Jetzt sind die Dünnen dran

Klappergestell! Hungerhaken! Über einen mageren Frauenkörper zu richten ist en vogue, gerade beim weiblichen Geschlecht scheint es eine Art der Selbsthygiene zu sein. Einerseits fühlt es sich gut an, weil man damit die Zustimmung des versammelten Frauenkollektivs auf sicher hat. Andererseits basiert das Ablästern über Schlanke ja meist auf dem Vorwurf, Dünnsein würde ein "komplett falsches und ungesundes Frauenbild aussenden". Und Schuld auf andere abwälzen ist immer ein Akt der Befriedigung. Dünne sind auch schuld am Klimawandel. Und am Syrienkrieg. Auch die Klatschmedien bemühen sich angestrengt, das Gewicht ihrer Protagonistinnen zu skandalisieren: "Kendall Jenner wird immer magerer!" (20 Minuten). "Amal Clooney ist nur noch Haut und Knochen!" (Bild). "Sind die Victoria's Secret Engel zu dünn?" fragte die Schweizer Illustrierte und liess im Selbstversuch eine Normalgewichtige Size Zero-Kleider anprobieren – die Kleider passten, welch Überraschung, nicht.

Indem sie erwachsene Models mit Körpern von 12-jährigen Jungs über den Laufsteg schickt, fördert die Modeindustrie natürlich ein fragwürdiges Schönheitsideal. Viele Mädchen und junge Frauen idealisieren auch die sehr schlanken Figuren ihrer Vorbilder wie Kate Middleton oder Angelina Jolie. Bei Essstörungen kann das natürlich eine gewichtige Rolle spielen. Indem man aber sämtliche mageren Frauenkörper zum Synonym für ungesunde und schädliche Beeinflussung erklärt, löst man dieses Problem nicht. "Es ist eine irreführende Idee", sagt Claire Mysko, Direktorin vom Nationalen Verband für Essenstörungen in Amerika, in der New York Times. "Eine Person kann einen normalen BMI haben und dennoch eine gequälte Beziehung zum Essen und ihrem physikalischen Bewusstsein führen; andere können knochig aussehen und es geht ihnen bestens." Von einem tiefen BMI auf Kränklichkeit oder Schwäche zu schliessen, ist also genauso verkehrt wie Hunger leiden wegen eines vermeintlichen Schönheitsideals.

Wenn eine ohne Anstrengung schlank ist, schürt es Ressentiments

Es gibt sie leider, die Frauen, die von Natur aus schlank sind, oder dünn – die Wortwahl ergibt sich ja meist aus der persönlichen Sympathie oder Abneigung für das kritisierte Individuum. Frauen, die essen können, was sie wollen, ohne zuzunehmen. Die problemlos in jedes Kleid passen. Und ja, das ist fies. Wenn eine all das hat, schürt es Ressentiments. Der schlanke, gesunde Körper kann aber auch ein Statement sein, ein Ausdruck der Individualität: "Ich bin diszipliniert, ich treibe Sport, ich fühle mich gut."

Männer übrigens finden den Anblick einer kurvigen Frau am Reizvollsten, wie ein aktuelles Experiment der Daily Mail zeigt. In einem Test standen mehrere Herren, ausgestattet mit einer Spezialbrille, die ihre Augenbewegungen misst, drei Models 30 Sekunden lang gegenüber. Die Damen repräsentierten drei Figurtypen: kurvig, athletisch, schlank, alle verpackt in kurze Shorts und enge Oberteile. Dem kurvigen Modell schenkten die Männer die grösste Aufmerksamkeit – 36 Prozent ihrer Blicke, gefolgt von der athletischen Dame mit 34 Prozent. Schlusslicht war die Frau mit Modelfigur mit 29 Prozent. Zumindest was männliche Bewunderung angeht, lohnt die Fixierung also nicht.

Tamara Wernli arbeitet als freischaffende News-Moderatorin und Kolumnistin bei der Basler Zeitung. Dort erschien dieser Beitrag auch zuerst. In ihrer Rubrik „Tamaras Welt“ schreibt sie wöchentlich über Gender- und Gesellschaftsthemen

Foto: Bildarchiv Pieterman

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