Thomas Rietzschel / 11.07.2017 / 17:04 / Foto: Rhododendrites / 5 / Seite ausdrucken

Merkels Chinapolitik: Von Pandas und Menschen

Erinnern Sie sich? Es ist keine Woche her, da machte Angela Merkel im Berliner Zoo Weltpolitik. Zusammen mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping besuchte sie zwei Panda-Bären, ein Männchen und ein Weibchen, die kürzlich aus China eingetroffen waren. Schon wenige Tage zuvor hatte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Tiere bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen Schönefeld mit „politischen Ehren“ empfangen. Nun erwiesen ihnen Angela Merkel und der Kommunist aus dem Reich der Mitte diese Ehre noch einmal.

Gemeinsam strahlten die Politiker über alle vier Backen. Keine Sender, keine Zeitungen, die nicht mit dem Thema aufgemacht hätten. Das Ereignis rührte die Gemüter, die der deutschen Wähler nicht zuletzt. „Berliner haben ein ganz besonderes Verhältnis zu Bären und ein ganz besondres Herz für sie“, sagte die Kanzlerin. Bewegt erinnerte sie an den Tod des Pandamännchens Bao Bao 2012. Ein Moment der Trauerarbeit während des „Staatsaktes im Zoo“.

Es lebe die deutsch-chinesische Freundschaft!

Alles in allem ein ebenso herzlicher wie würdevoller Empfang für "Meng Meng" ("Träumchen") und "Jiao Qing" ("Schätzchen"), dem Geschäft durchaus angemessen. Denn immerhin ist es der mächtigsten Frau der Welt gelungen, die beiden Pandas auf zehn Jahre als Leiharbeiter zu verpflichten, für eine knappe Million per anno. Der Chinese dürfte sich ins Fäustchen gelacht haben, während die Kanzlerin zufrieden lächelnd feststellte: „Nun haben wir zwei sehr sympathische Diplomaten hier.“ Ein Hoch auf die deutsch-chinesische Freundschaft!

Schwamm drüber, könnte man sagen, wären nicht gestern ganz andere, weniger erbauliche Bilder um die Welt gegangen: Aufnahmen des todkranken Dissidenten Liu Xiaobo. Im Gegensatz zum Umgang mit „Träumchen“ und „Schätzchen“ verweigert die chinesische Regierung dem Friedensnobelpreisträger nach wie vor die Ausreise zur Behandlung im Ausland. Lediglich ein deutscher und ein amerikanischer Arzt durften zur Visite des ins Krankenhaus verlegten Häftlings einreisen.

Was sie über seinen blutenden Leberkrebs berichteten, hat die Welt alarmiert. Bekannt war die lebensbedrohliche Verschlimmerung des seit 2009 Inhaftierten bereits seit Tagen. Schon am 29. Juni hatte der SPIEGEL darüber informiert. Allein die Kanzlerin mochte sich davon nicht den Spaß beim Empfang der Pandas verderben lassen, nicht so kurz vor dem G-20-Gipfel, bei dem sie auch mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping bella figura vor der Welt machen wollte.

Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Dass sie nun so tut, als sei sie nachher aus allen Wolken gefallen, wenn sie ihren Pressesprecher seibern lässt, „dass der Bundeskanzlerin der tragische Fall Liu Xiaobo ein großes Anliegen ist und dass sie sich ein Zeichen der Humanität für Liu Xiaobo und seine Familie wünscht“, das setzt der Schamlosigkeit die Krone auf.

Nein, Frau Bundeskanzlerin, es handelt sich hier nicht um einen „tragischen Fall“, um die unheilvolle Verstrickung zwangsläufiger Entwicklungen. Es geht um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, zu dem Sie geschwiegen haben, als es noch Zeit war, kraft ihrer Person und Funktion öffentlich Stellung zu beziehen. Freilich hätte es dann leicht sein können, dass aus Ihrer Panda-Show nichts geworden wäre. Dieses Risiko wollten Sie offensichtlich nicht eingehen.

Das ist verwerflich, wäre aber noch hinzunehmen gewesen, würden Sie jetzt nicht auch noch versuchen, sich mit einem verdrucksten Protest an die Seite des sterbenden Liu Xiaobo zu stellen. Kommt Ihnen wirklich alles gelegen, um Ihren Schnitt zu machen, bei denen wie bei jenen, so kurz vor der Wahl?

Leserpost (5)
Patrick Kuehnel / 12.07.2017

Wie gross ist das Interese am Schicksal von Chinesen in Deutschland denn, wenn es sich nicht gerade um “Regimekritiker” handelt? Die Kaelte und Gleichgueltigkeit,  mit der die Wuerzburger Messerattacke an den Hongkonger Touristen oder die Vergewaltigung und Ermordung einer chinesischen Studentin in Dessau nebst versuchter poilizeilicher Vertuschung und Demuetigung der angereisten Familie,  von Regierumg und Oeffentlichkeit hingenommen wurde,  ist in China, einem sehr deutschlandfreundlichen Land,  mit grosser Frustration und Enttaeuschung registriert worden. Wie unverstaendlich hart das Urteil, wie schlimm das Schicksal von Liu, dem ich alles Gute wuensche,  auch sein mag,  ein Land,  das den groessten Anteil auslaendischer Studenten stellt und dessen Bevoelkerung eine so positive Einstellung gegenueber Deutschland hat,  verdient,  dass man die eigene Anteilnahme nicht nur auf einzelne prominente Akteure beschraenkt,  die ins politische Weltbild passen, und damit das Thema China abgehakt zu haben glaubt. Denn hierdurch schuert man indirekt Ignoranz und chinafeindliche Klischees. Man stelle sich umgekehrt vor,  Horst Mahler wuerde in China als weiteres Paradebeispiel dafuer herangezogen,  wie in Deutschland ein linksideologisches Regime die Meinungsfreiheit mit Fuessen tritt und alte kranke Maenner verfolgt, nur weil sie “unbequeme Fragen” stellen.  Bizarre Vorstellung, nicht wahr?

Sepp Kneip / 11.07.2017

Menschlichkeit bei Merkel einzufordern ist wie Pilze am Nordpol zu suchen. Natürlich werden jetzt viele aufschreien und sagen, hat nicht Merkel angesichts der “Flüchtlings”-Bilder 2015 Menschlichkeit gezeigt? Nein, hat sie nicht. Für Merkel zählen nicht Gefühle, sondern eben Bilder. Diese zu ihrem Vorteil zu nutzen, versteht sie vortrefflich. Ob Bilder mit “Flüchtlingen” oder Panda-Bären. Merkel macht mit Sprüchen ihrer SED-geschulten Dialektik solche Bilder zu ihren Werbeträgern. Beim Protest gegen den von ihr losgetretenen irrsinnigen “Flüchtlings”-Tsunami ist Deutschland nicht mehr ihr Land, während sie Panda-Bären als sympathische Diplomaten einem inhaftierten und todkranken Systemgegner vorzieht.

Dietrich Herrmann / 11.07.2017

Ich habe es schon desöfteren geschrieben und wiederhole mich: Charakter-. gewissen-, ehr-, schamlos, das ist Merkel.

Ernst-Fr. Siebert / 11.07.2017

Glauben Sie wirklich, daß ein Patient in einem, aus chinesischer Sicht, deutschen Provinzkrankenhaus besser behandelt werden würde, als er in China behandelt werden kann oder vielleicht sogar wird? Haben sich die besuchenden Ärzte in der Hinsicht geäußert? China bereitet eine Mondlandung vor, und schauen Sie auf die Rückseite eines beliebigen hochwertigen Gerätes, da steht mit hoher Wahrscheinlichkeit: Made in China. Mit der Zustimmung zur Umverlegung, würde China als hilfsbedürftiges Entwicklungsland erscheinen. Das ist erstens nicht zutreffend und wird zweitens als ehrverletzend empfunden. Zehn Stunden Flug und mehrere Stunden Landtransport kämen hinzu. Würde der Mann das überhaupt überleben? Wenn nicht, wäre das Geschrei noch größer. Und noch etwas: Stellen Sie sich vor, ein in Deutschland verurteilter Deutscher würde im Gefängnis schwer krank und China verlangte, daß er zur medizinischen Behandlung zu überstellen sei! Ich meine, einen nach chinesischen Gesetzen in Deutschland zu unrecht Verurteilten. Kümmern wir uns um unsere Angelegenheiten und bedenken, Deutschland ist, gemessen an der Bevölkerung, so groß wie drei chinesische Großstädte. Seien wir etwas demütig. Hier kann die Polizei nicht einmal einen Supermarkt beschützen.

Leo Anderson / 11.07.2017

Frau Merkel weiß ganz genau, dass sie mit einem Paar herziger Pandabärchen fotografiert mehr schlicht gestrickte Wähler anspricht, als mit mit dem ohnehin nutzlosen Apell für einen hierzulande unbekannten todkranken Chinesen mit unaussprechlichem Namen. Und nein, Herr Rietzschel, sie schämt sich nicht dafür, sonst wäre sie nicht, wer sie ist und wo sie ist.

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