Roger Letsch / 21.07.2017 / 12:36 / Foto: Santeri Viinamäki / 13 / Seite ausdrucken

Reputationsgau: Spiegel-Bestsellerliste gereinigt

Heimlich, still und leise wurde „Finis Germania“ ein politisch sperriges Buch, das weit vorn auf Platz 6 der Spiegel-Bestseller gelandet war, entfernt. Die Liste, die bislang der Goldstandard im Buchhandel war, ist damit wertlos und unglaubwürdig geworden. Die Aufstellung, die über die Popularität eines Buches beim Publikum Auskunft geben soll, tut dies nicht mehr. Sie gibt nur noch Auskunft darüber, was von den Liste-Machern als tolerierbar angesehen wird.

Papiertaschentücher sind „Tempos“, glutamatverranzte Speisewürze heißt „Maggi“ und wer wissen will, wie sich ein Buch verkauft, nutzt den jahrzehntealten Goldstandard für Bestsellerlisten: die des Spiegels. Bisher zumindest war das so. Aber dann klaffte aktuell an Platz 6 der Online-Version der Hardcover-Sachbuch-Bestseller plötzlich eine unerklärliche Lücke, ein "White-Out" und man überlegt, warum der Seitenzimmermann hier wohl ein Loch gelassen hat. Bis man dahinterkommt, dass es da ja dieses eine Buch gibt, das nach seiner versehentlichen Empfehlung durch einen Spiegel-Redakteur, der sich erdreistete, eine eigene Meinung zu haben.

Ein Buch, so schlimm und ungezogen, dass es in Deutschland kluge Menschen gibt, die behaupten, Meinungsfreiheit sei ja ganz nützlich, aber hier werde sie „missbraucht“ – dabei waren nicht mal Zeichnungen von Mohammed drin! Empörte Leser und Kunden von Amazon beschwerten sich über die „Lücke“, in der den Zahlen nach eigentlich eben dieses Buch, nämlich „Finis Germania“ stehen müsste, worauf der Seitenzimmermann die Liste so zu gestalten begann, dass es verschieden große Lücken gab und der ausgefallene Platz 6 nicht mehr so auffallen musste. 

Na sowas, denkt der Leser. War da nicht was? Fehlt da nicht was? Nun ist es so, dass die Spiegel-Liste an vielen Orten im Netz rezipiert wird. Amazon wird die Werke selbstredend mit den eigenen Artikeln verlinken, andere Online-Händler tun das mit ihren. Und so kam es, dass die Liste noch an einem Ort unverfälscht zu finden war, nämlich bei Thalia. Überall sonst hat man der Wahrheit ein klein wenig „nachgeholfen“. Ein Vorgehen, das wir aus der Zeit stalinistischer Säuberungen kennen, als gewissen in Ungnade gefallene Genossen aus Bilder und Dokumenten getilgt und gelöscht wurden. Damnatio memoriae!

Wir tolerieren in diesem Land Leute, die an Chemtrails glauben oder das Elvis noch lebt oder dass die Linke eine demokratische Partei ist – aber für ein unbequemes Buch aus einem zur Paria erklärten Verlag müssen wir zu Lüge und Fälschung greifen? Wo sind wir hier nochmal? In einem Land, in dem Zensur nicht stattfindet? Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, das Buch zu besprechen, es zu loben oder zu verreißen ist Teil des liberalen Betriebssystems unserer Gesellschaft – oder sollte es zumindest sein. Niemand muss es kaufen und es gibt für die meisten Menschen sicher fast keinen Grund, dies zu tun.

Aber Zahlen fälschen? Warum? Für den guten Zweck, das höhere Wohl? Zum Wohle der Allgemeinheit oder die Reinhaltung der Literatur? Die Spiegel-Bestseller-Liste war eine Institution, eine Instanz, die nur auf harten Zahlen basierte. Zuverlässig, weil unbestechlich und unbeeinflussbar – außer durch Absatz von Büchern oder eben dessen Ausbleiben. Das ist nun vorbei. Auch dieses letzte Fünkchen von Objektivität der Presse reiht sich ein in die Doktrin einer selbsternannten Meinungselite, wie sie Jean-Claude Juncker trefflich definiert hat: „Wenn’s drauf ankommt, muss man lügen.“

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog Unbesorgt hier. Dort finden Sie auch weitere Screenshots zum Beleg.

Nachtrag 25.Juli: Inzwischen wurde die Reinigung der Liste durch den "Buchreport" bestätigt. Er ermittelt die Zahlen für den Spiegel.

Foto: Santeri Viinamäki CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (13)
Karl Ammann / 21.07.2017

Geht es nicht um Beruhigung des gemeinen Bürgers ? Demzufolge müssen alle Elaborate, die dem Pöbel die Augen öffnen könnten, entfernt werden. Hatten wir schon mal in zwei dt. Staaten. Willkommen bei G. Orwell.

Klaus Reichert / 21.07.2017

Diejenigen, die sich für unsere geistigen Eliten halten, freuen sich mittlerweile wie Bolle über jeden, der in Springerstiefeln rumhüpft und den rechten Arm hochreißt. Da zeigt man drauf und ruft “Nazi” und alle verstehn’s. Wertkonservative Analysen, die ihnen den Spiegel vorhalten, so dass sie ihr eigenes Versagen erkennen können, hassen sie aber abgrundtief. Nur deshalb werden diese mit derartiger Vehemenz bekämpft. Das sind die gefährlichen Gedanken, deren Verbreitung man verhindern muss. Da wird dann so ein Sieferle - Büchlein zu einer unerhörten Gefahr und sein Verleger zur monströsen Figur, die unser gesellschaftliches Gefüge zum Einstürzen bringen kann.

Winfried Sautter / 21.07.2017

Die Spiegel-Bestsellerliste ist für mich ungefähr genauso autoritativ wie Elke Heidenreichs Kritiker-Kommando “Lesen!”. Wenn ich in der Buchhandlung die derart klassifizierten Stapel Druckware sehe, mache ich einen Bogen darum. Interessant ist aber, dass die Bestsellerliste - unfreiwilllig- eine Ahnung davon gegeben hat, dass es hierzulande immer noch etliche gibt, die kaufen und lesen, was sie wollen, und nicht was sie sollen. Wäre mal interessant zu recherchieren, wie sich Thilo Sarrazin, Akif Pirincchi, oder Jean Raspail so verkaufen. Auch wenn gewisse Autoren von den etablierten Verlagen, dem Buchhandel, gelegentlich sogar von Amazon etc. boykottiert werden, es gibt inzwischen längst Möglichkeiten, sie anderweitig zu bekommen. Und man denke nur an Houllebebecq:  Er wird vom Feuilleton niedergeschrieben, und verkauft sich umso besser.

Lothar Hannappel / 21.07.2017

Es kann ja denn nun nicht mehr weit bis zur Bücherverbrennung sein. Es ist schon erstaunlich, wie viele Paralleln vor unseren Augen zur dunkelsten Zeit Deutschlands gerade ablaufen. Und (fast) alle schauen weg. Auch das wird wohl eine traurige Parallele zu damlas sein.

mike loewe / 21.07.2017

Ich finde das gut. Während bisherige Zensurvorwürfe an die Presse doch meist eher auf weichen Faktoren wie Vermutungen oder Gefühlen beruhten (”... kann man doch schließlich so oder so sehen”), ist hier doch mal ein auf harten Zahlen basierender, für jeden nachvollziehbarer, gewissermaßen wissenschaftlicher, mathematischer Beweis. Künftig wird der Spiegel natürlich die Zahlen heimlich vor der Veröffentlichung fälschen, so dass gar nicht erst Lücken entstehen. 

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