Wolfgang Röhl / 23.03.2017 / 06:00 / Foto: Olaf Kosinsky / 16 / Seite ausdrucken

Roboterjournalismus? Brauchen wir nicht, haben wir schon

Nein, ein „Roboterjournalist“ ist keiner dieser mies bezahlten Texteschrubber von Nachrichtenportalattrappen à la „focus.de“, „N24“ oder „t-online.de“, die Agenturmeldungen ausflöhen und zu vorgeblich eigenen Stücken verwursten. Vielmehr handelt es sich beim automatischen Schreiberling um ein noch nicht ganz ausgereiftes IT-Projekt zur Anhäufung medialer Müllhalden ohne viel menschliches Zutun. Irgendwas mit Algorithmen, Datenbanken und –kolonnen (Siehe hier).

Programmentwickler werkeln fleißig an virtuellen Robotniks, die dereinst viele leibhaftige Journos ersetzen sollen. Die finanziellen Vorteile für Inhaber von Content-Schleudern – formerly known as Pressehäuser - klingen in der Tat verführerisch.Nun hat sich der Hamburger Journalistik-Professor Thomas Hestermann in einem Interview  zu den Einsatzmöglichkeiten des algorithmisierten Journalismus geäußert. Welcher weitgehend aus kombinierten Textversatzstücken besteht, ähnlich den Ansagen der fabelhaften Anna vom Tom Tom-Navi.

Hestermann: „Soweit Journalismus in sehr engen Routinen und Textformen arbeitet, können Maschinen heute schon genauso gut und in Zukunft wahrscheinlich besser, schneller und ausdauernder als wir Menschen arbeiten.“ Realistisch sei das aber vorerst - so des Profs gute Nachricht für die derzeit noch in Lohn und Brot stehenden Medienschaffenden - nur für bestimmte Bereiche. Etwa bei Wetter-, Bilanz- oder Sportberichten. Hestermann glaubt: „Guten, phantasievollen Journalismus wird auch in 50 Jahren kein Roboter produzieren.“

Mag sein. Andererseits: Mischt nicht Mr. Robot im redaktionellen Geschehen schon kräftig mit? So jedenfalls kommt es dem lesenden Mittelständler bei vielen Blättern vor. Besonders anlässlich gewisser, sich in immer kürzeren Abständen repetierender, Tatbestände.

Vorhersagbarkeit mit algorithmischer Präzision

Angenommen, in diesem Moment liefe eine Eilmeldung über die Schirme, ein „Mann“ habe wahllos Menschen massakriert, in Berlin, Paris, Brüssel oder sonst wo. Angenommen weiter, es stellte sich rasch heraus, dass dieser Mann nicht Heinz Müller oder Francois Dupont heißt – was, glauben Sie, würde zu dem Fall beinahe ebenso schnell gemeldet? Das lässt sich mit algorithmischer Präzision vorhersagen. Gibt man in den einschlägigen Blättern oben die Meldung von einem Attentat in X, Y, oder Z ein, purzeln unten die Textbausteine aus den Meinungsautomaten.

Der Täter ist ein Einzeltäter. Hatte schon lange psychische Probleme. Als chronischer Straftäter bekannt, weil er, nostra culpa, in Europa nie wirklich integriert wurde. Aber erst im Gefängnis selbstradikalisierte er sich! Und dass er irgendwas mit Allah und Dschihad gerufen hat, Kontakte zu Terrornetzen gehabt haben soll? Unmöglich, sagt sein Vater, er trank ja Alkohol.

Und die allfälligen Kommentare zu der betrüblichen Tat? Noch in der Nacht, spätestens am nächsten Morgen flutschen die  Phrasen aus dem Stehsatz direktemang in die Leitartikel der Qualitätspostillen:

Jetzt bloß nicht alle Muslime unter Generalverdacht stellen! (hier) Ruhe bewahren! Keine Angst! (hier). Nur keinen Hass! (hier). Schärfere Gesetze bringen nichts! (hier) Sind nicht auch wir schuld an den Verzweiflungstaten chancenloser Einwanderer? Und spielen dabei nicht auch die Verbrechen der Kolonialzeit eine Rolle? (hier) Nur nicht in die Falle tappen, welche die Terroristen uns mit jedem Anschlag stellen! Denn genau das ist es ja, was die wollen: dass wir unsere freiheitlichen Werte aufgeben! (hier)

Sorry, geschätzte Programmierer, das mit dem Roboterjournalismus ist zwar eine hübsche Idee. Aber im Schriftleitermilljöh längst Realität. Ganz ohne Algorithmen.

Update des Autors: Dieser Beitrag wurde kurz vor dem Anschlag in London geschrieben. Das "Heute Journal" des ZDF widmete dem leidigen Vorfall in der britischen Hauptstadt am späten Abend des Tattages (22. März 2017) ein paar Minuten. Aufgeschnappt habe ich in der Sendung vier Mal (könnten auch fünf oder sechs Mal gewesen sein) den Begriff "Einzeltäter". Schauen wir mal, was die deutsche Medienlandschaft ab dem 23. März an vereinzelten Täterschaften noch so alles aufzubieten hat.

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Leserpost (16)
Günter H. Probst / 23.03.2017

Kommt einem irgendwie alles bekannt vor. Sie haben noch vergessen, daß von islamischen Terroranschlägen nicht mehr, sondern nur noch von Amokläufen gesagt und geschrieben wird. Und die gab es ja in Europa schon immer.

Peter Groepper / 23.03.2017

Sollte es irgendwann echten Roboter-Journalismus geben, der über unsere aktuelle Roboter-Politk schreibt, dann wird es auch bald darauf Roboter-Leser geben. Diese können dann unermüdlich lesen, was unermüdliche Roboter schreiben - und es dann, von mir ungelesen, entsorgen. Ich wähle und lese dann weiterhin, was echte Journalisten schreiben. Z.B. hier in der Achse. Oder Tichy. Oder Cicero. Oder PS, oder oder oder. Es werden ständig mehr. Für die Achse und Tichy zahle ich eine Patenschaft. Tichy und Cicero kaufe ich außerdem z.Zt. am Kiosk.

E. Faller / 23.03.2017

Roboter ? Brauche ich nicht, das kann mein Winword schon. Vor jeden Täter (Autotext - mutmaßlich), vor jedem Terrorakt (Autotext - mutmaßlich) ....geht doch billiger !

M. Haumann / 23.03.2017

Und ausserdem ging er ja gar nicht regelmässig zur Moschee, sagt Papa. Es ist statistisch viel wahrscheinlicher, im Haushalt zu verunglücken oder im Strassenverkehr umzukommen. Und für aktuell sich häufende Lokalereignisse immer gern genommen: Deutschland steht seit vielen Jahren im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus.

Karsten Gränzer / 23.03.2017

Ich finde es spannend, zu beobachten, wie der phsychisch gestörte Einzeltäter zum Massenphänomen mutiert. Mal sehen, wann es den Medienschaffenden auffällt. Die sind ja immer ein wenig hinterher, wenn es um so was geht.

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