Wolfgang Röhl / 17.02.2016 / 09:11 / 5

Pfefferspray im Wohlstandskiez

Hamburgs Isemarkt ist eine kulinarische Institution. Unter einem Hochbahn-Viadukt im großbürgerlichen Stadtteil Harvestehude schlagen jeden Dienstag und Freitag rund 200 Händler ihre Stände auf. Von der Mittelmeer-Dorade über spanischen Pata Negra-Schinken, schwäbische Maultaschen, Hamburger Ravioli mit Walnuss-Gorgonzola-Füllung, Entenleber aus dem Périgord und Filet vom Dithmarscher Salzwiesenlamm gibt es alles, was den Gourmet erfreut. Für die Besitzer erlesener Küchenschneidewerkzeuge steht ein Schleifer bereit. Der Isemarkt ist auch eine Touristenattraktion. Besteht doch eine Chance, hier die eine oder andere Promi-Nase gewahr zu werden, etwa Schauspieler, TV-Moderatoren, Chefredakteure. Die Moralhaubitze Ulrich „Le grand fromage“ Wickert räumte früher die Käsetheken des Isemarktes ab. Auch der im letzten Jahr verstorbene Feuilletonschlemihl Hellmuth Karasek ließ sich öfters blicken.

Wirklich, der Isemarkt bietet alles. Neuerdings sogar Pfefferspray.

Am nördlichen Marktende, gegenüber dem Eingang zur U-Bahn-Station Eppendorfer Baum, verkaufte letzten Freitag ein junger Mann aus einem Köfferchen heraus Sprühdosen mit „Pfeffer Gas“. Unwahrscheinlich, dass er sich dafür eine Marklizenz besorgt hatte. An dieser Stelle stehen gelegentlich Amateure, die irgendwas verticken. Oder Aktivsten, die für irgendeine Initiative tröten. Aber Pfefferspray, in dieser exklusiven Wohnlage? Das bringt einen doch ins Grübeln.

Man muss wissen: Harvestehude und der angrenzende Stadtteil Eppendorf werden von einer hanseatischen Parallelgesellschaft aus Gutgesinnten und Besserverdienenden dominiert. SPD und Grüne sind hier übermächtig. Die Befindlichkeit dieses Milieus hat selbstredend nichts mit der Situation in weiten Teilen des Hamburger Stadtstaates gemein. Es handelt sich um Residenten einer ideologischen Wunschwelt, die sich niemals in prekäre Gebiete wie Wilhelmsburg, Harburg, Steilshoop, Mümmelmannsberg, Billbrook oder Hamm verirren. Dorthin, wo die Integrationsbereitschaft von Generation zu Generation schwindet, bei Migranten wie Biodeutschen gleichermaßen. Wo Satellitenschüsseln auf sämtlichen Balkons stehen und wo kein Mensch, dem seine Brieftasche lieb ist, nächstens durch gewisse Straßenzüge streift.

In Harvestehude/Eppendorf mit den prachtvollen Gründerzeit-Häusern und den von mächtigen Bäumen gesäumten Straßen liegen die Mieten auf schwindelerregendem Niveau. Ebenso die Immobilienpreise. Deshalb gibt es hier keine nennenswerte Migrantenszene. Wenn man von den Betreibern der Edel-Italiener, Sushi-Tempel oder Früchte-Feinkostläden absieht.

Gegen eine in der Osterfeldstraße geplante größere Zugezogenen-Siedlung formiert sich gegenwärtig Protest aus der Nachbarschaft. Man möchte den neuen Mitbürgern nämlich nicht zumuten, in einem „Getto“ untergebracht zu werden, wie es ein Opponent listig formulierte. Gegen Flüchtlinge als solche hat der Mann aber bestimmt nicht das Geringste.

Das Reservat der Betuchten und Behüteten enthält die mutmaßlich republikhöchste Dichte von „Zeit“- und „Spiegel“-Abonnenten. Auch aktuell tätige oder vormalige Redakteure jener Periodika nisten gern in Eppendorf und Harvestehude. Ferner viele NDR-Redakteure. Denn ihr Sender betreibt seine Rentenanstalt mit angeschlossenem Funkbetrieb im nahen Stadtteil Rotherbaum. Ebenfalls eine wunderbar begrünte, sauteure Wohngegend der Hansestadt.

Alle drei Stadtteile scheinen im Presseportal der Hamburger Polizei, welches das kriminelle Geschehen an der Elbe täglich erstaunlich ungefiltert abbildet (ganz im Gegensatz zu den lokalen Medien), nicht besonders häufig auf. Sogar bei den - auch in Hamburg epidemisch grassierenden - Wohnungseinbrüchen kommen die Bewohner dieser noblen Kieze recht gut weg.

Warum sollten ausgerechnet sie Bedarf an Pfefferspray haben?

Interessanter Gedanke. Er führt unvermeidlich zum Punkt, dass sich Sichtweisen offenbar erheblich verändert haben. Schon seit etlichen Jahren, besonders aber seit der Neujahrsnacht. Plötzlich hagelt es Ratschläge aus dem Mediengestrüpp, und zwar an die Adresse von Frauen. „Waz: Wie Frauen sich effektiv gegen Angreifer wehren können.“ „Welt: Oft helfen einfache Tricks, um Täter abzuschrecken.“ „Stern: So schützen sich Frauen gegen Schläge ins Gesicht.“ „Focus: Die Stiletto-Notwehr: Mit diesen Tricks werden Sie Angreifer ganz schnell los.“

Ähnlicher Quark wurde in zahlreichen anderen Stücken breitgetreten.

Derlei Anstiftung zur weiblichen Wehrhaftigkeit ist nicht bloß lebensfremd. Sie ist brandgefährlich. Denn der Versuch, sich mittels einiger im Hauruckverfahren angelernter Hiebe und Tritte, die im Bedarfsfall oft nicht mehr richtig beherrscht werden, gegen geübte Schläger und potenzielle Messerstecher zu verteidigen, kann Angriffe noch verschlimmern. Selbst ein robustes Mannsbild hat ja kaum Chancen gegen ein Rudel von Aggressoren.

Noch perfider bei derlei „Lebenshilfe“ (wie Journalisten ihr wohlfeiles Ratgebergeschwafel redaktionsintern nennen) ist freilich dies: Mit der Wehr-dich-doch-Parole wird die Verantwortung für die eigene körperliche Unversehrtheit einfach verlagert. Und zwar von der Polizei auf die Bürger.

Vergewaltigt? Selber schuld. Hättest mal lieber einen Karatekurs an der VHS belegen sollen, Mädel!

Viele Leute nehmen solchen Unfug stoisch hin – noch. Nein, sie schreiben keine wütenden Leserbriefe. Nein, sie kündigen ihre Abos nicht. Sie wählen auch nicht massenhaft AfD, nicht in Hamburg. Sie mucken nicht mal auf, wenn die Polizei, statt ihre Wohnungen und Häuser zu schützen, ihnen „Präventionsseminare“ andient. Bei denen sie lernen dürfen, sich und ihre Wohnstätten gefälligst selber zu schützen.

Das verschlingt, handwerklich solide ausgeführt und mit den neuesten technischen Finessen versehen, rund 20.000 Euro. Halbwegs einbruchssichere Fenster schlagen mit 500 Euro zu Buche – pro Stück. So berichtete kürzlich eine BR-Reportage unter dem Titel „Einbrecherbanden – hat die Polizei resigniert?“.

Der forsche Titel trog. Die Reportage war nicht viel mehr als ein abgefilmtes Präventionsseminar. Statt den Skandal aufzuzeigen, dass Polizei und Justiz jegliche Kontrolle über die Einbruchskriminalität verloren haben –  alle 3,5 Minuten ein Bruch, die Aufklärungsquote ähnlich hoch wie bei Fahrraddiebstahl -, gab der Bericht absurden Täter-Opfer-Verdrehungen Raum. Nicht die Bürger sind nach polizeilichem Neusprech verunsichert und gefährdet, sondern deren Behausungen „gefährlich ungesichert“ (O-Ton BR).

Ansonsten: Beschwichtigung, Relativierung, Schönfärberei und Eigenlob („Die Polizei macht einen guten Job“). Und einmal, nur einmal, ein zarter, verdruckster Hinweis darauf, um wen es sich bei den meist bandenmäßig organisierten Tätern überhaupt handelt („sehr hoher Nichtdeutschen-Anteil“).

Himmisakra! Sehr weit vom WDR liegt der Bayernfunk, scheint’s, wohl auch nicht mehr.

Warum wird nicht konkret gesagt, was die Botschaft solcher Berichte ist? Sie lautet: Leute, seht zu, wie ihr mit dem Schlamassel klar kommt. Wir, die Behörden, sind mit unserem Latein am Ende. Jetzt seid ihr am Ball. 

Ein Teil der Bürger hat die Botschaft längst verstanden. Wie die enorm angestiegene Zahl der Anträge für den „Kleinen Waffenschein“ und der Run auf Pfefferspray, chemische Keulen und verwandte Produkte anzeigt. Die Kölner Sex & Crime-Party und ihre Ableger in einem Dutzend deutscher Städte waren dafür lediglich der Auslöser.

Vielleicht macht der ambulante Pfefferspray-Verkäufer demnächst einen regulären Stand auf dem Isemarkt auf? Sollte ich bei ihm mal den Uli Wickert sichten, so stände für mich fest: Selbst Hamburgs Juste Milieu lernt manchmal was dazu.

Leserpost (5)
Pat Bateman / 18.02.2016

Hier wird wieder einmal offensichtlich, dass gewisse Leute (in diesem Falle der liebe Herr Röhl) die Welt gerne durch ihre rosa Sonnenbrille betrachten: Ihre sogenannte “Wehr-dich-doch-Parole” hat durchaus Sinn, vertritt sie doch die Einstellung des gesunden Menschenverstandes - und nicht die der “Ich-spiele-gerne-das-Opferlamm-Parole”! Würden Sie, Herr Röhl, allen Ernstes und in aller Seelenruhe das Eintreffen der Polizei abwarten gemäß der Auffassung “die hat ja schließlich Ihre Aufgaben wahrzunehmen - dafür zahle ich ja Steuern”? Würden Sie sich nicht lieber mit allen gegebenen Kräften und Mitteln gegen die prügelnden Fäuste und die trampelnden Füße zur Wehr setzen? Wenn Sie dann ein Pfefferspray zur Hand haben (egal woher bezogen) werden Sie Ihrem Schöpfer und der Vorsehung danken! Haben Sie vorher dann auch noch einen im “Hauruckverfahren” gelernten Selbstverteidigungskurs (egal wie kurz) absolviert, verschafft dieser Ihnen Selbstsicherheit und eventuell einen Vorteil (und sei er auch noch so gering), welcher durchaus entscheidend sein kann. Fazit: Ein wenig Vorbereitung und Umsicht kann in unserer heutigen Welt eher nützen als schaden! Leuten wie Ihnen jedoch, Herr Röhl, wahrscheinlich in einem wohlbehüteten, sorgenfreien Elternhaus aufgewachsen und fern jeder Realität, darf ich ruhigen Gewissens eine regelrecht gemeingefährliche Haltung attestieren, da Sie Ihren Mitmenschen suggerieren: “Leute, man muss nur mit dem Aggressor reden, der versteht das dann schon. Mit schönen Worten erreicht man alles. Und sollte es dann schiefgehen, wozu ist die Polizei da? Auf die kann man ja alles abwälzen!”  Ein wenig Eigenverantwortung sollte man den Bürgern schon zutrauen. Mein Lieber, es liegt nicht bloß an der Polizei - es liegt an der Unfähigkeit der Politik, den Karrieristen an der Spitze, welche über die Sorgen der Bevölkerung fatal hinwegbügelt (“das Pack”), der Polizei die falschen Befehle gibt und eher für individualistische Quoten kämpft…!

Bernhard Lang / 17.02.2016

Als Bewohner und Aktiver in Steilshoop muss ich mich gegen ihre Vorurteile wehren. Sie schreiben: “..., die sich niemals in prekäre Gebiete wie Wilhelmsburg, Harburg, Steilshoop, Mümmelmannsberg, Billbrook oder Hamm verirren. Dorthin, wo die Integrationsbereitschaft von Generation zu Generation schwindet, bei Migranten wie Biodeutschen gleichermaßen. Wo Satellitenschüsseln auf sämtlichen Balkons stehen und wo kein Mensch, dem seine Brieftasche lieb ist, nächstens durch gewisse Straßenzüge streift….” Ich streife hier nachts sicherer durch die Straßenzüge des prekären Steilshoops, als früher in Winterhude, wo ich zuvor gewohnt habe. Und ich bin freiwillig nach Steilshoop gezogen und habe weder in Eppendorf, noch in Winterhude so eine Solidarität und einen Zusammenhalt erlebt, wie hier zwischen den Menschen in Steilshoop. Nur leider musste ich feststellen, dass sich unsere Gesellschaft in Hamburg immer weiter auseinander entwickelt, und damit meine ich nicht Biodeutsche und Migranten sondern, Reiche und Arme Viertel und die Vorurteile sind immens. Gerne können Sie uns mal besuchen - im sogenannten Getto oder Hometown? Oder sehen sie einfach mal auf der Facebookseite von Steilshoop nach und sehen sie dort, wie sehr die Menschen hier ihre Getto - Heimat lieben!  https://www.facebook.com/Steilshoop/ Herzliche Grüße in die alte Heimat nach Eppendorf.

Markus Dähne / 17.02.2016

Ja, der BR, auch so ein Trauerspiel. Beim ‘Flüchtlings’-Thema auch schön auf Linie, Beiträge dazu auf der BR-Webseite dürfen selten kommentiert werden. Oder wie der Gesichtsausdruck von Kabarettist Christoph Süß bei AfD-/Pegida-Beiträgen von Satire auf Hass umschaltet. Oder der Radio-Slogan ‘Die beste Musik für Bayern’, wo viele Musiktitel banausenhaft gekürzt werden und der Radio-Jingle nervtötend jedes Lied-Intro vernichtet. Da fällt Abschalten leicht.

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