Vera Lengsfeld / 16.12.2010 / 12:07 / 0 / Seite ausdrucken

Sein Tod kam viel zu früh- Hommage für Jürgen Fuchs

Jürgen Fuchs, der Schriftsteller und Psychologe, einer der bedeutensten Repräsentanten der DDR-Opposition, wäre am 16. Dezember 60 Jahre alt geworden, wenn ein besonders aggressiver Blutkrebs seinem Leben mit 48 nicht ein viel zu frühes Ende bereitet hätte.
Sein Wirken in dieser kurzen Zeitspanne hätte für mehrere Leben ausgereicht.

In der DDR galt der gut aussehende Fuchs als der Kopf der literarischen Opposition. Früh und scheinbar angstfrei sprach er aus, was andere kaum zu denken wagten: die systematische , zerstörerische Schikane gegen die Soldaten der Nationalen Volksarmee, die Rekruten bis zum Selbstmord trieb, die Jagd auf desertierte sowjetische Soldaten, die immer tödlich endete, die Zensur von Veröffentlichungen, die Hohlheit der Staatlichen Rituale. Dabei war nicht nur der Inhalt seiner Gedichte oder Prosa bemerkenswert, sondern auch ihre ausgereifte literarische Form.

Herta Müller hat immer wieder darauf aufmerksam gemacht, was für ein guter Schriftsteller Jürgen Fuchs war. Wer sich die Texte anhört, die Hörbuch Hamburg anlässlich des 60ten Geburtstag von Fuchs herausgebracht hat, findet das bestätigt.
Man kann sich dem Sog der klaren, wohlgesetzten Worte kaum entziehen. Neben der Ästhetik besticht das Werk von Fuchs durch eine , wie Herta Müller sagt, „selbstverständliche, zuverlässige ethische Haltung“, die seine Texte miteinander verbindet, so „das die Sätze, wenn man sie aus den verschiedenen Büchern durcheinander zitiert, einander bedingen“. Das faszinierte seine Leser. In der DDR waren die Veranstaltungen, bei denen er auftrat,  stets überfüllt und wurden oft kurz darauf verboten. So ging es dem „Eintopf“, einer literarisch-musikalischen Veranstaltung der Liedermacherin Bettina Wegner, der eine Zeit lang monatlich im Berliner „Haus der Jungen Talente“  stattfand.

Jürgen Fuchs war den SED-Machthabern bald ein Dorn im auge. Kurz vor dem Diplom wurde er nach einer Parteiversammlung, die einem Schauprozess ähnelte, aus der SED ausgeschlossen .Seine Relegierung von der Jenaer Universität folgte auf dem Fuß. Fuchs zog mit seiner jungen Familie zum berühmtesten Regimekritiker der DDR Robert Havemann nach Grünheide bei Berlin. Nach der Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann organisierte Fuchs maßgeblich den Protest. Er wurde von der Staatsicherheit verhaftet und ins Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen gebracht. Hier wurde er neun Monate verhört, zeitweilig von Zellenspitzeln schikaniert. Das waren verkleidete Stasi-Männer oder Gefangene, denen Hafterleichterungen versprochen worden war als Lohn für ihre Zusammenarbeit mit der Stasi. Der Stasi- inszenierte Zellenkrieg wurde selbst für einen beherrschten Mann wie Fuchs unerträglich. Er schreibt: „an einem warmen, sonnigen Tag wollte ich töten…Ich sah ihn an… Da sah ich die Angst in seinen Augen. Der Tod war in die Zelle getreten. Da erschrak er, da erschrak ich.“

Der eigene schmerz trübte niemals Jürgen Fuchs analytischen Blick .Sein kühler Verstand versagte auch hinter den Mauern nicht. Er beobachtete genau mit den geschulten Augen eines Psychologen die Methoden der Stasi und schrieb, da ihm Papier und Stift auf der Zelle versagt waren, im Kopf alles auf und lernte es gleichzeitig auswendig. Als Fuchs nach acht Monaten nach Westberlin abgeschoben wurde, setzte er sich hin und schrieb die „Vernehmungsprotokolle“, die genaueste und entlarvenste Beschreibung des Gefängnisregimes in Hohenschönhausen.

Fuchs ließ sich von der Leidenschaft, mit der er sich den Stasi-Verbrechen entgegenstellte,  niemals hinreißen. Das macht sein Urteil um so vernichtender. Dem Schriftsteller war ein ruhiges Literatenleben nie vergönnt. Um seine Familie zu ernähren arbeitete er als Psychologe in einer Einrichtung für verhaltensauffällige Jugendliche. Nebenbei entfaltete Fuchs ein Feuerwerk an Aktivitäten, um die Bürgerrechtsbewegung der DDR zu unterstützen. Er gab , fast im Alleingang, eine Zeitung für die Opposition heraus, die auf heimlichen Wegen in die DDR geschafft wurde. Die Staatsicherheit registrierte seine Aktivitäten sehr genau und entwickelte „Maßnahmepläne“ zur Ermordung von Fuchs.  Sie lies 1986 eine Bombe vor seinem Haus explodieren, später von einem West- IM die Bremsschläuche seines Autos manipulieren. Das hatte sie zu DDR-Zeiten schon einmal getan. Damals hatte sich der Wagen überschlagen. Wie durch ein Wunder kamen alle Insassen, neben Fuchs seine Frau Lilo und seine Tochter, mit dem Leben davon. Nach der Öffnung der Stasiakten musste Fuchs lesen, dass der Stasioffizier, der die Idee hatte, ihn mittels eines Autounfalls umzubringen, frustriert resümierte, der beauftragte IM hätte nichts getaugt, denn die „Zielpersonen“ lebten noch.

Nach dem Fall der Mauer widmete sich Fuchs der Aufklärung der Stasiverbrechen, erst als Mitarbeiter der Gauck- Behörde, die er aber aus Protest gegen die Beschäftigung von ehemaligen Stasioffizieren verlies, dann als freier Autor. Seine Unerbittlichkeit gegenüber allen Versuchen, die DDR zu verklären und die Vergangenheit zu entsorgen, schuf ihm viele Feinde. Er wurde zum Feinbild all jener ,  die gern die Geschichte geschönt und zurechtgebogen hätten. Denen, die gern über die „besondere ostdeutsche Würde“ schwadronierten, hielt er entgegen, dass die Unterwerfung des Einzelnen und die Leugnung individueller Verantwortlichkeit die Würde des Menschen beschädigen, niemals aber seine Freiheit, Verantwortlichkeit und Individualität zu entfalten. Der Hass der DDR-Nostalgiker aus Ost und West verfolgte ihn bis in die Nachrufe zu seinem Tod.

Jürgen kämpfte zwei Jahre mit seiner Leukämie, die durch eine Überdosis radioaktiver Strahlen verursacht worden war. Außer ihm starben noch zwei weitere Häftlinge aus Hohenschönhausen an dieser seltenen Krankheit, so dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, dass ihm die Radioaktivität im Gefängnis beigebracht wurde. Wie die Stasi dabei vorgegangen ist, werden wir nie erfahren.

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