Gastautor / 04.08.2016 / 06:10 / Foto: US Navy / 54 / Seite ausdrucken

Sie beobachten mich wie Gaffer auf der Autobahn. Ich bin der Unfall

Von Marisa Kurz.

Ich habe Angst. Ich bin ein Nazi, deshalb habe ich Angst. Eigentlich stimmt das nicht ganz. Ich bin gar kein Nazi und auch nicht im Ansatz rechtsradikal. Ich bin auch noch nie konservativ gewesen, und wäre links so progressiv, wie es eigentlich sein sollte, wäre ich links. Aber die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, Spiegel Online, Heiko Maas und Facebook wollen mir einreden, dass ich rechtsradikal bin.

Ich werde bald 28, meine Mutter ist ein Althippie und ich habe drei Uniabschlüsse. Sozial bin ich gut integriert, jedenfalls solange ich meine Klappe halte. Sobald ich meine Meinung sage, werde ich zur Aussätzigen. Ich frage mich, in welches Land ich einmal auswandern werde.

Warum? Weil ich islamkritisch bin und nicht mit Merkels Flüchtlingspolitik einverstanden. Ich wage es, diese Meinung auch noch zu äußern - vor allem auf Facebook. Ich tue schlimme Dinge: ich teile kritische Artikel von Islamkritikern mit Migrationshintergrund (oder sogar von Broder!) oder weise darauf hin, dass es seit 09/11 fast 29.000 islamistische Terroranschläge gab. Ein paar Leute trauen sich, meine Beiträge zu liken. Ein paar sagen mir unter vier Augen, dass sie meine Beiträge gut finden. Aber das würden sie niemals öffentlich zugeben. Denn auch sie haben Angst. Eine Freundin steht vor der Verbeamtung. Da muss man natürlich aufpassen, was man sagt. Heiko is watching.

Viele meiner Facebook-Freunde haben mich schon gelöscht. Viele sind still, aber ich weiß, dass sie meine Meinung verachten. Nach den Wahlerfolgen der AfD haben viele von ihnen dazu aufgefordert, dass AfD-Unterstützer sich umgehend selbst aus ihren Freundeslisten löschen mögen. Nach islamistischen Terroranschlägen werden Beiträge darüber geteilt, dass wir jetzt umso mehr gegen die Diskriminierung von Muslimen kämpfen müssen. Und gerade erst ging ein Video der Tagesschau herum – mit dem Inhalt, dass es wahrscheinlicher ist, beim Essen zu ersticken, als bei einem Terroranschlag zu sterben.

Diese Leute haben sicherlich keine Freude daran, wenn ich sie auf die oben genannten fünf islamistischen Terroranschläge pro Tag hinweise oder darauf, dass es ziemliche Nazi-Methoden sind, Andersdenke so zu behandeln. Trotzdem bleiben sie meine Facebook-Freunde und kommentieren meine Beiträge nicht. Sie beobachten mich im Stillen. Sie sind wie Gaffer bei einem Unfall: sie finden meine Beiträge schrecklich, aber sie können nicht wegschauen. Ich bin der Unfall.

Sie beobachten mich wie Gaffer auf der Autobahn. Ich bin der Unfall

Dabei bin ich eigentlich kein besonders gefährlicher Typ. Ich komme dem Postboten entgegen, trage mein Paket selber hoch und gebe ihm Trinkgeld. Ich bin Mitglied im Tierschutzverein und habe einen bosnischen Straßenhund adoptiert. Ich habe die Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem besucht und bitterlich geweint. Aber irgendwie bin ich doch rechtsradikal.

Ich beobachte immer wieder, wie Profile von islamkritischen Autoren, die ich auf Facebook abonniere, gesperrt werden – oft sogar die von Autoren, die selbst aus islamischen Ländern stammen. Ein türkischer Kommilitone teilt währenddessen Videos von Pierre Vogel. Zugegeben, eigentlich ist das schon fast witzig, aber eben das verstehen die Leute ja nicht! Und mir geht der Humor langsam aus. Unsere aufklärerischen Werte sind ernsthaft in Gefahr und als ich noch ein Kind war, habe ich nie gedacht, dass ich mir einmal um diese Werte Sorgen machen werde.

Wenn ich Intoleranz kritisiere, bin ich dann wirklich intolerant? Soll ich wirklich still sein, wenn ein kritischer Blogger verhaftet, eine vergewaltigte Frau gesteinigt, eine unehrenhafte Schwester ermordet wird? Oder vielleicht ein Schwuler oder ein Jude? Wieso will mir Spiegel Online jeden Tag einreden, dass ich ein schlechter Mensch bin und wieso teilen meine Facebook-Freunde begeistert, dass AfD-Anhänger nicht mehr Mitglied im Fußballfanclub vom BVB sein dürfen? Sind denn alle um mich herum verrückt geworden? Vielleicht ist es für die Leute leichter, mich für einen schlechten Menschen zu halten, als sich mit Inhalten auseinanderzusetzen. Vielleicht halten mich Andere auch nicht gar nicht für einen schlechten Menschen – immerhin wissen sie das mit meinem Straßenhund! – sondern im besten Fall für dumm, naiv oder charakterlich schwach und anfällig für die Propaganda der Rechtspopulisten.

Es kann per definitionem gar nicht rassistisch sein, eine Weltanschauung zu kritisieren

Ich will mal Professorin werden und ich traue mich, meine unerwünschte Meinung öffentlich zu machen. Dafür lasse ich mich vielleicht noch als geisteskrank, aber bestimmt nicht als charakterlich schwach bezeichnen. Ich verstehe nicht, warum sachliche Islamkritik nicht existieren darf. Der Islam ist kein Mensch. Es kann per definitionem gar nicht rassistisch sein, eine Weltanschauung zu kritisieren. Und Weltanschauungen haben nicht das Grundrecht, immun gegen Kritik zu sein.

Wir leben in einer Zeit, in der man sich sehr leicht Informationen beschaffen kann. Man kann den Koran lesen, man kann sich die zahlreichen Studien über die Einstellungen von Muslimen, die in westlichen Ländern leben, beschaffen, man kann sich ein Bild darüber machen, wie Menschenrechte ganz besonders in islamischen Ländern verletzt werden. Und wie hier vor allem Frauen, Homosexuelle, Transgender und religiöse oder nicht-religiöse Minderheiten behandelt werden.

Die meisten meiner Bekannten sind Akademiker. Gerade sie sollten gelernt haben, sich Informationen zu beschaffen und sie kritisch zu reflektieren. Aber gerade bei ihnen setzt diese Fähigkeit bei den „unbeliebten“ Themen wie Islamkritik vollkommen aus. Was wäre wohl los, wenn Scientologen fünf Anschläge pro Tag verüben, Schwule umbringen und Frauen verschleiern würden? Oder Neonazis?!?

Wo ist der Unterschied? Der Unterschied ist, dass man den Islam einfach nicht kritisieren darf. Warum? Einfach, weil es so ist. Punkt. Und weil es so in der Zeitung steht. Weil man dann rechts ist, ein Nazi und rassistisch. Und Nazi sein ist doof.

Ich bin der Nazi. Jeden Tag, wenn ich Zeitung lese - und ich lese viel Zeitung - wird das bestätigt. In Diskussionen werde ich beschimpft. Meine Meinung ist nicht willkommen. Dabei tue ich nichts als Menschenrechtsverletzungen, intolerante Ansichten und Meinungszensur zu kritisieren. Und das macht mir Angst. 

Marisa Kurz, geboren 1988, hat zwar im Doppelstudium Biochemie und Philosophie studiert und abgeschlossen, will aber  Ärztin werden. Deshalb studiert sie seit 2014 Humanmedizin in München und promoviert in Medizinethik. Ihr vollintegrierter bosnischer Straßenhund hat seit kurzem einen EU-Haustierausweis. Marisa schreibt nebenbei Texte und versucht sie bei namhaften Blättern zu veröffentlichen.

Foto: US Navy Nordelch via Wikimedia
Leserpost (54)
Michael Hoffmann / 04.08.2016

Liebe Frau Kurz, Tut mir leid, aber Sie lesen die falschen Zeitungen und haben die falschen Freunde und Bekannte. Meine Frau ist ehrenamtlich in einer palliativen Enrichtung tätig. Neulich gab es eine Feier bei den Ehrenamtlichen. Natürlich kam man auch auf die Politik zu sprechen. Meine Frau war selber erstaunt, als sie feststellte, daß ausnahmslos alle (!) Beteiligten die AfD wählen würden. Innerhalb unseres Freundes- und Bekanntenkreises können wir Ihre Beobachtungen, die zweifellos zutreffen, nicht bestätigen. Das bestärkt uns natürlich in unseren Überzeugungen und läßt uns hoffen, daß doch noch nicht alles verloren ist.

Hilmar Tuerkowsky / 04.08.2016

Danke für diesen Text. Er beschreibt treffend eine traurige Wahrheit. Aber wie Sie hier lesen können, sind Sie nicht völlig allein. Halten Sie durch. Ich tue das auch, und Sie können mir glauben, für einen Lehrer ist das in unserem Land eine mutige Tat.

Axel Balster / 04.08.2016

Ein guter Text, gibt er doch genau die Verzweiflung wieder, unter der viele zur Zeit leiden. Nie habe ich, noch nicht einmal als politisch Verfolgter in der DDR (zweimal in Haft, freigekauft) diese Aussichtslosigkeit auf eine positive Veränderung in Deutschland empfunden wie heute. Die allumfassende Indoktrination in allen Medien, die Huldigung der Zuwanderer und des Islam, das Nichterkennen oder besser Nichterkennenwollen des fortlaufenden Zerfalls des staatlichen Gewaltmonopols und des Rechts sowie das ewige unsinnige Geschwafle unfähiger Politiker ist einfach unerträglich geworden.

Bertram Scharpf / 04.08.2016

Das ist mir auch schon passiert, daß ein angehender Lehrer mir gesagt hat, er hätte mir gern ein „Gefällt mir“ gegeben, aber er könne es nicht, weil sonst seine Karriere in Gefahr sei.

Diane Carmine / 04.08.2016

Liebe Marissa! Auch ich habe einen Uniabschluss und arbeite sogar seit 12 Jahren in einer deutschen Universität. Ich kenne das befremdliche Gefühl von Leuten umgeben zu sein, die regelrecht zerfressen sind von politischer Korrektheit. Junge Leute, die an das Gute in Menschen glauben, die nie für irgendetwas kämpfen mussten, die in einer idealen Welt geboren wurden und die der festen Überzeugung sind, dass mit ein wenig Anstrengung alles gut sein wird. Ich selber bin vor 28 Jahren aus einem Ostblockland gekommen und war bis vor etwa einem Jahr dankbar in einem Land zu leben, in dem man seine Meinung frei äußern darf ohne Angst haben zu müssen, dass man als Nazi abgestempelt wird. Ich empfinde die Zensur in Deutschland noch schlimmer und deprimierender als damals in Ostblock. Da waren wir uns mindestens alle einig was die Politik und die Regierung anging. Heute und hier muss ich mich mehr in Acht nehmen.

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