Peter Grimm / 09.02.2017 / 11:59 / 16 / Seite ausdrucken

Sächsische Bus-Barrikade

Eine Barrikade aus hochkant aufgestellten Bussen schützt die Menschen hinter der Barrikade vor den Schüssen der Kämpfer vor der Barrikade. Insofern ist sie für alle hinter der Barrikade eine gute Sache und kann auch als Symbol für das Gute dienen. Davon konnte ein syrisch-deutscher Künstler die Dresdner Stadtverwaltung überzeugen. Aus Anlass des traditionellen Gedenkens an die Zerstörung Dresdens durch alliierte Bombenangriffe am 13. Februar 1945 durfte Manaf Halbouni auf dem Neumarkt vor der wunderschön wiederaufgebauten Frauenkirche eine Barrikade aus drei Schrottbussen errichten, als Nachbau eines Originals aus Aleppo.

Viele Dresdener empörten sich ob der Verschandelung des schönen Ortes und vermochten die gewollte Aussage im Schrottbus-Monument nicht so recht zu erkennen. Bei Einweihung durch den Oberbürgermeister gab es Pfiffe und Proteste. Das Stadtoberhaupt sah das Pegida-Dresden am Werke. Die Erklärungen, wie gut das Monument eigentlich ist, scheint bei vielen Bürgern der sächsischen Landeshauptstadt nicht angekommen zu sein. Sie greifen möglicherweise zu selten zur „Süddeutschen Zeitung“. Dort hätten sie lesen können, welch wichtigen Beitrag der Künstler hier aus dem Schrott des öffentlichen Nahverkehrs geformt hat:

„Jetzt ist das Postkartenmotiv verstellt, durch das Werk des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Halbouni. Auf den Kopf gestellte, ausrangierte deutsche Linienbusse versperren den Blick. Bewohner der Stadt Aleppo haben sich mithilfe solch einer Barrikade aus Linienbussen vor Scharfschützen geschützt. Dass Dresden nun genau hier genau diese Skulptur aufstellen ließ, ist ein mutiges Zeichen für eine Stadt, die als Geburtsort von Pegida - einer unter anderem offen islam- und fremdenfeindlichen Organisation - international bekannt geworden ist. Diesem Zeichen gebührt Respekt.

Der Bevölkerung wird damit die Hässlichkeit zugemutet, die sie nicht gerne duldet. Viel wichtiger ist jedoch die Symbolhaftigkeit: Die Barrikade gibt der Frauenkirche auch ihre eigene Bedeutung zurück.“

Bei so viel bedeutender Symbolhaftigkeit hätte sich ein Blick auf das Original in Aleppo gelohnt, um symbolische Missverständnisse zu vermeiden. Denn unabhängig davon, dass jede Barrikade vor Kugeln schützt, ist es vielleicht nicht ganz unerheblich, welche Kriegspartei sie errichtet hat. Zumindest die sonst sehr symbolsensiblen Spitzen der Dresdner Stadtverwaltung hätten auf die Idee kommen können, sich  die Fotos der Bus-Barrikade von Aleppo anzuschauen, bevor man ein Wahrzeichen der Stadt zur Nutzung freigibt. Auf dem Agenturfoto, das jetzt zuerst von einigen Lokalmedien hervorgeholt wurde, weht die Fahne der „Ahrar ash-Sham“, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als „Terroristische Vereinigung“ eingestuft wird und laut Stiftung Wissenschaft und Politik „zum islamistisch-salafistischen Spektrum des Aufstands“ gehört. „Sie wollen das Asad-Regime stürzen und durch einen islamischen Staat ersetzen, der auf dem islamischen Recht der Scharia beruhen soll“, sagt die Stiftung über diese Kämpfer. Mit einer solchen Symbolik ist die Barrikade natürlich wahrlich ein „mutiges Zeichen“.

"Die eroberten Städte werden umbenannt"

Nun will niemand dem Künstler Manaf Halbouni unterstellen, er wolle Propaganda für Ahrar ash-Sham machen. Nur problematisch finden offenbar weder er noch Dresdens Stadtväter die nun bekannt gewordene Verbindung ihres schönen Symbols zu den Islamisten. Halbouni erklärte dem MDR, er habe auf den Bildern, nach denen die Idee entwickelt wurde, keine Fahne gesehen. Aber jetzt, da er sie nicht mehr übersehen kann, scheint sie für ihn auch kein Problem zu sein:

„Das Einzige, was ich weiß, ist, dass eine der dort kämpfenden Parteien die Busse dort aufgerichtet hat, um eine Schutzbarrikade für die Zivilbevölkerung zu errichten, um die Sicht von Scharfschützen zu blockieren“ und „Ich muss das Kunstwerk nicht neu bewerten, denn es steht für das, was ich meine: Für den Frieden.“

Was vor Schüssen schützt, ist also erst einmal gut, egal unter welcher Fahne? Wenn die Stadt dieser Logik konsequent folgt, kann sie ja zum nächsten 13. Februar ein Denkmal für den unbekannten Luftschutzwart errichten. Dessen Dienst diente doch auch dazu, Menschen vor Bomben zu schützen, oder?

Aber lassen wir das. Zum Abschluss noch einen Blick in die künstlerische Gedankenwelt von Manaf Halbouni. Der stellt auf seiner Webseite sein Projekt „What if“ vor. Dort verändert er Landkarten so, wie sie bei einem anderen Verlauf der Weltgeschichte heute aussehen könnten. Die Aussage fasst er selbst zusammen und um Missverständnisse zu vermeiden, geben  wir sie einfach buchstabengetreu wieder:

„Bei meinem Kartenprojekt „What if“ stelle ich mir den Ablauf der Weltgeschichte anders vor.  

In der Fiktiven Welt die ich erschaffen habe, hat die Industrie Revolution im Arabischen so wie Osmanischen Reich stattgefunden. Somit sind zwei Mächte hervor gekommen die die Welt mit Waffen sowie Technologische Errungenschaften beliefern. Auf der Suche nach Ressourcen und  Absatzmärkte, begann man mit den Kolonialisierung Europas.

Bei der Kolonialisierung wurden neue Grenzen erschaffen um Europa unter zwei Mächten aufzuteilen ohne Rücksicht auf die Verschiedenen dort lebenden Völker.  

Die entstandenen Kampfkarten, Verzeichnen den lauf der Truppen und dessen verschiedenen Verbänden so wie wichtige Militärische Ziele.  Die neu Eroberten Städte werden Teils umbenannt oder übersetzt. Lädiglich ein Par Große Städte dürfen ihren Namen behalten.“

Leider kann ich kein Arabisch lesen und kann deshalb auf den Bildern seiner Karten leider nicht erkennen, ob Dresden seinen Namen behalten durfte. 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Peter Grimms Blog Sichtplatz hier

Leserpost (16)
Karla Kuhn / 10.02.2017

Herr Dr. Wollenhaupt, das macht es trotzdem nicht weniger peinlich und vor allem überflüssig. Zumal die Verknüpfung mit dem 13. Februar geschmackloss ist.

Bernd Neubig / 09.02.2017

Wurde da den Dresdnern ein trojanisches Pferd in moderner Form untergeschoben?

M. Haumann / 09.02.2017

Diese ganze peinliche Geschichte ist so 1:1 symbolisch für das, was derzeit in diesem Land geschieht. Das so gerührt und ergriffen ist von der eigenen unendlichen Güte und Toleranz, dass es ein trojanisches Pferd nicht einmal erkennen würde, wenn es in riesigen Lettern als solches beschildert reingerollt würde.

Ines Schumann / 09.02.2017

Sehr geehrter Herr Grimm, in der Ausgabe der SZ-online ist am heutigen Tag folgendes zu lesen: “Ich werde jetzt natürlich noch einmal intensiv recherchieren, was es mit dieser Fahne auf sich hat“, erklärt Manaf Halbouni. „Schon allein, weil ich jede Gewalt und jeden Terrorismus grundsätzlich ablehne und noch nicht einmal mit den Rebellen in Syrien sympathisiere.“ Sollte sich herausstellen, dass die Busse tatsächlich von Ahrar ash-Sham errichtet worden seien, „werden unsere Informationen zum Kunstwerk selbstverständlich sofort überarbeitet.“ Eines hat Herr Halbouni auf alle Fälle erreicht - sein Kunstprojekt erregt Aufmerksamkeit im positiven und negativen Sinn. Das erzeugt Kunst schon immer. Kunst ist frei und so soll es sein und in Zukunft bleiben. Dass sich Dresdner Bürger empören, ist auch normal. Es ist ihr gutes Recht! Oder hat man(n), in diesem Fall Herr Hilbert, gehofft, dass alle Dresdner Bürger staunend wie die kleinen Kinder um die Busse herumlaufen und freudig in die Hände klatschen über das tolle und große Spielzeug? Es war schon vorher für Jeden mit gesundem Menschenverstand völlig klar, was passieren wird. Und was will Herr Hilbert mit seiner Aussage “Dresden ist keine unschuldige Stadt”? Ich finde es auch nicht schön, wenn bei der Erwähnung “Dresden” sofort Assoziationen zu “Rechts” und “Pegida” entstehen, aber muss man nun gleich diese hohe Karte spielen? Gehts nicht auch einen Gang kleiner? In allen Jahren, bereits zu DDR-Zeiten, sind die Dresdner engagiert am 13. Februar zu “ihrer” Frauenkirche gegangen, damals noch als Ruine den Platz beherrschend und für jeden Dresdner und Touristen als mahnendes Zeichen gegen Krieg erkennbar, und haben sowohl in stillem Gedenken und nach der Wende in Form von Lichterketten ihren Protest gegen Krieg zum Ausruck gebracht. Es wurden Demos von links, von rechts an diesem Tag durchgeführt, immer schon hat dieses Datum an diesem Ort polarisiert.  Warum kann man den Dresdnern nicht einfach ihren eigenen Umgang mit diesem furchbaren Datum zugestehen? Warum, frage ich mich, muss man nun immer wieder noch Öl ins Feuer gießen und mit solcherart Projekten die Stimmung unheilvoll anfachen? Die Berichterstattung nach dem 13. Februar sehe ich schon wieder deutlich vor mir… Für 1 - 4 Tage werden die z. Z. nicht enden wollenden Trump-Berichte in allen Medien wahrscheinlich gestoppt und dafür wieder die Schlagzeilen aus Dresden führend sein. Und am Ende wird das eigentliche Ziel, Gedenken und Mahnen an und für Frieden, völlig aus dem Blickwinkel verloren gegangen sein. Aber Hauptsache, es konnte wieder mal über “die Sachsen” gemeckert werden. Weil ja alle anderen Städte in Deutschland sooo schön bunt und friedlich sind… Um 21.45 Uhr werden am 13. Februar wieder in ganz Dresden die Kirchenglocken läuten zum Gedenken an diese furchtbare Nacht. Dieses Glockenläuten, wenn man es einmal selbst gehört hat, ist mahnender als jedes Kunstprojekt für sich!    

Dirk Jäckel / 09.02.2017

Zwar bin ich etwas des Arabischen mächtig, doch kann ich aufgrund der schlechten Auflösung auch nicht erkennen, ob Dresden noch Dresden hieße. Doch zu Wichtigerem, weil es sich um ein geschichtspolitisch interessantes Zitat handelt: “Bei der Kolonialisierung wurden neue Grenzen erschaffen um Europa unter zwei Mächten aufzuteilen ohne Rücksicht auf die Verschiedenen dort lebenden Völker. “ Ein anachronistisches, wenngleich immer wieder hervorgekramtes Argument gegen den Westen, wenngleich hier ironisch-antifaktisch gebrochen. Dem ist dennoch zu entgegnen, das die Berücksichtigung irgendwelcher (konstruierter oder tatsächlicher) Sprach- und Kulturgrenzen bei Grenzziehungen auch global gesehen ein sehr neues Phänomen ist. Auch bei den islamischen Eroberungen, etwa durch die Osmanen, spielte es bei Grenzziehungen nach außen und innen keine Rolle: Eines von unzähligen Beispielen: Das kurdische Siedlungsgebiet war fast immer “zerschnitten”, so etwa durch die bereits in der Frühneuzeit vereinbarte persisch-osmanische bzw. iranisch-türkische Grenze. Übrigens ist dies nur so lange ein Problem, wie es keinen Assimilierungswahn in Mehr- und Vielvölkerreichen/staaten gibt. Dies ist das Problem, nicht die sogenannten “künstlichen” Grenzen. Was sollen denn “natürliche” Grenzen sein? Die Ironie ist: Offenbar geht hier der Künstler unbewusst einem westlich-nationalistischen Diskurs auf den Leim.

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