Wolfram Weimer / 18.03.2008 / 10:43 / 0 / Seite ausdrucken

Sigmar und Lothar

Der Bundesumweltminister Sigmar Gabriel macht eine unglückliche Figur. Ein Fehltritt hier, ein Skandälchen da, Poltersprüche dort und eine verwegene Politik gegen deutsche Wirtschaftsinteressen. In Berlin nennen sie ihn schon „den Lothar Mathäus der deutschen Politik“.
Dabei zählt Gabriel eigentlich zu den Hoffnungsträgern der gebeutelten SPD. Er ist wendig und tatkräftig, schnell im Kopf und noch schneller mit dem Mundwerk. Er kann wie wenige andere komplizierte Sachverhalte auf den Punkt bringen, ist nie um einen guten Spruch verlegen und ein Meister der Verblüffungs-Metaphorik.

Gabriel ist zudem der einzige SPD-Minister der neuen Generation und hat sich als Popbeauftragter seiner Partei schon Verjüngungsmeriten verdient.Umso mehr erstaunt nun sein politischer Abstieg. Da die alte Garde der SPD ihre Partei in Zeitlupe an die Wand fährt, wäre Sigmar Gabriel eigentlich der geborene Retter in der Not. Ist er aber ganz und gar nicht. Die eigene Partei hat ihn bei der jüngsten Präsidiumswahl durchfallen lassen, Andrea Nahles bekämpft ihn, wo sie nur kann, und die Parteilinke hält ihn für einen VW-Tui-Schröder-Agenda-Industriefreund. In der Wirtschaft erarbeitet er sich hingegen den üblen Ruf eines Bulldozers der Öko-Ideologie. Irgendwie ist Sigmar Gabriel zwischen alle Stühle geraten. Und genau da kommt der Vergleich mit Lothas Mathäus ins Spiel. Der legendäre Spielführer der deutschen Nationalmannschaft konnte auch viel, verstand sich aber nur mit wenigen. Und wenn bei beiden regelmäßig rhetorische Kapriolen und saftige Eskapaden hinzukommen, dann hat die Nation ihren Boulevard-Spaß.

Die Mallorca-Flugaffäre des Umweltministers wird ihn politisch nicht zu Fall bringen. Aber sie profiliert sein Image als lebensdraller Hallodri. In den Morgenshows der deutschen Radiostationen wird landauf landab schon gewitzelt, dass Sigmar Gabriel soeben aufgestanden und zum Brötchenholen abgeflogen sei. Der Minister kann sich, wenn er das hört, ja mit der legendären Lothar-Mathäus-Weisheit trösten: „Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken!“ Lothar und Sigmar sind zu Ikonen des nationalen Komödienstadels geworden. Wenn sie gemeinsam aufträten, dann würde es eng für Schmidt und Pocher.

Dr. Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift „Cicero“.  http://www.cicero.de

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe sind nur am Tag der Veröffentlichung möglich.

Verwandte Themen
Wolfram Weimer / 17.01.2018 / 06:23 / 0

Das konservative Manifest

Konservative halten auf Respekt dem Ererbten, ihnen ist Geschichte etwas, Theorie aber etwas anderes. Sie interessieren sich für Geschichte und Geschichten, für ihre Städte und…/ mehr

Wolfram Weimer / 11.01.2018 / 17:57 / 7

Ist dieser Mann Licht am Ende des SPD-Tunnels?

Die SPD leidet an alten Gesichtern der Erfolglosigkeit. Mit Lars Klingbeil taucht nun eine neue Figur auf, mit der die SPD wieder jünger, smarter und…/ mehr

Wolfram Weimer / 04.01.2018 / 14:50 / 7

Lafontaine macht den Bernie Sanders

Die SPD leidet schwer. Sie startet Verhandlungen zu einer Großen Koalition, die in der Partei kaum einer will. Sie erträgt mit Martin Schulz einen Wahldebakel-Vorsitzenden,…/ mehr

Wolfram Weimer / 21.12.2017 / 11:57 / 14

Kurz macht Merkel lang

Von Wolfram Weimer Ausgerechnet auf dem Wiener Kahlenberg hat Sebastian Kurz sein Regierungsprogramm vorgestellt. Dort fügten die Europäer 1683 dem osmanischen Heer eine vernichtende Niederlage…/ mehr

Wolfram Weimer / 15.12.2017 / 06:15 / 6

Der Notarzt der Grünen

Robert Habeck redet im professoralen Tonfall des besorgten Therapeuten. Den Grünen drohe „Marginalisierung” und „Relevanzverlust”, sagt er, als fehlten seiner Partei lebenswichtige Vitamine. Wenn es…/ mehr

Wolfram Weimer / 08.12.2017 / 06:10 / 11

Homer Simpson jetzt Chefberater in Bayern

Markus Söder hat das, was der SPD fehlt – den unbedingten Willen zur Macht. Wo die Berliner Republik einen zehenspitzigen Menuett-Tanz der willenlosen Regierungsbildung tanzt,…/ mehr

Wolfram Weimer / 23.11.2017 / 10:52 / 7

Börse erleichtert über Lindners Korb

Die Börse ist für politische Krisen ein besserer Indikator als die Salons von Berlin. Während man in letzteren noch Wunden leckt, quittiert die Börse das…/ mehr

Wolfram Weimer / 10.11.2017 / 06:15 / 14

Wehe, wer Merkel kritisiert

Sie nennen es bereits die „Kritikerpest“. Jeder ranghohe Unionspolitiker, der Angela Merkel in den vergangenen zwei Jahren kritisiert hat, wird selber siech. Die Fehler der…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com