Oswald Metzger, Gastautor / 04.01.2014 / 12:46 / 1 / Seite ausdrucken

Seien wir auf der Hut!

Die konjunkturellen Stimmungsbilder zeichnen für Deutschland ein positives Bild. Mehr Wachstum, mehr Beschäftigung und steigende Löhne. Doch Vorsicht ist angebracht. Hochmut kommt bekannt-lich vor dem Fall.

„Wird‘s besser? Wird’s schlimmer?“
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.
(Erich Kästner)

Angesichts der Fülle von Konjunkturprognosen und gesellschaftlichen Stimmungsbildern, die zum Jahresbeginn traditionell produziert werden und die heuer erstaunlich positiv ausfallen, ist Erich Kästners nachdenklicher Zweizeiler eine kleine, wenngleich sarkastische Mahnung vor zu viel Über-mut. In Deutschland, der vermeintlichen ökonomischen Insel der Seligen, spekulieren viele auf eine ordentliche wirtschaftliche Entwicklung. Die stabile respektive anziehende Konjunktur in den Schwel-lenländern und in Nordamerika soll es für die deutsche Exportindustrie wieder einmal richten. Denn angesichts der fragilen Reformbestrebungen und der weiter steigenden Verschuldung in vielen Län-dern Europas ist hier kein positiver Stimulus für die ökonomische Entwicklung zu erwarten. Die oft mehr herbeigeschriebene als reale Kauffreude der deutschen Verbraucher ist außerdem nicht die Folge eines soliden Einkommenszuwachses, sondern eher der Bestrafung des Sparens durch negative Realzinsen und der Flucht in Sachwerte geschuldet. Die überschäumenden Rallyes an vielen Börsen-plätzen der Welt sind ebenso weniger der Realwirtschaft als der grenzenlosen Billigstliquidität ge-schuldet, die von den Notenbanken in das Geldsystem gepumpt wird.

Es ist verrückt: Obwohl zum ökonomischen Einmaleins der Grundsatz gehört, dass Sparen und Inves-tieren die zwei Seiten einer Medaille sind, klingt der Grundsound im Finanzmarkt, aber auch in Teilen der Politik ganz anders. Konsumiert auf Teufel komm raus! Sparen war gestern, obwohl der demo-graphische Wandel nicht nur in Europa nach mehr Vorsorgesparen geradezu schreit. Verschuldet euch, die Kreditzinsen sind ja legendär niedrig. Kauft endlich Aktien, egal wie hoch die Einstiegskurse inzwischen auch immer sein mögen.
Kurzum: Verhaltet euch genauso dämlich, wie sich die Lemminge an den Märkten in den beiden letz-ten Jahren vor dem Crash 2008 verhalten haben. Der Absturz kam, vernichtete echtes wie virtuelles Vermögen. Vor allem die Realwirtschaft, die Sparer und die Steuerpflichtigen zahlten und bezahlen noch heute die Zeche.

Dazu kommt in Deutschland das politische Risiko der Großen Koalition: Auf Strukturreformen bei der Pflege- und Krankenversicherung wird verzichtet. Strukturelle Einsparvorschläge für die öffentlichen Haushalte sucht man vergebens. sind. Dafür gibt es neue Frühverrentungsanreize, die aber Gift für die Sozialsysteme und den Arbeitsmarkt sind. Der jahrelange Beschäftigungsaufbau wird massiv be-droht durch neue Markteintrittsbarrieren (Mindestlohn, Rechtsansprüche auf Teilzeit etc.). Die Leichtfertigkeit der Politik, gerade in Zeiten dieser GroKa, kann brandgefährlich für die ökonomische Entwicklung im Jahr 2014 werden. Seien wir auf der Hut!

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Leserpost (1)
Marek Möhling / 04.01.2014

> Obwohl [... xyz ...], klingt der Grundsound im Finanzmarkt, aber > auch in Teilen der Politik ganz anders. Obwohl [... xyz ...],  ist der Tenor im Finanzmarkt, aber auch in Teilen der Politik ein ganz anderer. Eine Korinthe: “Sound” ist in den letzten Jahren zu einem Modewort des deutschen Feuilletons geworden, wobei das Wort idiomatisch so verwendet wird, wie es kein Engländer oder Amerikaner je täte - “the basic sound of the financial markets” wäre eine Wendung die er wohl verstünde, aber befremdlich fände - auch dem Ami ist unser Tenor der “tenor”. Ansonsten kein Einwand.

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