Wolf Lotter (Archiv) / 09.11.2010 / 23:27 / 0 / Seite ausdrucken

Schutzbefohlene, aufgepasst!

Von Wolf Lotter

Anderswo ist es ein Skandal, wenn ein Mitarbeiter eines Ministers Unterlagen kopiert und an die Presse weitergibt. Hier ist es ein Skandal, wenn er es nicht tut und dafür gescholten wird. Wer soll sich da noch auskennen? Michael Offer, der Ex-Pressesprecher von Wolfgang Schäuble, jedenfalls nicht. Er ist zurückgetreten, d.h. nicht ganz. Er hat sich von seinen „Aufgaben entbinden“ lassen. Und macht jetzt an anderer Stelle im Finanzministerium weiter. Unkündbarkeit geht vor Unrecht.

Doch genügt das? Natürlich nicht. Millionen unselbständig Erwerbstätiger sind sauer. So kann man mit seinen Leuten nicht reden. Ein solcher „Wutausbruch“ eines Vorgesetzten gegen seinen Mitarbeiter sei nicht hinnehmbar. Wenn allerdings das, was Wolfgang Schäuble gegen Offer losgelassen hat – und das war nicht fein, keine Frage – schon ein Wutausbruch war, dann darf man ab sofort den Umgangston, den z.B. Klaus Wowereit, Renate Künast oder Guido Westerwelle mit ihren Mitarbeitern pflegen, einen Angriffskrieg nennen.

Politisch korrekt hingegen ist das, was Carsten Schneider, haushaltspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, via Spiegel-Online verbreiten lässt: „So, wie sich Minister Schäuble aufgeführt hat, geht man mit Schutzbefohlenen nicht um.“
Listen and repeat: S-c-h-u-t-z-b-e-f-o-h-l-e-n-e.
Oha! Was ist das? Emphatie nach Gutsherrenart?
Dass ein durchschnittlicher deutscher Politiker die Auffassung vertritt, dass „die Leute“ samt Hab und Gut ihnen gehören, ist nicht neu. Dass man nach einigen Jahren intensiver Arbeit im haushaltspolitischen Ausschuß einen an der Waffel haben könnte, würde nicht überraschen. Bei Schneider aber liegt der Fall anders.
Er spricht aus, was andere schamvoll verschweigen. Der Bürger, und dazu gehört letztlich auch der liebe Beleidigte, ist eigentlich aller Rechte ledig. Ein weißer Mann in schwarzen Ketten.

Ein Schutzbefohlener ist jemand, der, so die lexikale Definition,  jemandes Schutzes übergeben ist, „der betreut und für den gesorgt“ wird. Schutzbefohlene nannte der alte Julius Caesar die Angehörigen der von ihm eroberten Stämme, die zwar nach der Pfeife der Römer tanzen mussten und so Sachen wie Selbstbestimmung fahren lassen konnten, dafür aber von einem lieben Imperator gegen den Unbill der Freiheit geschützt wurden. Und heute verwendet man den Begriff für Menschen, die zu klein sind, um selbst was zu entscheiden und all jene, die geistig nicht in der Lage sind, für ihr Handeln einzustehen. So gesehen steht Schneiders Wort auf solider Basis, nicht nur in seiner Partei. Zu doof, zu klein, zu unbedarft zum Selbermachen – das ist ein Schutzbefohlener.

Nochmals zum Mitdenken: Schäuble sagt seinem Pressesprecher, er solle doch bitte, bitte, bitte Kopien austeilen, wenn’s nicht ausmacht. Doch der Kopierer bleibt kalt. Vielleicht hat der Praktikant gezickt. Möglicherweise war der Toner alle. Hatte Offer einen seelisch bedingten Kopierstau, weil Schäuble, der Tyrann auf Rädern, schon Morgens bei der Lagebesprechung ätzte: „Heute brauchen wir wieder Kopien, Offer, und Du wirst es nicht schaffen, Offer. Nie, Offer, nie!“?

Auf gut deutsch betrachtet hat der Offer alles richtig gemacht, indem er nichts gemacht hat. Ein Schutzbefohlener ist, wie ein Kind, nicht für das verantwortlich, was es tut oder läßt. Ausschimpfen ist gemein. Und das nächste Mal, Leute, fragt doch bitte bei solchen Sachen gleich den Schneider, dafür ist er schliesslich da. Der Offer muss gar nichts. Der Schäuble aber muss sich entschuldigen, dafür, dass er dieses Stück bundesdeutsche Realität glatt übersehen hat.

 

 

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