Wolfram Weimer / 15.10.2017 / 12:00 / 1 / Seite ausdrucken

Autorität in Zeiten der Massenselfies

„Die Frauen kommen“, titeln seit Jahren die Kunstmagazine Europas. Doch in Wahrheit ist der Kunstbetrieb immer noch ein ziemlicher Kerle-Club. Klassikerinnen des 20. Jahrhundert wie Frida Kahlo oder Georgia O’Keeffe blieben Solitäre. Erst in den 70er und 80er Jahren tauchten einige Artistinnen auf großer Bühne auf wie die französische Bildhauerin Niki de Saint Phalle oder die deutsche Konzeptkünstlerin Hanne Darboven auf. Die amerikanische Medienkünstlerin Jenny Holzer und die deutsche Bildhauerinnen Rebecca Horn und Isa Genzken kamen hinzu. Rosemarie Trockel (Konzept), Louise Bourgeois (Skulptur) und Cindy Sherman (Foto) schafften es schließlich zu Weltrang. Doch die Malerei bliebt seltsam unweiblich.

Erst jetzt drängen neue, insbesondere deutschsprachige Frauen mit ihren Leinwandarbeiten voran. Cornelia Schleime, Elvira Bach, Katherina Grosse, Xenia Hauser setzen Zeichen. Und neue tauchen auf – wie Suse Kohler, über die der Münchner Merkur schreibt, sie sei eine Meisterin der „abstrakten Leichtigkeit“.

Das stimmt nicht wirklich. Denn eigentlich ist sie eine Meisterin der konkreten Leichtigkeit.

Suse Kohler schaut ihren Protagonisten mitten ins Gesicht. Sie malt das Eigentliche, nicht das Mögliche, sie zeigt die Evidenz und nicht die Latenz. Ihre Bilder suchen etwas, was moderne Malerei selten findet und noch seltener überhaupt finden will – die Integrität einer Person.

Es hat etwas Entwaffnendes, wenn Künstler sich und ihre Topoi nicht hinter Abstraktionen, Verfremdungen und Dekonstruktionen verstecken. Wenn nicht grimassiert und entstellt und übermalt und be-deutet wird, sondern man das Sichtbare in einem geistigen Direktzugriff schlichtweg respektiert. Sie tut das mit gemalten Facetten der Karikaturzeichnung, und vermeidet doch genau die Karikatur.

Widersprüchliche Pfade der Ironie

Dieser Eigentlichkeits-Realismus hat im Zeitalter der Überall-Fotografie und der Massen-Selfies eine besondere Autorität, weil er sich so nah an die Wirklichkeit heranpirscht, dass er in ihr selbst eine neue, künstlerische Wirklichkeit schafft. Wer diesen Grat beschreitet, der riskiert in Copykunst oder neo-realistischem Kitsch abzustürzen.

Umso verblüffender sind daher die Bilder von Suse Kohler, die das Schöne nicht meiden, das Gute nicht verunmöglichen, das Wahre aber abbilden. Das ist insbesondere für eine Schülerin von Markus Lüpertz erstaunlich, der mit seiner Kunst genau den anderen Weg geht. Wo Lüpertz das Entstellende wählt, entscheidet sich Kohler für das Gefügte, wo der Malerfürst das Deformierte zeigt, sucht Kohler das Formierte. Wo Lüpertz eine grelle Farbwelt entfaltet, bescheidet sich Kohler mit extrem reduzierter Farbigkeit, ja fast einem Schwarz-Weiß-Spiel in Reminiszenz alter Fotografie, Radierungen und Kohlezeichnungen.

Wo Lüpertz grundsätzlich das Unernste im Ernsten decodiert, da entdeckt Kohler just umgekehrt das Ernste im Unernsten.

Uns so spaziert diese Künstlerin gerade nicht durch die widersprüchlichen Pfade der Ironie, sie betreibt keine Rache am Banalen, sie findet vielmehr im Banalen die Rache am Manierierten.

Und so sind auch ihre Motive keine Grenzgängereien. Sie wählt sich nicht nur ihre Formate groß, auch ihre großen Köpfe kommen aus der Mitte großer gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Sie malt Politiker, Dichter, Prominente. Und sie schaut ihnen so tief in die Augen, dass sie hernach genauso zurück blicken.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European hier.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (1)
Ulla Smielowski / 15.10.2017

Muss ich ein Kunstprodukt gut finden, weil es von einer Frau ist..? Aber Kunstprodukte von Markus Lüpertz gefallen mir nicht… Was der macht soll Kunst sein?

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Wolfram Weimer / 17.05.2018 / 11:00 / 10

Sags durch den Blume

Markus Blume ist in der Arena der CSU-Größen so etwas wie ein geschmeidiger Eiskunstläufer unter gewichtigen Sumo-Ringern. Ein Intellektueller, feinsinnig und nachdenklich, liberal, großstädtisch und verbindlich.…/ mehr

Wolfram Weimer / 11.05.2018 / 10:00 / 22

Der Stuhl dieses Herren wackelt nicht

Er ist 65 Jahre alt und beherrscht die Politik im größten Land der Welt seit nunmehr 18 Jahren – und er beherrscht sie unumstritten. Seit…/ mehr

Wolfram Weimer / 03.05.2018 / 06:20 / 29

Marx - antisemitisch, rassistisch und herzlos

Deutschland würdigt seinen größten Ideologen. Karl Marx, geboren vor 200 Jahren am 5. Mai 1818 in Trier, wird von Rechten verteufelt und von Linken wie ein…/ mehr

Wolfram Weimer / 26.04.2018 / 06:15 / 25

Macron setzt die Agenda, Berlin hat keine

„Er betritt einen Raum, sieht einen Stuhl und versucht, ihn zu verführen.” So beschreibt die Washington Post den französischen Präsidenten. Emmanuel Macrons politische Verführungskünste sind…/ mehr

Wolfram Weimer / 07.04.2018 / 15:00 / 3

Kauder hört die Sägegeräusche

Volker Kauder ist seit mehr als zwölf Jahren Fraktionschef der Union im Bundestag – so lange wie keiner vor ihm, länger als die CDU-Legenden Rainer…/ mehr

Wolfram Weimer / 27.03.2018 / 17:00 / 22

Tellkamp macht es sich unbequem

Uwe Tellkamp gehört zu Deutschlands größten Schriftstellern – preisgekrönt und literarisch hoch geachtet. Seine Bücher haben Weltruf und millionenfache Auflagen, sein Bestseller “Der Turm” ist…/ mehr

Wolfram Weimer / 21.03.2018 / 13:00 / 22

Was erlauben Seehofer?

Mit politischen Donnerschlägen startet Horst Seehofer seinen Job in Berlin. Die SPD wütet. Doch der Innenminister bestimmt die Debatte der Republik und hat Volkes Stimmung…/ mehr

Wolfram Weimer / 15.03.2018 / 16:00 / 6

Warum BMW und Daimler jetzt zittern

Wilbur Ross gehört zu den Menschen, die man besser nicht zum Feind haben sollte. Blitzgescheit, aggressiv, supermächtig und – wie an der Wall Street kolportiert…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com