Marcel Serr, Gastautor / 25.02.2018 / 17:30 / Foto: Pixabay.de / 7 / Seite ausdrucken

Ruhe nach Putins Anruf in Jerusalem?

Nach dem 10. Februar sah es so aus, als stünde der Nahe Osten am Rande einer neuen Eskalationsstufe des Krieges. Auch wenn das Schlimmste bislang ausblieb, lehrreich waren diese Tage für alle, die mit der nahöstlichen Sicherheitslage befasst sind, in jedem Fall. Sie sagen viel aus über die veränderten Kräfteverhältnisse im Nahen Osten des Jahres 2018. Gäbe es eine erkennbare deutsche Außenpolitik, müsste man den dafür Verantwortlichen das Studium dieses Lehrstücks dringend empfehlen.

In den frühen Morgenstunden des 10. Februar 2018 trat eine Drohne in den israelischen Luftraum ein. Die Israelis hatten das Flugobjekt schon eine Weile verfolgt. Es war vom Tiyas-Luftwaffenstützpunkt (auch bekannt als T-4) westlich von Palmyra in Syrien gestartet, wo auch Einheiten der Quds-Brigaden, einer Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden, stationiert sind. Von Jordanien aus flog die Drohne bei Beit Shean auf israelisches Territorium. Neunzig Sekunden später schoss sie ein Apache-Kampfhubschrauber der israelischen Luftwaffe (IAF) ab. Es handelte sich offenbar um eine iranische Drohne, die der amerikanischen RQ-170 nachempfunden ist, die dem Iran 2011 in die Hände gefallen ist.

Wenig später verübten acht F-16I der IAF einen Vergeltungsschlag gegen die T-4-Basis. Die syrische Luftverteidigung feuerte mehr als zwanzig Boden-Luft-Raketen ab – darunter SA-6 und SA-17. Eine F-16, die in großer Höhe im israelischen Luftraum flog, wurde dabei offenbar durch Fragmente einer explodierenden Boden-Luft-Rakete getroffen. Die Besatzung konnte rechtzeitig aussteigen und landete auf israelischem Territorium; der Pilot war schwer verwundet.

In der Folge weitete Israel die Luftschläge aus und zerstörte zwölf Ziele in Syrien einschließlich der Luftverteidigung nahe Damaskus und Derra sowie iranische Militäreinrichtungen, darunter eine Militärbasis der Quds-Einheit in Mezzeh, die T-4 Basis, ein Waffendepot in Jabal Mana und einen iranischen Stützpunkt in Tal Abu al-Thaalab.

Beim Abschuss der F-16 handelte es sich um den ersten Verlust eines israelischen Flugzeugs im Kampfeinsatz seit 1982. Außerdem drang zum ersten Mal eine direkt vom Iran gesteuerte Drohne auf israelisches Gebiet vor. Bislang waren solche Operationen von iranischen Stellvertretern wie der Hisbollah ausgeführt worden. Dies könnte einen Wendepunkt im Konflikt zwischen Israel und dem Iran darstellen.

Kein Grund zur Sorge?

Die Iraner nutzten den Abschuss der israelischen F-16 zu Propagandameldungen, wonach sich das regionale Kräftegleichgewicht verändert habe und Israels Luftwaffe nun nicht mehr uneingeschränkt in Syrien operieren könne. In Israel sorgten die Bilder des zerstörten Kampfflugzeugs für Besorgnis und kratzen am Nimbus der als unbesiegbar geltenden IAF. Das Vertrauen der Israelis in ihre Streitkräfte ist dennoch ungebrochen. Am Tag des Abschusses, einem Schabbat, besuchten 25.000 Israelis das Naturschutzgebiet am Berg Hermon in den nördlichen Golanhöhen, direkt an der Grenze zu Syrien.

Ein nüchterner Blick auf die Bilanz der über 100 israelischen Luftschläge in den letzten sieben Jahren zeigt, dass der Verlust nur eines Kampfjets nach allen Standards der israelischen Luftwaffe ein exzellentes Zeugnis ausstellt. Der Abschuss einer F-16 sollte mit Blick auf die Luftüberlegenheit und strategische Balance of Power nicht überbewertet werden, wie auch der frühere IAF-Kommandant und Geheimdienstchef Amos Yadlin in einem Beitrag für Foreign Policy hinweist. Dies belegen nicht zuletzt die massiven Luftschläge Israels gegen die syrische Luftabwehr im Anschluss an den Abschuss. Israel machte unmissverständlich klar, dass ein Angriff hohe Kosten nach sich zieht.

Was die Iraner mit dem Einsatz der Drohne bezweckt hatte, darüber rätselt auch Israels Luftwaffe, wie der Chief of Air Staff Brig. Gen. Tomer Bar in einem Briefing vor der Presse erklärte. Es könnte sich um einen Aufklärungsflug gehandelt haben – zumal die Drohne unbewaffnet war. Vielleicht wollten die Iraner auch die israelischen Fähigkeiten und Reaktionszeiten testen. Angesichts der intensiven Kämpfe in Syrien an mehreren Fronten und der jüngsten Proteste im Iran gegen die Investitionen Teherans in Syrien und im Libanon auf Kosten der Bevölkerung zuhause erscheint es fraglich, dass der Iran an einer Eskalation interessiert ist. Sollten die Iraner gehofft haben, dass sie den israelischen Luftraum unentdeckt penetrieren können, sind sie eines Besseren belehrt worden.

Blick nach Syrien

Mit Blick auf den syrischen Bürgerkrieg reihen sich die Vorkommnisse des 10. Februar unmittelbar in die jüngsten Entwicklungen ein. Unterstützt durch Russland und den Iran, konzentrierten sich die Angriffe des erstarkten Assad-Regimes im Februar auf zwei der größten verbleibenden Rebellengebiete, Idlib im Nordwesten und Ghouta im Osten, nahe Damaskus. Die USA, Russland, Israel und die Türkei sind mittlerweile tiefer in dem Konflikt verwickelt und versuchen, ihre Interesse in Syrien zu schützen.

Zwar bleibt die US-Politik in Syrien auch unter Trump vage. Allerdings hat US-Außenminister Rex Tillerson am 20. Januar 2018 klargestellt, dass die US-Truppen bis auf weiteres in Nordsyrien bleiben werden, um ein Wiedererstarken des Islamischen Staates zu verhindern und den iranischen Einfluss in Syrien einzugrenzen. Doch die 2.000 US-Soldaten befinden sich inmitten eines unvorhersehbaren Kampfgeschehens, wie sich Anfang Februar zeigte. In der Nacht vom 7. Februar 2018 feuerten vom Iran geführte Einheiten Artillerie in die Richtung der von den USA unterstützten Syrian Democratic Forces (SDF) südlich von Deir al-Zour. Anschließend rückte die rund 500 Mann starke Einheit, die auch afghanische Kämpfer und russische Söldner der Wagner Group umfasste, gegen die SDF-Stellung vor. Ein massiver Gegenschlag durch die US-amerikanische Luftwaffe zerstörte die Angreifer, etwa 100 Kämpfer wurden dabei getötet, darunter wohl auch 30 russische Söldner.

Währenddessen schreitet die türkische Offensive gegen die Kurden im Nordwesten Syriens weiter voran. Ankara hatte am 20. Januar begonnen, in Syrien einzumarschieren und die von den USA unterstützten Kurden in der nordwestlichen Enklave Afrin zu attackieren. Die Türkei betrachtet die YPG-Miliz als Terrororganisation. Der türkische Feldzug stellt die Beziehungen innerhalb der NATO auf eine schwere Belastungsprobe, denn für Washington sind die syrischen Kurden ein wichtiger Partner im Kampf gegen den Islamischen Staat. Die Türkei hat bereits gedroht, das Kampfgebiet auszuweiten – auch in Bereiche, wo sich US-amerikanische Truppenbasen befinden. Nach Medienberichten baten die Kurden am 19. Februar nun ausgerechnet Assad um Hilfe, mit dem sie bislang aufgrund separatistischer Tendenzen verfeindet waren. Der syrische Bürgerkrieg geht damit weiter, und er wird durch die Verwicklung externer Kräfte immer komplizierter.

Die iranische Landbrücke

Sowohl der Drohneneinsatz gegen Israel als auch der Angriff auf die von den USA unterstützten Truppen sind Ausdruck des gesteigerten iranischen Selbstbewusstseins in Syrien. Teherans Einsatz hat maßgeblich dazu beigetragen, das Assad-Regime am Leben zu halten und den Einfluss der USA in Syrien zu begrenzen. Außerdem hat sich das iranische Regime in eine günstige Angriffsposition gegenüber Israel gebracht.

Das mittelfristige Ziel des Irans ist die Etablierung eines schiitischen Landkorridors über den Irak und Syrien bis in den Libanon, auf dem es Waffen und militärische Kräfte verlegen kann. Der Korridor soll durch die Revolutionsgarde und schiitische Milizen geschützt sein und könnte eine akute Bedrohung für Israel werden. Nach Aussagen von US-Verteidigungsminister James Mattis im Januar 2018 ist die schiitische Landbrücke aber bislang noch nicht einsatzfähig. Nach Aussagen irakischer Quellen hingegen, deren Glaubwürdigkeit allerdings unbekannt ist, hat der erste iranische Konvoi mit zwanzig LKW bereits Mitte Dezember 2017 den Irak durchquert und Syrien erreicht. Nach wie vor scheint der Luftweg jedoch die präferierte Methode des Irans, um Truppen und Material nach Syrien zu verlegen. Die Angst vor israelischen Luftschlägen dürfte dabei eine Rolle spielen.

Israel hat verbal und durch Militäroperationen zu verstehen gegeben, dass es eine iranische Präsenz nicht dulden wird – insbesondere in Hinblick auf den Bau von militärischer Infrastruktur. Die Stationierung von iranischen Waffensystemen, wie fortschrittliche Luftverteidigungssysteme und zielgenaue Raketen, stellt eine erhebliche Veränderung des regionalen Kräftegleichgewichts zu Lasten Israels dar. Zumal das Raketenarsenal der Hisbollah, des iranischen Verbündeten im Libanon, bereits heute nicht nur aufgrund der schieren Masse beunruhigend ist (130.000 Raketen sollen auf Israel gerichtet sein), sondern auch die Zielgenauigkeit und Reichweite haben sich dank iranischer Unterstützung erheblich verbessert. Von präzisionsgeleiteten Waffen geht eine erhebliche Gefahr für Israel aus. Denn die kritische Infrastruktur des Landes von der Größe Hessens konzentriert sich auf wenige Punkte, die die Hisbollah genau ins Visier nehmen wird.

Anruf aus Moskau

Seit 2015 kommt Russland eine zunehmend wichtigere Position im syrischen Bürgerkrieg zu. Israels Premierminister Benjamin Netanyahu begriff das schnell. Moskau und Jerusalem richteten einen direkten Draht zwischen Netanyahu und Putin ein und vermutlich auch abhörsichere Kommunikationsleitungen zwischen israelischen und russischen Geheimdienst- und Militäreinrichtungen, um einen ungewollten militärischen Zusammenstoß auf dem Schlachtfeld in Syrien zu vermeiden. Doch diese Koordination bedeutet keineswegs, dass der Kreml sich auch die Sicherheitsinteressen Jerusalems zu eigen macht. Netanyahu hat vergeblich versucht, Putin davon zu überzeugen, den Iran daran zu hindern, in Syrien Wurzeln zu schlagen – insbesondere nicht in der Grenzregion zu Israel. Mittelfristig ist auch Russland freilich nicht an einer ständigen Präsenz des Irans in Syrien interessiert. Nichtsdestotrotz kooperieren beide Staaten gegenwärtig in ihrer Unterstützung des Assad-Regimes. Russland hat zumindest gegenwärtig ein Interesse daran, dass sich der Iran am Wiederaufbau Syriens beteiligt.

Die Ereignisse des 10. Februar passen in dieses Bild. Israel plante wahrscheinlich eine umfangreichere Gegenoffensive nach dem Abschuss der F-16. Die israelische Luftwaffe war auf dem Kriegspfad, und die Pläne für eine groß angelegte Militäroperation gegen Syrien liegen sicherlich schon seit längerem in einer Schublade im Hauptquartier der IDF. Doch es zeigte sich, wer mittlerweile im Nahen Osten den Ton angibt: Ein Anruf des russischen Präsidenten am Samstagmorgen genügte, um Jerusalem an einer weiteren Eskalation zu hindern. Nach israelischen Medienangaben „bat“ Putin den israelischen Premier, von Handlungen abzusehen, die zu „gefährlichen Konsequenzen für die Region“ führen könnten. Auch öffentlich verurteilte Moskau Israels Verletzung syrischer Souveränität, verschwieg aber geflissentlich deren Ursache – die iranische Drohne im israelischen Luftraum.

Israelische Beobachter zeigten sich enttäuscht von Putins Verhalten. Angesichts der positiven Treffen und Gesprächen zwischen Putin und Netanyahu hatte man gehofft, dass sich Russland zumindest neutral verhalten werde. Diese Hoffnungen sind nun enttäuscht worden. Andererseits verhinderte Putin eine weitere Eskalation des Konflikts, der rasch auch in einen Krieg hätte müden können – zumindest für den Moment.

„Testen Sie uns nicht!“

Der Nahe Osten stand Mitte Februar kurz vor einem Krieg. Und die nächste iranische Waffenlieferung oder Provokation ist nur eine Frage der Zeit. Es bleibt abzuwarten, ob Israel dann Zurückhaltung walten lässt und weiterhin auf Abschreckung setzen wird. In Netanyahus Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 18. Februar machte der israelische Premierminister deutlich, dass Israel nicht gedenkt, seine legitimen Sicherheitsinteressen zu vernachlässigen. Mit einem Trümmerteil der zerstörten iranischen Drohne in der rechten Hand sprach er den iranischen Außenminister Mohammed Javad Zarif, der im Publikum saß, direkt an: „Herr Zarif, Erkennen Sie das? Sie sollten es, denn es gehört Ihnen. Sie können es zurücknehmen mit einer Nachricht an die Tyrannen von Teheran: Testen Sie nicht Israels Entschlossenheit!“

Foto: rotes Telefon

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Leserpost (7)
Martin Landvoigt / 26.02.2018

Ein äußerst informativer Artikel, der die komplexe Lage differenziert beleuchtet. Im öffentlich-Rechtlichen oder den Mainstream-Medien erwartet man gar nicht mehr, so gut aufgeklärt zu werden. Die Agenda dieser Kanäle ist dagegen nicht mehr zu verhehlen.

Mark Schild / 25.02.2018

Das Eingreifen Russlands , der USA, dem Iran und der Türkei wird von ihren großmächtige Interessen bestimmt. Für Israel geht es ums Überleben!

Mira Eriksen / 25.02.2018

Von all den anderen “Playern”  in Syrien ist die Türkei, neben dem IS, am gefährlichsten, weil es ihr nur vornehmlich um die Bekämpfung der Kurden geht. Bis zum ersten Weltkrieg herrschte das osmanische Reich 400 Jahre in Syrien. Es ist klar erkennbar, dass Erdogan nicht nur von der imperialen Vergangenheit träumt. Auch Zypern und Teile Griechenlands will er über kurz oder lang “heim ins Reich” holen. Und das alles mit deutschen Panzern!

Judith Hirsch / 25.02.2018

Das Bittere an dem Konflikt Iran-Israel ist der Fakt, dass es kein muslimisches Volk gibt, dass gegenüber Juden so tolerant ist wie das iranische. Menschen, die einander sogar freundlich gesinnt sind, werden von den Mullahs zu Feinden erklärt.

Philipp Ruben / 25.02.2018

Wer sich auf Moskau verlässt, ist von allen guten Geistern verlassen. Russland kann und wird Israels Sicherheit nicht garantieren. Gegenwärtig dürfen die Kurden in Afrin erfahren, was von Moskaus Sicherheitsgarantien zu halten ist. Mittlerweile hat man das auch in Israel gemerkt.

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