Shakespeare appelliert an Dunkeldeutschland

Von Josef Hueber.

Es gab mal den Werbeslogan "Nur wo Nutella drauf steht, ist auch Nutella drin". Heribert Prantl, Leiter des Ressorts Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung, hat im Widerspruch dazu mit seinem Vorwort zu dem kleinen Buch "Die Fremden – Für mehr Mitgefühl" eine Mogelpackung auf den Markt geworfen (dtv Verlag, 2016). Er schreibt Shakespeare drauf, obwohl der Shakespeare, wie er ihn uns lesen lässt, nicht drin ist.

Im Vorwort versucht er, als Interpret von Weltliteratur, ungeachtet philologischen Widerspruchs, Shakespeare im Hinblick auf die gegenwärtige politische Situation der Massenimmigration in Deutschland, in die Pflicht zu nehmen. Er entdeckt im Nachlass des Großen eine Rede pro Merkel und gegen das Gaucksche Dunkeldeutschland. Und er saugt Zustimmung zur Wir-schaffen-das-Politik aus der Feder des englischen Barden. Summa summarum: Prantl liefert eine mutige, weil kenntnisfremde Hinführung zu dem jüngst als authentisch anerkannten Dramenfragment Sir Thomas Morus. Was der Leser tatsächlich erhält, ist ein in der Geschichte der Literatur-Rezeption hinlänglich bekanntes Phänomen: Ideologisierung von Literatur durch zurechtgebogene Interpretation.

Wichtig für diese politisch instrumentalisierte und für Prantl scheinbar hochaktuelle Veröffentlichung des Fragments ist jedoch nicht die in diesem Drama gezeichnete Biographie des gleichnamigen englischen Gelehrten, sondern die nachweislich von Shakespeare verfasste Rede Morus’ an die gegenüber eingewanderten Fremden lynchbereiten Bürger Londons.

Was geschah und warum? Im frühen 16.Jhd. kam es in London zur fremdenfeindlichen Aktionen. Man warf dem König vor, der Bevölkerung und dem Land durch Privilegien, die Fremden gewährt wurden, zu schaden. Diese Fremden aus Flandern und Frankreich waren sowohl aus politischen, als auch aus religiösen Gründen nach England geflohen. Sie brachten es zu wirtschaftlichem Erfolg und bedeuteten einen harten Wettbewerb für Londons Handwerker.

"Weltweit als Plädoyer für Menschlichkeit und Mitgefühl gelesen"

Arbeitsmangel der einheimischen Bevölkerung , so klagte man, sei eine bittere Folge davon. Dazu kam, dass sich die Flüchtlinge aus Flandern und Frankreich häufig nicht an die Gepflogenheiten der Stadt London hielten und sogar „übergriffig“ wurden, wie der Literaturwissenschaftler und Shakespeare-Fachmann Frank Günther in seinem Nachwort wissen lässt.

Als sich die Situation zuspitzt, hält der „Untersheriff“ Thomas Morus eine Rede, in der er die aufgebrachte Menge zur Räson bringen will. Der öffentliche Zorn soll politisch ruhig gestellt werden. Dies gelingt Morus mittels einer flammenden Rede - im Dramenfragment. Den historischen Tatsachen entspricht dies jedoch nicht.  Die Situation kulminierte in Angriffen auf die Fremden und deren Häuser. Der Untersheriff Morus war gescheitert.

Die literarische Rede des Thomas Morus veröffentlichte unlängst der dtv Verlag. Das mir vorliegende Exemplar ist zusätzlich mit einem roten Aufkleber versehen: „Weckruf aus einer anderen Zeit. VON ERSCHÜTTERNDER AKTUALITÄT“. Der mit „Einführung“ bezeichnete Text, gleich nach dem Vorwort, (nicht mit Verfassernamen gekennzeichnet) gibt uns Lesern die intendierte Blickrichtung erneut vor und leitet den Leser an, Prantl (in Die Fremden – Für mehr Mitgefühl) scheinbar bestätigend, wie er Shakespeares Text zu verstehen habe. Die Rede von Thomas Morus werde, so der Verlagstext, „weltweit als Plädoyer für Menschlichkeit und Mitgefühl gelesen“.

Unglücklicherweise hat Heribert Prantl das Vorwort zu "Die Fremden – Für mehr Mitgefühl" geschrieben, ohne vorher gelesen zu haben, was der Literaturwissenschaftler und Übersetzer Frank Günther im gleichen Büchlein zu der von Shakespeare verfassten Rede zu sagen hat. Dann wäre ihm die Peinlichkeit einer völligen Fehlinterpretation nicht unterlaufen. Verständlich ist Prantls Interpretation allerdings schon: Sie passt ja genau in das politisch korrekte Denkbild der Willkommensfreunde.

Mit Shakespeare für die Einwanderungspolitik unserer Kanzlerin?

Shakespeare, wer hätte das gedacht, ergreift Partei für die Einwanderungspolitik unserer Kanzlerin? Wie heute, gab es das damals schon: „ Hetzreden“ von Pegida-Menschen (die zwar nicht so hießen, aber dieselbe Mentalität hatten), „Glaubensflüchtlinge“, „Einheimische, die meinten, sie müssten sich mit Gewalt gegen die Fremden wehren.“ Und es gab den „Aufstand der Anständigen“, wie ihn Shakespeare in Thomas Morus’ Rede angeblich aufleuchten lässt. Programmatisch an dieser Rede sei ihre Aktualität. Dass sie „immer noch gilt.“ Alle Anständigen, folgerichtig, die den Flüchtlingen bei der Integration helfen, „brauchen heute einen Thomas Morus“.

„Wir schaffen das“, der Merkel-Slogan sozusagen die Lehre aus der Morusschen Rede, ist in Prantls Augen „kein schlechtes Motto“. Wen, wenn er zweifelt, überkommen da nicht Zweifel an den eigenen Zweifeln, wenn Shakespeare, der literarische Titan in Welterfahrung und Weltdeutung, Promoter einer Politik wird, die aktuell ebenso wenig angezweifelt werden darf wie die These vom menschengemachten Klimawandel?

Wäre da bloß nicht das Nachwort des anerkannten Shakespeare Kenners und Übersetzers Frank Günther. Nach der Lektüre von Güthers brillianter Interpretation und Erläuterung des Dramenfragmentes wird nämlich klar, dass Prantls Vorwort nicht eine erhellende Hinführung zu dem Dramenfragment ist, sondern eine manipulativ gesteuerte Vorschaltung, die den vorurteilsfreien und adäquaten Zugang zu Shakespeares Text verhindert.

Wer sich nicht die Mühe macht, das umfangreiche, aber unentbehrliche Nachwort zu lesen, der fühlt sich zwar gestärkt in seiner politisch korrekt internalisierten Wirschaffen-das-Überzeugung, jedoch bleibt er literaturgeschichtlich irregeführt, was dem Barden aus Stratford-on-Avon nicht gefallen würde. Günther beweist nämlich genau das Gegenteil, was der SZ-gedopte Leser nach Absicht Prantls lesen soll. Es geht dem Shakespeareschen Morus nämlich, detailgenau und überzeugend dargelegt, „ nicht um die Flüchtlinge selbst oder um ihr Leid und ihr Schicksal“.

Es ging nicht um die Flüchtlinge oder um ihr Leid

Morus’ Anliegen seidie „Niederschlagung eines Volksaufstandes, der die staatliche Ordnung erschüttert“ und die Gefahr eines „Bürgerkrieges“ enthält. Seine Rede, so Günther, ist ein Beispiel für rhetorisch geschickt aufbereitete Manipulation hin zu einer Staatsräson, die den Gedanken der Mitmenschlichkeit , die „Goldene Regel“ eines allgemeinen moralischen Imperativs lediglich instrumentalisiert: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

Die Intention der Rede von Morus „ist denn wohl auch etwas anders, als ihm in griffiger Pointierung zugeschrieben wird.“ Sein „Mitmenschlichkeitsappell“ ist lediglich das „letzte rhetorisch eingesetzte Mittel zum eigentlichen strategischen Zweck: im Aufruf an die Bürger Londons zum Gehorsam gegenüber der von Gott eingesetzten Obrigkeit.“ Morus will mit seiner Rede einen zerstörerischen Volksaufstand gegen König und Staat abwenden. Was als Mitgefühl daherzukommen scheint, ist ein rhetorischer Trick der Emotionalisierung der aufgebrachten Menge zum Zwecke der Disziplinierung, das heißt der Unterwerfung unter die Staatsräson.

In der Bibel ist zwar davon die Rede, dass „die eine Hand nicht wissen soll, was die andere tut“, doch sollte dies nicht für die Co-Autoren an einem Buchprojekt gelten. Hätte Prantl den literaturwissenschaftlichen Teil der Ausgabe von F. Günther gelesen, dann wäre es ihm nicht unterlaufen, Shakespeare in der Rede des Thomas Morus einen, wie er schreibt „ Appell an den Anstand und an die Menschlichkeit“ zu unterstellen. Zudem ist es, ein Gemeinplatz für jeden Kenner von literaturwissenschaftlicher Interpretation, äußerst riskant, Äußerungen einer Figur mit dem Denken des Autors gleichzusetzen.

Prantls Blick richtete sich offensichtlich auf gefühlte, wenn auch nicht vorhandene Parallelen zwischen den Gegebenheiten zur Zeit Shakespeares und heute. „Hetzreden gegen Flüchtlinge“, „Angriffe auf Menschen, die ... in London Schutz suchten...Glaubensflüchtlinge, die zu Hause ihres Lebens nicht mehr sicher waren“ – da bleibt nicht mehr viel Platz für Raum, in dem die wesentlichen Unterschiede erkennbar sind.

Sehr beruhigend: Shakespeare kann nicht widersprechen

Was sind jedoch, postfaktisch gefragt, die Fakten? Was kennzeichnete die angefeindeten „Ausländer“ im London der Zeit Shakespeares, fast 100 Jahre nach Thomas Morus’ Auftreten? Der Wissenschaftler lässt es uns wissen. Sie brachten „Techniken und Fähigkeiten“ ins Land, die man in England nicht kannte und „ trugen damit zur Prosperiät“ der Stadt bei. Man war sich seitens der politischen Machthaber dieser Vorteile bewusst, wenngleich die Fähigkeiten der Eingewanderten deutliche Wettbewerbskämpfe mit den Einheimischen, oftzu deren Nachteil , bedeuteten. Dass die Handwerksgilden den Fremden daran schuld gaben, ist nachvollziehbar.

Doch wo das Gemeinsame gut ausgebildeter Flüchtlinge und deren Anteil am wirtschaftlichen Gedeihen der Stadt London zur Zeit Shakespeares mit den Flüchtlingen und Zuwanderern in Deutschland heute liegen soll – darüber erfahren wir bei Prantl nichts. Warum wohl?

Und außerdem ist zu fragen: Trugen die Flüchtlinge vielleicht Mitschuld an der Ablehnung durch die Londoner Bevölkerung? Missachtung der Gesetze, Ausnutzung von königlich gewährten Privilegien, Drangsalierung der einheimischen Bevölkerung. Auch dies, so Günther, waren Erfahrungen derjenigen, die schon lange in England lebten, um Merkels moderne, multikulturell, nicht an der Nationalität orientierten Worte zurBezeichnung der indigenen Bevölkerung zu verwenden. Wird also im

Hintergrund dieser negativen Erfahrungen die Abneigung Londoner Bürger gegen Flüchtlinge zu Shakespeares Zeiten verständlich? Falls Prantl auf seiner Interpretation der Morusschen Rede beharrt und der Meinung ist, dass die Flüchtlings- und Zuwanderungsfrage von damals auf die Situation heute problemlos übertragbar, das heißt hochaktuell ist, kann erberuhigt damit leben. Shakespeare wird ihm nicht widersprechen.

Josef Hueber, Germanist und Anglist, war Leiter der Fachschaft Englisch an einem Gymnasium in Bayern

Foto: Peter Schütze/Fritz Kortner via Wikimedia Commons

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