Rainer Grell / 26.03.2017 / 06:00 / Foto: Andrius Petrucenia / 3 / Seite ausdrucken

Sieg oder Niederlage – das ist hier die Frage

Was ist der Unterschied zwischen Fußballspielern und Politikern? Wenn Fußballer ein Spiel verlieren, verlassen sie mit hängenden Köpfen, wie geprügelte Hunde, den Platz. Nicht selten fließen sogar Tränen. Wenn Politiker eine Wahl verlieren, machen sie daraus in aller Regel einen Sieg. Und wenn das auch beim besten Willen nicht geht, muss der Wähler dran glauben. Wobei natürlich niemand erklärt, die Wählerinnen und Wähler seien einfach zu dämlich gewesen, die geniale Politik der unterlegenen Partei zu erkennen. Vielmehr heißt das im Politsprech: Es sei nicht gelungen, dem Wahlvolk die wesentlichen Ziele der eigenen Politik zu vermitteln.                   

Dabei haben Fußball und Politik bei Sieg oder Niederlage durchaus Gemeinsamkeiten. Beim Fußball gewinnt, wer mindestens ein Tor mehr als der Gegner schießt. Zwar betonen Sportreporter zuweilen, der Sieg sei „verdient“ oder „unverdient“ gewesen oder die unterlegene Mannschaft habe „besser gespielt“ als der Sieger. Aber das ist natürlich dummes Gerede. Für den Sieg zählen nur die Tore. Bei einer Wahl kommt es nur auf die Stimmen an. Der Wähler entscheidet. Da hilft es nichts, das bessere Programm oder was auch immer einer unterlegenen Partei zu loben. Entscheidend ist, wie Altkanzler Helmut Kohl es einmal in seiner unnachahmlichen Art formuliert hat, „was hinten rauskommt“.

Doch das ist nicht alles. Die Arithmetik eines Fußballturniers kann dazu führen, dass eine unterlegene Mannschaft trotzdem weiterkommt, weil eine andere noch schlechter gespielt hat. Ähnlich kann es in der Politik laufen. Das nennt man Koalition. Jüngstes Beispiel die Wahl in den Niederlanden am 15. März: „Wahlsieger“ Rutte verliert 5,28 Prozent oder 10 Sitze, „Wahlverlierer“ Wilders gewinnt 3,02 Prozent oder 4 Sitze.

Oder die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern am 4. September 2016: SPD und CDU haben beide verloren, die einen 5,0 Prozent, die anderen 4,0 Prozent. Sie wurden vom Wähler, wie es immer heißt, „abgestraft“. Eine schöne Strafe! Bleiben sie doch trotzdem an der Macht. Die AfD schiebt sich mit 20,8 Prozent auf Anhieb auf Platz 2 vor Merkels CDU. Hätte „Wahlgewinner“ Erwin Sellering statt mit der CDU mit der Linken koaliert, wäre ein weiterer „loser“ ans Steuer gekommen: minus 5,2. Es ist so wie wenn ein Vorstandsmitglied „geschasst“ wird – mit einer satten Abfindung und einer Aktienoption im Wert von 50 Millionen Euro (Beispiel Jürgen Schrempp).

Wenn das entsprechende Gelaber auf allen Fernsehkanälen ertönt, betätige ich regelmäßig meine Lieblingsfunktion der Fernbedienung: die „MUTE“-Taste.

 

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Leserpost (3)
Thilo Mühlberger / 26.03.2017

It’s a feature not a bug. Die Parteiendemokratie ist so konstruiert, dass die Bürger nur Statisten sind. Der Wähler kann weder über   das Politikpersonal noch über Sachentscheidungen entscheiden. Ein Versagen gegenüber dem Wähler bleibt bleibt bewusst konstruiert folgenlos; Politiker werden gegen ihren Willen nur aus parteiinternen Gründen ausgetauscht. In einer Oligarchie der politischen Klasse mit Untertanen, in einer Scheindemokratie wie wir sie haben ist das beschriebene Phänomen systembedingt generell erwartbar. Die Frage Sieg oder Niederlage durch Wahlen oder Abstimmungen von Wählern ist dem deutschen System wesensfremd.

Karla Kuhn / 26.03.2017

Sehr guter, leider auch sehr realistischer Text, Es ist nicht zu fassen. Anstand und Größe scheint es gar nicht mehr zu geben. Und dann wundern sich Politiker, wenn die Bürger sie nicht mehr für voll nehmen und gar nicht mehr zur Wahl gehen oder die AfD wählen.  Ich habe kürzlich einen Satz von einer Leserin gelesen, sie schreibt, ich bin nicht von der AfD überzeugt aber ich wähle sie aus Verzweiflung. “Wenn das entsprechende Gelaber auf allen Fernsehkanälen ertönt, betätige ich regelmäßig meine Lieblingsfunktion der Fernbedienung: die „MUTE“-Taste.”  Die Fernbedienung ist eine geniale Erfindung. Für Schulz scheint seine Wahl zum Kanzler schon gewonnen, er stellt sein Programm vor, es sagt NICHTS aus. Außer den dringendsten Themen, wie Flüchtlingspolitik, Grenzschließung etc. will er alles machen, gleicher Lohn für Frauen und Männer, nur Bla Bla Bla, er sagt aber nicht, wie er es umsetzen will. Hat die SPD in den letzten Jahrzehnten nur geschlafen, wenn ihr jetzt erst auffällt, daß Männer und Frauen unterschiedlich bezahlt werden ? Was für ein Armutszeugnis. Wurde dieser Mann nur aus Verzweiflung als Kandidat aufgestellt ?  Wie weit weg vom Wähler muß die SPD sein.

Martin Wessner / 26.03.2017

“Also…also…ähh…zuallererst einmal möchte ich mich hier, im Studio, als Spitzenkandidat meiner Partei herzlich bei den vielen Wählern und Wählerinnen dort draussen im Lande dafür bedanken, dass sie uns ihr Vertrauen ausgesprochen haben. Und dann möchte ich noch allen Parteifreunden und -freundinnen an der Basis mein großes Lob dafür aussprechen , dass sie mit uns gemeinsam über die vielen Monate so hart gekämpft und mit uns im Schulterschluss dieses Wahlergebnis erreicht haben.” ....Jubel…..TOR! TOR! TOOOOR!!!....aufbrandender Applaus!!! ;-)))))

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