Rainer Bonhorst / 15.05.2018 / 17:00 / Foto: Mateus S. Figueiredo / 13 / Seite ausdrucken

Rassismus beim Bäcker

Eine wunderbare Rassismus-Debatte ist über dem FDP-Chef Christian Lindner hernieder gefahren ist. Der Mann hat unfreiwillig eine ganz neue Form des Rassismus kreiert: den Bäcker-Rassismus. Jedenfalls hat er mit einer Schilderung, die beim Bäcker spielt, einen Rassismus-Shitstorm in den sozialen Medien ausgelöst.

Da ich gelegentlich in der Bar eines Hotels verkehre, das sich „Drei Mohren“ nennt, fehlt mir, fürchte ich, die Sensibilität, die der neue deutsche Rassismusbegriff verlangt. Meine Chancen, den Bäcker-Rassismus des Christian Lindner zu erkennen, sind vermutlich gleich null. Ich will es trotzdem versuchen und Lindners Bäcker-Spruch akribisch auf seinen Rassismus-Gehalt abklopfen. 

Erster Teil des Spruchs: Lindner beschreibt eine Szene, in der ein gebrochen deutsch sprechender Kunde ein Brötchen bestellt. 

Und ich muss sagen: Bei extrem genauer Analyse lässt sich da dann doch einiges Bedenkliche hineindenken. Und zwar so: Warum das gebrochene Deutsch? Steckt dahinter nicht die Unterstellung, dass nur Zuwanderer gebrochen deutsch sprechen? Dabei weiß doch jeder, dass Ureinwohner in Niederbayern, Herne, Zwickau und auch etliche Hauptschüler, die schon länger hier sind, ein Deutsch sprechen, das dem feinen Hannoveraner als durchaus gebrochen erscheinen mag. Und wieso ist der gebrochen deutsch Sprechende in einer schlichten Bäckerei? Warum ist er nicht bei Feinkost Stradivari? Wird damit nicht unterstellt, dass für Zuwanderer Brötchen gerade gut genug sind, während die broschette al tartufo den Einheimischen vorbehalten sind?

Und dann der zweite Teil der Szene: Bäcker und Kunde können angeblich nicht erkennen, ob der gebrochen sprechende Brötchenkäufer ein „hochqualifizierter Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien“ ist oder ein „sich bei uns aufhaltender illegaler, höchstens geduldeter Ausländer“. 

Auch hier muss ich nach gründlicher, um nicht zu sagen: übergründlicher Analyse erkennen, dass dies ein Versuch sein könnte, einen Keil zwischen die Solidaritätsgemeinschaft der Zugereisten zu treiben. Was reine Willkür wäre. Denn das beschriebene Unterscheidungsproblem gibt es nicht nur bei Ausländern. In meiner Wahlheimat Bayern zum Beispiel gibt es auch unter Bio-Deutschen das gleiche ungelöste Problem. Wer kann schon unterscheiden, ob es sich bei dem Mann in Tracht, der keine Brötchen, sondern Semmeln kauft, um einen Urbayern handelt, der Laptop und Lederhose auf sich vereint, oder um einen halblegalen, höchstens geduldeten Preußen im Tarnanzug? 

Soweit diese Analyse. Ich habe mir einige Mühe mit ihr gegeben, aber ich weiß nicht, ob sie alle Anforderungen an die heutige Rassismus-Debatten-Kultur erfüllt. Die neudeutsche Sensibilität in Rassismusfragen ist ja so fein getuned, dass sie selbst eine weiß getünchte Mauer als Ausdruck einer rassistischen Gesinnung wahrnimmt. Da kann ich nur schwer mithalten.

Und, um ganz ehrlich zu sein: Ich habe bei meiner Lindner-Untersuchung eigentlich keinen Abgrund an Rassismus finden können. Ja, nicht einmal einen Hauch. Ich hab mir einfach etwas Rassistisches ausgedacht, weil ich auch gerne zu den Guten gehören möchte. Und ich habe nun mal gelernt, dass man möglichst laut und möglichst grundlos „Rassismus“ schreien muss, um zu den echt Guten zu gehören.

So, nach diesem Bekenntnis gehe ich jetzt ins Drei Mohren und trinke erst mal ein Gläschen Weißwein. O je. Weißwein? Lieber nicht. Vielleicht Rotwein? Auch heikel. Oder doch lieber Pinot Noir? Oder wäre das eine geschmacklose Anbiederung an unsere schwarzen Neumitbürger? Ich fürchte, ich muss jede Menge diverser Weine trinken, um mich aus der Falle des Wein-Rassismus raus zu saufen. Das wichtigste ist: Als Absacker bloß kein kühles Blondes.   

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Leserpost (13)
Michael Gaedtke / 15.05.2018

Nur eine Ergänzung: Der “feine Hannoveraner” ist selbstverständlich ein Hannöverscher. Ein Hannoveraner ist ein Pferd.

Gertraude Wenz / 15.05.2018

Ich hätte noch eine Idee, lieber Herr Bonhorst. Kippen Sie alle Sorten zusammen, dann haben Sie Multikulti in einem Glas! Wohl bekomm’s!

Dr. med. Christian Rapp / 15.05.2018

Eine Diskussion grenzdebilen Ausmaßes. Quo vadis, Deutschland.

armin wacker / 15.05.2018

Darf ich dem Schneemann eigentlich immer noch ne Mohrruebe als Nase Verpassen?

Johann Wayner / 15.05.2018

Vielen Dank für diese feine Analyse der neuen diskursiven Kultur des Diversen. Die Frage ist jedoch: Wie lange werden uns diese Ablenkungsdebatten noch begleiten? Aber egal, Ihre Abhandlungen lese ich immer wieder gerne und als Anhänger des politisch Guten und und vor allem Hellen, macht es nun Pschhh… und die Flasche mit dem Mönch, die keiner Werbung bedarf , (und das im 60 km entfernten Vorort der Landeshauptstadt) eröffnet mir ihren Inhalt, der mir das Bosch´sche Bild des Narrenschiffes - das schon geraume Zeit, angesichts des Zeitgeistes sich aufdrängt - in den geistigen Wahrnehmungshintergrund befördert Nein, es geht hier nicht ums Betäuben, vielmehr denke ich, dass durch diese Art von Debatten, die Sie an einem Beispiel sehr feinsinnig analysierten, eine Art von Betäubung intendiert ist, die weitaus gefährdender ist, als die Flasche mit dem Mönch, der keine Werbung nötig hat.    

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