist entweder bescheuert oder eine Antisemitin oder - tertium datur - eine bescheuerte Antisemitin. Zu sagen: “Er spaltet und bringt Streit, davon lebt er” - das ist ein lupenrein antisemitisches Statement, das alle Zutaten antisemitischer Rhetorik enthält. Der Jude als Spaltpilz, als zersetzendes Element, der auch noch davon lebt, dass er Unfrieden in die so friedliche Volksgemeinschaft bringt.

Niemand muss das, was ich mache, mögen. Ich nehme an einem öffentlichen politischen Diskurs teil. Seit dem 8. Mai 1945 ist so etwas in Deutschland nicht mehr genehmigungspflichtig. Wer freilich an der Idee der Volksgemeinschaft festhält, die mit einer Stimme sprechen sollte, für den sind Kritiker vor allem “Spalter”. Muss ich wirklich einer grünen Bürgermeisterin sagen, dass “Streit” zu den Grundelementen einer Demokratie gehört? In der Tat, davon und dafür lebe ich, materiell und ideell. Frau Scheidt aber, die weder einer produktiven noch einer kreativen Tätigkeit nachgeht, lebt davon, dass ich sie finanziere. Sie ist die Made in dem Speck, den ich bezahle. Ein Spatzenhirn im öffentlichen Dienst, das sich von einem (bzw. zwei) Juden dermaßen provoziert fühlt, dass es die Contenance verliert und so redet wie der “Völkische Beobachter” früher geschrieben hat: von Juden, die davon leben, dass sie die Gesellschaft zersetzen.

Ich erwarte, dass sich die DIG Aachen zu diesem Vorfall verhält. Tut sie es nicht, kann sie sich ihren Ehrenpreis dahin stecken, wo die Printen am Ende rauskommen.

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