Gastautor / 02.09.2016 / 15:00 / Foto: Binksternet / 3 / Seite ausdrucken

Seit 50 Jahren: Gabun, die Wahl und die Bongos

Von Volker Seitz. Nach den Wahlen in Gabun vor ein paar Tagen gibt es Ausschreitungen. Was ist der Hintergrund des Machtkampfes? Gabun liegt in Zentralafrika und grenzt an Kamerun, Äquatorialguinea und Kongo/Kinshasa. Es ist einer der rohstoffreichsten Staaten Afrikas, mit erheblichen Erdölreserven vor der Küste. Das Land ist zu 85 Prozent von Wald bedeckt. Gabuns Waldfläche ist rund zwanzig Mal größer als die der Schweiz. Trotz guter Bedingungen für Landwirtschaft – es gibt hervorragende, ungenutzte Böden – importiert Gabun fast alle Nahrungsmittel. In den Supermärkten von Libreville und Port Gentil gibt es fast nur teure importierte Produkte zu kaufen.

Von 1967 bis 2009 wurde Gabun beherrscht von Omar Bongo, der dank Öl-, Mangan- und Holzexporten zu sagenhaftem Reichtum kam. Er starb am 7. Juni 2009 in Barcelona. Er hinterließ ein Vermögen, das auf mehrere Milliarden Euro geschätzt wird. Seither führt sein Sohn Ali Bongo das Regime weiter. Am 27. August 2016 musste dieser sich zur Wahl stellen.

Das Ergebnis der Wahl, das die Wahlkommission erst nach stundenlangen Diskussionen am Mittwoch bekannt gab, ist denkbar knapp. Bongo erhielt 49,80 Prozent und sein aussichtsreichster Gegenkandidat Jean Ping 48,23 Prozent. Für den Wahlsieg reichte Bongo die einfache Mehrheit der Stimmen. Warum die Wahlkommission so lange brauchte, um die Ergebnisse bekannt zu geben, ist nicht bekannt und gibt zu Spekulationen Anlass.

Viele der Oppositionspolitiker wie Jean Ping kommen aus der Regierungspartei und stehen Bongo politisch und zum Teil auch familiär nahe. Ping (73) wurde von einem Oppositionsbündnis unterstützt. Er ist der Sohn einer Gabunerin und eines chinesischen Händlers. Ping hatte im Regime Bongo mehrere Ministerposten inne und war Vorsitzender der Afrikanischen Union. Eigentlich gab es keinen Grund, in Jean Ping, der lange die bisherige Politik bedenkenlos mitgemacht hat, einen Reformer zu sehen. 

Der Herrschaftsapparat will seinen Champagner stilgerecht trinken

Trotz einiger Fortschritte, z.B. dem Ausbau der Infrastruktur und eigener Holzverarbeitung, nimmt die Armut in Gabun weiter zu und betrifft ein Drittel der 1,7 Millionen Einwohner. Der Herrschaftsapparat dagegen will seinen Champagner stilgerecht trinken, und hat sich dafür kürzlich einen zweiten Golfplatz für 6 Millionen Euro geleistet. Staatschef Bongo zahlte im Juli 2015 dem Fußballer Lionel Messi 3,5 Millionen Dollar für Händeschütteln und die Grundsteinlegung eines neuen Fußballstadions in Gabun.

Was macht es da schon, dass die Wasser- und Elektrizitätsabschaltungen in Libreville häufig sind. Auch in Gabun gibt es viele Menschen, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen, und andere, die in einem märchenhaften Überfluss leben. Ein Arzt verdient gerade mal 80.000 FCFA im Monat (150 Euro), und das Land belegt den Platz 142 im Bericht über die menschliche Entwicklung der UNDP. Die Kluft zwischen Arm und Reich, der Mangel an sozialer Gerechtigkeit werden immer größer. Libreville, die Hauptstadt von Gabun, leistet sich einen Bürgermeister, der monatlich etwa 30.500 Euro bekommt (zum Vergleich: sein Kollege in Berlin verdient 12.250 Euro), während viele der 700.000 Einwohner ohne fließendes Wasser, Abwasserbeseitigung und regelmäßige Stromversorgung auskommen müssen.

Die in Paris erscheinende Zeitung „Le Monde Afrique“ berichtete 2015, dass die Schweizer Firma Travcon AG der Familie Bongo zwischen 2008 und 2010 für die Anmietung von Flugzeugen für Flüge, z.B. nach Las Vegas, 86 Millionen US-Dollar in Rechnung gestellt hat. Mit Machthabern, denen ihre eigene Bevölkerung gleichgültig ist, muss man Klartext reden. Die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde SEC hat im August 2012 den Anfang gemacht. Öl- und Erdgaskonzerne wie Exxon-Mobil und Chevron sowie andere Rohstoffförderer müssen seither Zahlungen an Regierungen detailliert offenlegen. Damit soll verhindert werden, dass weiterhin das Geld von den Machteliten eingestrichen wird, während die Bevölkerung weiter in Armut lebt. Die Geheimniskrämerei ist Ursache von Korruption, Armut und Instabilität. Natürlich werden China und andere Länder die Geldströme wie bisher nicht veröffentlichen, aber das Scheinwerferlicht wird endlich auf die Ursachen der Armut gelenkt.

Die Bongos: Frankreichs beste Freunde

Die Familie Bongo gilt als typisches Beispiel für die Françafrique-Politik, mit der Paris versuchte, nach der Unabhängigkeit der Ex-Kolonie Einfluss auf die Politik und Zugriff auf Rohstoffe zu behalten. Omar Bongo, Frankreichs bester Freund im postkolonialen Afrika und 1967 mit kräftiger Nachhilfe des Elysees an die Spitze des kleinen Staats gekommen, hat das Spiel zum gegenseitigen Vorteil sogleich begriffen. Ehemalige Kolonialbeamte übernahmen wichtige Ämter in der neuen Regierung und Verwaltung Gabuns, und Frankreich prägte weiterhin die Politik des unabhängigen Staates. Bis zu seiner Privatisierung 1994 war der Ölmulti Elf Aquitaine die Schmiergeldmaschine zwischen Frankreich und Gabun. Wirklich aufgeklärt wurde das Gestrüpp aus Geld und Politik bis heute nicht.

Bongo war übrigens der erste afrikanische Staatschef, den der neu gewählte Präsident Nicolas Sarkozy 2007 im Elysee empfangen hat. Französische Medien berichteten, dass die Familie Bongo mindestens 39 Immobilien in Paris und Nizza besitzt. Allerdings untersucht die französische Justiz den Erwerb von Immobilien, die aus „unrechtmäßigen Gewinnen” (Biens mal acquis) stammen. Hintergrund sind Klagen aus dem Jahr 2007 von mehreren Anti-Korruptions-Verbänden wie Sherpa und Transparency International. Sie prangerten die Veruntreuung öffentlicher Gelder an, welche zu bedeutenden Vermögen auf französischem Boden afrikanischer Führer aus Gabun, Äquatorialguinea, Kongo/Brazzaville oder ihrem Gefolge führten.

Schon 2009 schrieb die linksliberale französische Tageszeitung „Liberation“ zu der hässlichen Seite der Macht in Gabun, die die Erneuerung der Eliten behindert: „Wird Frankreich abermals diesen Demokratie-Mummenschanz akzeptieren und die Betrügereien des Bongo-Clans gutheißen? Wie kann französische Diplomatie in dieser Weltregion, die dem Neokolonialismus entkommen will, noch glaubwürdig sein, wenn Paris Betrug und Gewalt schluckt?“

Seit 2012 ist der Sozialist François Hollande französischer Präsident. Frankreich ist immer noch der wichtigste Handelspartner Gabuns und Ali Bongo wird, wann immer er in Paris ist, von François Hollande herzlich empfangen. Ali Bongo brauchte sich keine wirklichen Sorgen um den Amtserhalt zu machen. Möglicherweise hat die Wahlkommission das Ihre dazu getan. Allerdings kam es nach der Verkündung des Endergebnisses zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Spitzenkandidaten Bongo und Ping. Zwei Menschen sollen ums Leben gekommen sein. Jean Ping fürchtet um sein Leben und hält sich deshalb versteckt.

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, das im Herbst 2014 in erweiterter siebter Auflage bei dtv erschienen ist.

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Leserpost (3)
Klaus Breiter / 03.09.2016

“... grenzt an Kamerun, Äquatorialguinea und Kongo/Kinshasa.” Ich würde meinen, dass es sich hier um Kongo/Brazzaville und nicht das ehemalige Zaire / frühere Belgisch-Kongo handelt.

Rolf Oetinger / 02.09.2016

Vielen Dank, Herr Seitz, für Ihre Texte und auch für Ihr Buch, das ich gelesen habe, Erlauben Sie mir eine Nachfrage: Sie sind ehemaliger Botschafter Deutschlands mit viel Afrika-Erfahrung. Warum hört man so wenig von ihren Kollegen - Botschaftern, meinetwegen auch pensionierte, die nicht befürchten müssen, in “Ungnade” zu fallen in Afrika oder Deutschland? Von Entwicklungshilfegeldern leben sowohl Deutsche im jeweiligen Ausland als auch die Empfänger (oft falsche Kanäle) gut. Ich habe verstanden, dass Sie die bisherige Form des Geldtransfers ablehnen. Gibt es auch andere Stimmen mit Afrika-Erfahrung, die diese Meinung vertreten? Danke freundlichst RolfOetinger

Karl-Heinz Vogt / 02.09.2016

Wenn man die Angehörigen des Bongo-Clans mit der Pluralform ihres Namens benennt - ist das schon Rassismus? Der Clan führt übrigens sein Pedigree auf einen Unteroffizier eines Feldkabel-Bautrupps der Bundeswehr-Fernmeldetruppe zurück, deren Angehörige jahrzehntelang mit dieser Bezeichnung von ihren Kameraden diskriminiert wurden..

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