Gunnar Heinsohn / 15.02.2017 / 06:20 / Foto: Hampton/Royal Navy / 8 / Seite ausdrucken

Spaltet England Europa? Oder ist es Merkel?

Nach dem Brexit am 23. Juni 2016 begreift man in London schnell, dass die Konkurrenz mit Berlin die nähere Zukunft bestimmen wird. Ökonomisch mag man verwundbar wirken, aber im Vorteil ist man durch den Sitz im UNO-Sicherheitsrat, wo man mit seinem Veto bedrängte Staaten schützen kann. Die vier nuklearen Vanguard-U-Boote sind unverzichtbarer Teil dieser Machtposition. Und es ist Theresa May, die schon am 4. Juli 2016 eine komplette Erneuerung dieses Waffensystems ankündigt. Am 13. Juli wurde sie Premierministerin. Im Oktober begann der Bau der vier Dreadnought-Träger für je 12 amerikanische Trident-Raketen à vierzehn Gefechtsköpfen. Diese 672 Titanen bringen selbst Putin zum Verzicht auf Drohungen gegen das Vereinigte Königreich. Wer würde davon nicht profitieren wollen? Die bisher für den Bau bewilligten 31 Milliarden Pfund bringen Arbeit nach Barrow-in-Furness. Ein spezieller Stahl für die Rümpfe wird aus Frankreich importiert, obwohl auch Deutschland etwas von Unterseebooten versteht.

Politiker und Medien zwischen Rhein und Oder gehen seit Juni 2016 ganz überwiegend gegen England in Stellung. Kanzlerin Merkel kann zwar niemanden schützen, aber sie kann mit Geldentzug Abweichler bedrohen, die ihre Handelsfreiheit mit Großbritannien nicht verlieren wollen. Selbst die nervösen heimischen Autokonzerne sollen gegen britische „Rosinenpicker“ trommeln. Die Premierministerin antwortet im Januar 2017 diplomatisch, aber verständlich:

„Ich weiß, dass etliche Stimmen einen für uns schädlichen Deal fordern, um Großbritannien zu bestrafen. Ich glaube allerdings nicht, dass solche EU-Führer deutschen Exporteuren, französischen Bauern, spanischen Fischern, den jungen Arbeitslosen der Eurozone und Millionen anderen allen Ernstes mehr Armut aufhalsen wollen, nur um politisch punkten und England züchtigen zu können. / Wir werden zuverlässige Partner sein, hilfsbereite Alliierte und enge Freunde. Wir wollen eure Waren und Dienstleistungen kaufen.“ (Zitate siehe hier)

London und Warschau wissen, was sie aneinander haben

In Warschau studiert man Deutschlands Drohungen schon deshalb, weil es oft böse endete, wenn Berlin grob wurde. In England wiederum versteht man Polens Sorgen – etwa vor Abmachungen zwischen Berlin und Moskau –, weil die beiden sich zuletzt 1939 das Land aufgeteilt und umgehend mit Völkermord überzogen haben. Da ist gewiss auch Überempfindlichkeit im Spiel, aber nachvollziehbar ist die allemal. London und Warschau wissen, was sie aneinander haben. Schon Juni 1944 in der Normandie kämpfen britische und polnische Truppen Seite an Seite für die Niederwerfung Hitlerdeutschlands. Das wissen hier nicht viele, in Polen aber jedes Schulkind

Doch nach 1945 wird der polnische Alliierte Stalin in den Rachen geworfen. Deshalb will Warschau diesmal vorher sicher sein, woran es ist. Mit Polens Premierministerin Beata Szydło besucht Theresa May deshalb im November 2016 das Polish War Memorial in RAF/Northolt bei London. Dort ehrt man polnische Jagdflieger, die zwischen August und Oktober 1940 in der Battle of Britain einen gewichtigen Beitrag zum Sieg über Görings Luftwaffe leisten. Neben dieser Geste stationiert May 150 Elitesoldaten gegenüber Kaliningrad, von wo Russland seine Raketen auf Polen richtet. Überdies bekräftigt sie Londons Sanktionen gegen den russischen Ukraine-Aggressor. Im Januar 2017 drängt sie sogar Donald Trump, nicht aus dem Boykott auszuscheren. Das ist ein unüberhörbares Signal nach Warschau.

Am 6. Februar 2017 bekräftigt Außenminister Boris Johnson die britische Sanktionspolitik gegen Russland. Am selben Tag teilt Jaroslaw Kaczynski, Vorsitzender der polnischen Regierungspartei PIS, in einem FAZ-Interview mit, dass nach dem Verlust Großbritanniens die EU eigentlich selbst Atommacht werden müsste, um Moskau Paroli zu bieten. Da er darauf niemand rechnen kann, heißt das im Klartext, dass Londons Offerten unüberbietbar sind.

Nur 18 Prozent der Deutschensind bereit ihre Heimat zu verteidigen

Einen Tag später war Angela Merkel in Warschau. Sie besucht emit Polen einen der wenigen NATO-Partner, der das zugesagte Minimum von zwei Prozent am Bruttoinlandsprodukt für sein Militär aufbringen. Deutschland müsste für das Erreichen dieses Niveaus pro Jahr 25 Milliarden Euro zusätzlich aufbringen. Zudem wären nur 18 Prozent der Deutschen, aber 47 Prozent der Polen bereit, ihre Heimat zu verteidigen (siehe hier).

Womit könnte die Kanzlerin Polen zu einem Bündnis gegen England verführen? Man sei für die Fortsetzung der Sanktionen gegen Russland. Das bietet London auch. Dass man die Drohungen mit Geldentzug zurückfahren könne, steht natürlich auch im Raum. Schließlich gemahnt Merkel die Polen an die Tapferkeit von Solidarność. Doch Jarosław Kaczyński war 1980 Sekretär des nationalen Büros von Solidarność. Er entkam dem Gefängnis nur, weil ein Mann gleichen Namens bereits eingesperrt war und die Geheimpolizei nicht erkannte, dass es – Zwillingsbrüder – zwei Gewerkschaftsführer desselben Namens gab. Ungeachtet der Taktlosigkeit der Bundeskanzlerin bleibt der PIS-Chef bei seiner Präferenz für Merkel gegenüber Martin Schulz, dessen Dauertadelei aus Brüssel in Warschau nicht vergessen ist.

Auch weil Merkel am 8. Februar aus Warschau mit leeren Händen heimkehrte, springt am 11. Februar EU-Kommissionspräsident Juncker in die Bresche. London – so wütet der Luxemburger – spalte die EU; denn es verspreche dem Land A dieses, dem Land B jenes und dem Land C solches. 

Doch wirkt nicht einfach das harte Faktum einer altdemokratischen Nuklearmacht im Bündnis mit einer noch größeren in Washington? Realiter misslingt Berlin die Einigung der Rest-EU unter dem Ziel, den Briten die Daumenschrauben anzulegen. Das ist die Spaltung Europas. Überwinden kann man sie durchaus. Man muss nur die freie Wahl des Sozialhilfebezugs abtrennen von den alten vier grenzüberschreitenden Freiheiten für Geld, Waren, Dienstleistungen und Berufsausübung. Warschau hatte das in etwa angeboten. Merkel und Juncker haben sich das verbeten. Der Streit geht weiter.

Foto: Hampton/Royal Navy Imperial War Museum via Wikimedia Commons
Leserpost (8)
Martin Landvoigt / 15.02.2017

Den rechtskonservativen Bewegungen Europas wirft man vor, gegen Europa zu sein. Sie selbst wollen aber um so mehr ein Europa der guten Nachbarschaft. Das heißt gegenseitiger Respekt und begrenzte Hilfe, jedoch keinen Bundesstaat. Es heißt die Wahrung nationaler Souveränität gepaart mit einem nachbarschaftlichen Hilfsangebot. Es heißt Respekt in Fragen der Zuwanderungs- und Flüchtlingspolitik. Merkel hat mit der Öffnung der Grenzen für Flüchtlingsströme ohne Konsultation der Europäer ein klares Zeichen gesetzt: Sei regiert Europa als Hegemonialmacht. Das bleibt nicht unvergessen. Es ist keine gute Nachbarschaft und erst recht keine Qualifikation für einen Bundesstaat. Die katastrophalen Fehlentscheidungen führten zum Brexit und weiter zum Ausheben von Gräben in Europa. GB bestrafen zu wollen ist so albern wie ein Europäischer Bundesstaat. Es wird nicht funktionieren.

Hans J. Zerc / 15.02.2017

Für wen besorgt Frau Merkel die Geschäfte?

JF Lupus / 15.02.2017

Was wäre das schön, wenn diese EU endlich zusammenbrechen würde! Diese Eurokraten haben mehr und vor allem irreparable Schäden in Europa angerichtet als die beiden Weltkriege und die Wirtschaftskrise zusammen.

Peter Hilgeland / 15.02.2017

Scheint so, als ob sich alte Muster und Rivalitäten erneut auftun. Sollte es da wie ein böses Omen verstanden werden, dass der im Artikel gesetzte Link “Dreadnought” auf eine Klasse von Kriegsschiffen verweist, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Rolle im maritimen Wettrüsten spielten?

I.Schuler / 15.02.2017

Es ist immer wieder eine Wohltat, Artikel wie diesen zu lesen,  die jenseits des üblichen Mainstreams unserer öffentlich-rechtlichen Medien liegen,  den Blick des Lesers erweitern,  Interessen und Handlungsweise anderer Staaten verständlicher machen und diese gleichberechtigt neben die deutschen stellen….. Der Austritt Englands aus der EU offenbart in peinlicher Weise, wie verbohrt, kleinkariert, phantasielos und unflexibel die deutsche Politik und die sie tragenden Politiker sind. Wir bräuchten ebenfalls eine Theresa May, jemanden, der in der Lage ist, die Dinge völlig neu zu denken. Herr Schulz wird dieser Jemand nicht sein. Neu und äußerst interessant waren für mich zudem Ihre Informationen bezüglich des Kampfes polnischer Soldaten an der Seite der westlichen Alliierten. Danke!

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Gunnar Heinsohn / 17.10.2017 / 06:25 / 13

Deutscher Herbst, WG Reichsstraße 106

Mein VW-Käfer, ob seiner subtropischen Farbe Klementine genannt, landet am 18. Oktober 1977 im Graben einer verlassenen Straße hoch nach Adamit an Israels Grenze zum…/ mehr

Gunnar Heinsohn / 03.08.2017 / 06:25 / 14

Wer seine Schularbeiten macht, überwindet Grenzen

Um 145 Prozent steigert Japan die Asylantenaufnahme von 2014 auf 2015. Und doch sitzt das Land – mit Süd-Korea – wegen „Null“-Akzeptanz von Flüchtlingen auf…/ mehr

Gunnar Heinsohn / 21.07.2017 / 19:00 / 4

Irak: Ein fünfzigjähriger Krieg wäre keine Überraschung

1980 attackiert Irak mit einer Armee von 200.000 Mann die arabisch besiedelten Ölgebiete im iranischen Chuzestan. Sein Kriegsindex erreicht stattliche 4,4, das heißt um die…/ mehr

Gunnar Heinsohn / 21.06.2017 / 06:05 / 11

Merkels Afrikarettung – und jetzt die Zahlen

Gut, dass Papst Franziskus die für den Süden kämpfende Kanzlerin „ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen“. Immerhin sieht ihr Entwicklungsminister Gerd Müller alsbald 100 Millionen Afrikaner…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com