Beda M. Stadler / 16.09.2011 / 08:21 / 0 / Seite ausdrucken

Sind wir nicht alle ein bisschen verrückt?

Laut der Fachzeitschrift European Neuropsychopharmacology weisen 38,2 Prozent der Europäer mental disorders auf. Die Daten wurden mit Akribie aus anderen wissenschaftlichen Publikationen und Expertenmeinungen entnommen und mit Rechenkünsten von Epidemiologen zusammengestellt. Etwa hundert unterschiedliche psychische und neurologische Krankheitsbilder wurden in dreissig europäischen Ländern inklusive der Schweiz untersucht.

Rechenfehler kann man den Kollegen natürlich nicht vorwerfen, man darf sich aber fragen, ob es den Wissenschaftlern wenigstens ein wenig mulmig wurde, als sie ihre Zahlen in den Medien kolportiert sahen. Wer ist nun eigentlich «psychisch krank», die Wissen¬schaftler oder wir Laien? Die Forscher sind der Frage aus dem Weg gegangen, weil sie sich auf Krankheitsdefinitionen von neurologischen Gesellschaften und auf eine WHO-Definition aus dem Jahr 1993 bezogen. Betrachtet man die allgemeine WHO-Definition für Gesundheit — «.?.?. ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen» —, erstaunt es nicht, dass so viele Europäer psychisch krank sein sollen.

Die aufsehenerregenden Daten sind aber frisiert. Verwendet man dieselben Diagnosen wie 2005, wären derzeit bloss 27,1 Prozent, gleich viele wie damals, psychisch krank. Der Anstieg auf 38,2 Prozent kam zustande, weil neue Diagnosen wie die Schlaflosigkeit oder die Demenz mit einbezogen wurden. Von den somatoformen Störungen wurde übrigens und glücklicherweise das Kopfweh ausgeschlossen. Dank der Studie wissen wir nun, dass mehr als 4? Prozent der Europäer drogen- oder alkoholabhängig sind, was in der Untersuchung selber übrigens von den nationalen Experten bezweifelt wird: Die Zahlen seien viel zu gering!

Dieser Gedanke zieht sich durch die ganze Untersuchung. Man findet, die Zahlen seien generell viel zu niedrig. Freuen wir uns auf die Folgestudie in fünf Jahren, die Autoren fordern nämlich Geld, um weiterzumachen. Dann werden wir sicherlich lesen können, jeder zweite Europäer sei psychisch krank. Derzeit sind nämlich unter den Essstörungen nur die Anorexie und die Bulimie aufgeführt. In der nächsten Studie wird mit Sicherheit die Fresssucht auftauchen. Jetzt, da das Bundesgericht entschieden hat, dass Raucher auch krank sind, kann man die dann getrost auch dazuzählen.

Der grösste Teil der psychisch Kranken (14 Prozent) leidet an Angststörungen. Somit trägt die Studie selber dazu bei, Angst zu verbreiten, da bald jeder Zweite, darunter auch Leute in Berufen, von denen schnell einmal unser Leben abhängen kann, psychisch krank ist: Taxi- oder Tramchauffeure, ¬Chirurgen, Piloten, Lehrer oder Polizisten. Wollen die Epidemiologen bloss Angst verbreiten, um ihre unnütze Arbeit fortführen zu können, und haben sie daher Kraut und Rüben auf einen einzigen Diagnosen-Haufen geworfen?

Da Angst und Hoffnung bislang die beliebtesten Mittel waren, um Menschen gläubig zu machen, erstaunt die offenbarte Hoffnung auch nicht: «.?.?.?bessere Strategien für verbesserte Prävention und Behandlung von Gehirnstörungen als Kernherausforderung des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu entwickeln». Ein magerer Hoffnungsschimmer, bedenkt man, dass in den letzten fünf Jahren der Prozentsatz der psychisch Kranken unverändert blieb.

Wenigstens enthält die Arbeit versteckten schwarzen Humor, der die Zahlenlage relativiert. Man versuchte nämlich, die Anzahl Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, speziell mit dis- oder antisozialem Verhalten, abzuschätzen. Dazu lagen aber nur zwei Studien vor, wovon eine aus der Heimat des Massenmörders Anders Breivik stammt. In Norwegen und England sollen nur 0,6 Prozent der Bevölkerung daran leiden. Alle anderen Studien bezogen sich auf Amerikaner. Man staune: Laut dieser Studien soll der Prozentsatz von Leuten mit asozialem Verhalten in Amerika zwischen 3,6 und 5,9 liegen. Würde man diese Zahlen aus der Studie ernst nehmen, könnte man titeln: «Fast zehnmal mehr Asoziale in Amerika!»

Die Autoren versichern aber, es gebe kaum regionale oder andere Unterschiede, ausser bei harmlosen psychischen Bobos, die bei Frauen mit Abstand häufiger auftreten. Tatsache bleibt, wir haben im Wesentlichen ein Affengehirn, wohl dreimal grösser, aber mit grandiosen Leistungen und Fehlleis¬tungen. Wenn 30 Prozent der über 85-Jährigen von einer Demenz betroffen sind, könnte sowas letztlich auch normal sein. Wollen wir wirklich, dass der normale Alterungsprozess zur psychischen Krankheit wird? Viele Menschen fühlen sich nämlich selbst mit Wahnvorstellungen wohl, obwohl man diese therapieren könnte. Etwa die Wahnvorstellung, es gäbe einen Gott. Andererseits staunt man schon, was Gläubige alles anstellen, um möglichst rasch ins Paradies zu gelangen. Haben die Autoren also doch recht?

Professor Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern.

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