Marisa Kurz / 23.10.2017 / 06:15 / Foto: USDOD / 35 / Seite ausdrucken

Reflexhaftes Linksgrün-Bashing ist nicht besser als die Nazikeule

In der vergangenen Woche schockierte das Satiremagazin „Titanic“ mit einer Bildmontage, in der der österreichische Merkel-Kritiker und Politstar Sebastian Kurz als „Baby-Hitler“ bezeichnet wurde und zu seinem „Abschuss“ aufgerufen wurde. Wer heute zu bestimmten „sensiblen“ Themen eine kritische Haltung einnimmt (etwa Flüchtlingskrise, Islam, Euro, EU oder Energiewende), der bekommt, wie der Fall Kurz wieder einmal zeigt, schnell die Nazikeule übergezogen.

Die ewigen undifferenzierten Unterstellungen und Beleidigungen sind, euphemistisch gesprochen, mühselig anzuhören. Doch auch die, die der Nazikeule laut entgegentreten, sind nicht dagegen immun, dieselben Fehler zu machen: nämlich unreflektierte Pauschalurteile zu treffen, in simple Argumentationsmuster zu verfallen und ein gleichwertiges Bashing zu veranstalten, nur eben mit anderen Gegnern.

Und ich nehme mich da nicht raus. Auch uns selbst stünde ein wenig Selbstkritik nicht schlecht zu Gesicht. Nur weil man oft zu Unrecht kritisiert wird, bedeutet das nicht, dass man immer Recht hat. Und auch nicht, dass die anderen immer in allen Punkten falsch liegen.

Vor mehr als einem Jahr habe ich damit angefangen, meine „unpopulären“ politischen Ansichten, etwa meine Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik, hier auf der "Achse" und auf meinem Facebook-Profil öffentlich zu äußern. Zu Beginn hatte ich mein Profil so eingestellt, dass alle Facebook-Nutzer meine Beiträge kommentieren konnten. Nach einigen Wochen habe ich die öffentliche Kommentarfunktion wieder abgestellt.

Unreflektiert gegen alles sein, das potenziell „links“ ist

Nicht, weil ich beleidigt wurde. Sondern, weil die Kommentare teilweise so unsachlich waren, dass ich sie nicht auf meiner Seite haben wollte. Bis heute fällt mir immer wieder auf, dass viele selbsternannte Kritiker der Flüchtlingspolitik oder Islamkritiker unreflektiert gegen alles bashen, das potenziell „links“ sein könnte. Und dabei genauso inkonsequent argumentieren und mit zweierlei Maß messen wie ihre Gegner.

Wenn ich zum Beispiel über Linksradikale schreibe, bekomme ich Applaus. Doch wenn ich auf Alltagsrassismus oder rechte Gewalt hinweise, kommen relativierende Antworten. Wenn ich die Frauenfeindlichkeit im Islam anprangere, bekomme ich Zustimmung. Doch wenn ich Alltagssexismus in Deutschland oder die Frauenfeindlichkeit in Prostitution und Pornografie kritisiere, werde ich lächerlich gemacht. Wenn ich auf das grausame Schächten von Tieren hinweise, gibt es Likes. Doch wenn ich darüber schreibe, welche ethischen Argumente dafür sprechen, unseren Fleischkonsum generell zu reduzieren, werde ich für verrückt erklärt.

Wenn ich die islamische Indoktrination von Kindern verurteile, bekomme ich Zuspruch. Doch wenn ich Tanzverbote an christlichen Feiertagen oder die jüdische Beschneidung nicht-einwilligungsfähiger Kinder kritisiere, gehen die Kommentare unter die Gürtellinie. Wenn ich den Konservatismus in islamischen Ländern anprangere, bekomme ich Beifall. Doch wenn ich mich für eine Ehe für alle ausspreche oder dafür, dass eine Olivia Jones oder Claudia Roth nicht im Hosenanzug im Bundestag erscheinen müssen, gibt es schockierte Kommentare.

Pawlowsche Reaktionen bei Triggerthemen

Manche „Kritiker“ der aktuellen Politik erkennen hinter bestimmten „Triggerthemen“ irgendwelche „linksgrünen Pathologien“, die pauschal abgewehrt werden müssen. Auf sachliche Begründungen kommt es dabei nicht an. Das Bashing, das manche dieser Leute gegen alles, was vermeintlich „links“ ist, veranstalten, steht dem Nazikeulenwerfen in nichts nach. Und das, obwohl sich diejenigen, die als „rechts“ bezeichnet werden, zurecht darüber aufregen, dass den Begriffen „rechts“ und „links“ heute gar keine klare Bedeutung zugeordnet werden kann.

Als besonders bedenklich empfinde ich es außerdem, dass viele der „Kritiker“ sich in ihrem Kampf gegen die political correctness zu plumpen, nationalistischen Argumentationen hinreißen lassen. Und sich, wenn auch manchmal aus Naivität, mit Leuten auf eine Ebene stellen, deren Motive über Fremdenfeindlichkeit nicht hinausgehen. Wenn ich nun sage, dass es mir egal ist, ob ein türkischer Migrant sich als „Deutscher“ identifiziert oder nicht, solange er die demokratischen, freiheitlichen, aufklärerischen Werte in Deutschland schätzt und lebt, bin ich für einige wahrscheinlich eine Kulturrelativistin. Sei's drum.

Wahre Kritik hört bei Selbstkritik nicht auf. Jeder Kritiker, jeder Autor und Leser, mich eingeschlossen, sollte stets seine Motive hinterfragen und prüfen, ob seine Argumentationen konsequent sind. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man etwas aus inhaltlichen Gründen kritisiert, oder einfach, weil es „fremd“ oder „links“ ist.

Leserpost (35)
Andreas Günther / 23.10.2017

Als “Alltagsrassismus” und “Alltagssexismus” werden nun einmal vom linksgrünen Milieu Verhaltensweisen wahrgenommen, die dem normal denkenden und empfindenden Menschen nicht als etwas Negatives aufstoßen. Beispielsweise wird schon die Differenzierung zwischen den Geschlechtern, den Kulturen, der Herkunft usw. oft als Diskriminierung bezeichnet. Bei 95% der als “Alltagsrassismus” bzw. “Alltagssexismus” bezeichneten Tatbestände schüttelt derjenige, der nicht einfach die Deutungen übernimmt, die man ihm an Schule, Uni und in den Medien antrainieren will, entgeistert sein Haupt und denkt nun einmal: „linksgrüne Pathologien.“ Und bei den verbleibenden 5 % ist die Sache oft auch nicht so eindeutig. Was jetzt nicht heißen soll, dass es “Alltagsrassismus” und “Alltagssexismus” überhaupt nicht gibt. Aber selbst ich, die Sanftmut in Person, schalte meist ab oder werde böse, wenn ich das nur höre. Zu viel Narrentum hat sich über uns in den letzten Jahren ergossen.

Joachim Nettelbeck / 23.10.2017

So ist das eben. Die Menschen sind nicht gut oder schlecht, weil sie in diesem oder jenem Lager zu finden sind. Deshalb ist die einzig relevante Frage nicht die nach den Menschen, sondern die nach dem Lager ...

Hartmut Laun / 23.10.2017

Michael Klonovsky: Wer heutzutage in einer politischen Debatte den Begriff “Nazi” gegen wen auch immer ins Feld führt, ist aus ethischer Sicht ein Lump, aus historischer Sicht ein Verharmloser, aus intellektueller Sicht eine Null.

Stefan Löbel / 23.10.2017

Sehr geehrte Frau Kurz. Ausnahmsweise stimme ich Ihnen nicht voll zu. Einverstanden bin ich, wenn Sie sinngemäß schreiben, dass wer sich politisch positioniert, jeden einzelnen Aspekt, der sich daraus ergibt auch kritsch hinterfragt. Auch das Hinterfragen durch andere zulässt. Nicht einverstanden bin ich mit Ihrem Vergleich von ‘Linksgrün-Bashing’ mit der ‘Nazikeule’. Wenn die ‘Nazikeule’ jemanden trifft, der sie nicht verdient hat (was ganz oft der Fall ist), ist sie in ihrer Brutalität nicht annähernd vergleichbar mit sogenanntem ‘Linksgrün-Bashing’. Wir alle wissen im Detail, was die Nazis alles getan haben. Aber uns ist es oft nicht bewusst. Überlegen wir mal fünf Minuten und vergegenwärtigen uns das, was sonst eher im Unbewussten bleibt, aber vorhanden ist. Die unvergleichliche Grausamkeit der Nazis. Jemanden als Nazi zu etikettieren, der keiner ist, ist daher völlig inakzeptabel.

Klaus Renft / 23.10.2017

Grundsätzlich ist Ihre Meinung zu schützen. Das raue Gepolter auf Twitter & Co ist dem unsäglichen Zeitgeist geschuldet. Das ist abzulehnen. Da gibt es keine Diskussion. Dann spannen Sie den Bogen aber noch weiter und hier würde ich schon gerne diskutieren. Sie tun vieles pauschal als “links-Bashing” ab, was Ihnen widersprüchlich oder “reflexhaft” erscheint. In Wirklichkeit zeichnet sich aber ein klares Schema ab. Auf der einen Seite stehen die “Progressiven”, die den gesellschaftlichen Wandel von oben her angeblich zum Wohle aller durchsetzen wollen. Auf der anderen Seite stehen Konservative (Rechte), die Wandel nur akzeptieren, wenn er sich natürlich aus der Gesellschaft heraus vollzieht. In Ihrer liberalen Weltsicht kann man sich eine “Ehe für alle” wünschen und gleichzeitig die grenzenlose Masseneinwanderung kritisieren. Als Konservativer sage ich Ihnen, dass das zwei Seiten einer Medaille sind. Wer die Familie gedankenlos preisgibt, der wird von denen verdrängt werden, die heute neu ins Land strömen. Wer harmlose christliche Tradition mit islamischen Brachialmethoden gleichsetzt, der muss nicht extra um Kritik bitten. Keine Frage: Linke und Liberale haben eine wichtige Rolle innerhalb des demokratischen Spektrums. Keine Gesellschaft existiert, ohne sich zu wandeln und es braucht politische Kräfte, um diesen Wandel zu vollziehen. Die Kernfrage ist, ob dieser Wandel mit oder ohne das Volk stattfindet. Man möge den Konservativen die Reizbarkeit nachsehen, denn letzteres ist aktuell legion.

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