Beda M. Stadler / 14.04.2007 / 09:24 / 0 / Seite ausdrucken

Rotwein schlimmer als LSD?

Die neue Hitliste der gefährlichen Drogen fördert die Verbotsgesellschaft

Die wissenschaftliche Literatur hat uns ein Osternest mit Überraschungseiern beschert. Alkohol soll gefährlicher als Ecstasy und LSD sein! Dies behauptet David Nutt, Psychopharmakologe der Universität Bristol, in der neusten Ausgabe von «Lancet». Unter seiner Obhut haben sich Experten getroffen, um missbrauchte Drogen in eine rationale Skala einzuteilen. Bisher gab es die Klassen A bis C. Diese Stoffklassen waren Richtlinien, um Drogenkonsumenten ins Gefängnis zu bringen. Niemand kennt die Klassifizierung, trotzdem wissen wir, von welchen Stoffen man besser die Finger lässt…

Professor Nutt und seine Experten wollten nicht nur illegale Drogen in die neue Skala einordnen, sondern auch legale, wie Alkohol und Tabak. An erster Stelle der neuen Top-zwanzig- Drogenliste landete, der Gefährlichkeit nach, Heroin. Auf Platz zwei dann Kokain. Das ist keine Überraschung. Die weiteren Placierungen sind allerdings bemerkenswert.

Zuerst aber sei zusammengefasst, worum es den Experten ging. Die Gefährlichkeit der Drogen wurde aufgrund von drei Faktoren beurteilt: erstens nach der Grösse des Schadens, der dem Drogenkonsumenten zugefügt wird. Zweitens nach der Grösse der Tendenz, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Und drittens nach der Wirkung auf die betroffenen Familien, auf ihr Umfeld oder die Gesellschaft.

Manch einer wird jetzt ein schlechtes Gewissen kriegen, wenn er erfährt, dass an dritter Stelle Barbiturat, ein bewährtes Schlafmittel, ist. An vierter Position ist Strassenmethadon, mit der Betonung auf Strasse, um die offizielle Methadonabgabe von moralischem Skrupel zu befreien. An fünfter Stelle figuriert der Alkohol! Vermutlich ist dies für die Gutmenschen, welche zurzeit die Raucher zum letzten Abschaum dieser Gesellschaft stempeln, eine Zwickmühle. Wo mit einem Gläschen auf qualmfreie Beizen angestossen wurde, hoffen wir, es sei bei dem einen Gläschen geblieben. Jedes dritte Glas gilt als Alkoholmissbrauch. Und Champagner gibt zudem CO, ab.

Raucher können hingegen aufatmen: Tabak steht erst an neunter Stelle. Zwischen Alkohol und Tabak liegen nämlich der Missbrauch des Narkotikums Ketamin, jener des Tranquilizers Benzodiazepin und schliesslich jener von Speed (Amphetamin). Für brave Drogenpolitiker beginnt ab hier das Problem, weil erst zwei Plätze weiter unten, sozusagen im harmlosen Bereich, Cannabis aufgelistet ist. Genau das predigen in diesem Land die Kiffer längst ihren Eltern: Haschen sei im Vergleich zu Tabak und Alkohol harmlos! Wem Marihuana trotzdem zu riskant ist, der kann gemäss Experten zu harmloserem Stoff greifen: drei Plätze weiter unten steht LSD und erst auf Platz 18 dann Ecstasy.

Mit anderen Worten, diese Liste ist eine Herausforderung für alle, die den Kindermädchenstaat einführen möchten. Sind Klosterfrau Melissengeist und Jägermeister wirklich gefährlicher als ein Joint oder ein LSD-Trip? Schon einmal wurde ein Medikament, Heroin, das als Schmerzmittel besser taugt als Aspirin, gesellschaftlich diskriminiert und dann in die Illegalität gedrängt. Ich hoffe, das passiert nun nicht dem Rotwein.

Beim Tabak sind wir bereits so weit! Es wird behauptet, ein klein wenig Passivrauchen sei genauso gefährlich, wie wenn man tagtäglich am Stenge1 hänge. Da das Dosis-Wirk- Prinzip wissenschaftliches Denken ist, kann man nicht erwarten, dass Politiker auch so denken.

Es ist noch nicht lange her, dass die Lungenliga Schweiz verkündete: «Passivrauchen verursacht mehr Tote als Aids, Drogen oder Gewaltverbrechen. » Wie gross die Narrenfreiheit dieser Aussage war, wird jetzt ersichtlich, da wir uns zwischen Strassenkriminalität und einem Glas Rotwein entscheiden müssen!

Die politische Agenda auf dem Weg zur Verbotsgesellschaft scheint aber programmiert. Politiker und ihre Berater werden mit rauchfreien Gehirnen vorerst die Klimakatastrophe bewältigen, dann kommt der Alkohol dran: beim Apero.

(Zuerst erschienen am 08. April 2007, in NZZ am Sonntag.)

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Beda M. Stadler / 09.10.2015 / 11:15 / 3

Schweine im Schlaraffenland

Wir essen nicht mehr, um zu geniessen, sondern um gesünder zu werden. Was Spass macht, wird verboten. Wenn es so weitergeht, sind die Beipackzettel der…/ mehr

Beda M. Stadler / 09.08.2015 / 06:30 / 5

Wollen sie Ewig leben?

Möchten Sie ewig leben? Was fällt jemanden ein, wenn er sich vorstellt, dass es immer weiterginge? NZZ-Folio hat bei acht Prominenten nachgefragt. Bei mir auch.…/ mehr

Beda M. Stadler / 27.10.2014 / 13:43 / 2

Afrikas unheimliche Krankheiten

Von Aids bis Ebola: Der Schwarze Kontinent bleibt ein riskantes Gelände. Seine Krankheiten haben allerdings mehr mit sozialen Umständen als mit tödlichen Mikroben zu tun.…/ mehr

Beda M. Stadler / 05.04.2014 / 00:07 / 6

Haben die Veganer recht?

«Sentience», auf deutsch Empfindungsfähigkeit, ist die Bezeichnung für zwei Volksinitiativen in Bern und Basel damit Väterchen Staat uns vegane Menus in Kantinen von Schulen, Spitälern,…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com