Eugen Sorg, Gastautor / 01.10.2017 / 18:32 / Foto: Tim Maxeiner / 7 / Seite ausdrucken

Allein unter Flüchtlingen

Von Eugen Sorg. 

Im Frühjahr 2016 unternimmt der amerikanische Schriftsteller Tuvia Tenenbom eine Reise kreuz und quer durch Deutschland. Ein halbes Jahr zuvor hat Kanzlerin Angela Merkel in einem eigenmächtigen, historisch beispiellosen Entscheid, sozusagen par ordre de Mutti, die Landesgrenzen aufgehoben. Weit über eine Million Flüchtlinge oder angebliche Flüchtlinge, in der Mehrzahl junge Männer aus Syrien und der übrigen islamischen Welt, strömen nach Deutschland, unregistriert, unkontrolliert. 

Tenenbom will wissen, wer da wirklich gekommen ist und wie sich die Situation seither entwickelt hat und besucht eine Reihe von Flüchtlingscamps. Er ist ein dicker, lustiger Mann, der gern mit Leuten spricht und gut zuhört. Und er kann Arabisch. Schnell fassen seine Gesprächspartner Vertrauen. Die Geschichten, die sie erzählen, sind traurig, lustig, absurd und haarsträubend.

Ein junger Syrer gesteht ihm, dass er in Wirklichkeit Christ sei, dies aber niemand erfahren dürfe, da er sonst von seinen muslimischen Lagergenossen verprügelt würde. Oder ein Libanese erzählt, dass er mit syrischen Dokumenten, die er von einem Syrer bekommen habe, hierher gereist sei. Weil Landsleute ihm gesagt hätten, Deutschland sei das Beste und weil er ein blondes deutsches Mädchen heiraten und eine Familie gründen wollte. 

Um die Reise zu finanzieren, habe er sein Restaurant verkauft. Er sei hier in Nachtklubs gegangen, aber die deutschen Mädchen mögen keine Araber und wollten nicht heiraten. Und das Leben im Lager sei schlecht. Jeden Tag gebe es Schlägereien zwischen Syrern und Marokkanern, Afghanen und Iranern. Er vermisse den Libanon, und seine Eltern hätten ihn aufgefordert, zurückzukommen. Aber er habe kein Geld mehr.

"Da kann man nichts machen"

Eine 29-jährige Frau aus Syrien hat sich allein nach Deutschland durchgeschlagen, nachdem ihr Haus vom IS beschlagnahmt worden war. Sie ist verzweifelt und akut selbstmordgefährdet. Sie bräuchte dringend eine psychiatrische Behandlung. Von der Sozialarbeiterin wird ihr gesagt, dass sie mit einer Wartezeit von einem Jahr rechnen müsse. «Es gibt über eine Million Flüchtlinge», sagt diese, "da kann man einfach nichts machen."

Andere Flüchtlinge berichten von Messerstechereien in den Camps oder zeigen Tenenbom die stinkenden und verdreckten Gemeinschaftstoiletten, wo teilweise das Klopapier oder gar eine Tür fehlt. Und alle beklagen sich über die Unterbringung in überfüllten, stickigen Zentren, wo Menschen zusammen gepfercht wurden, die sich in ihrer Heimat an die Gurgel gehen, wo keine Privatsphäre möglich ist und wo es nichts zu tun gibt, als herumzusitzen und zu warten. 

"Hilf mir, hier rauszukommen", wird Tenenbom von einem Palästinenser angefleht, der ein kleines Zimmer in einem für Flüchtlinge umfunktionierten Hundehotel mit einem anderen Mann teilt. Er hat sich das deutsche Paradies anders vorgestellt und will zurück nach Syrien, wo seine Frau und seine beiden Kinder leben.

Die Selbstheilung einer Nation

Merkels einsamer Entscheid wurde von einem grossen Teil der Bevölkerung und von allen Medien bedingungslos unterstützt. Als wären es Popstars empfing man die verdutzten Flüchtlinge mit Teddybären und stehenden Ovationen. Diese Liebe und grenzenlose Barmherzigkeit stand allerdings im Gegensatz zur pitoyablen Situation in den Lagern, die man den Neuankömmlingen zumutet. Man hatte offensichtlich absolut keinen Plan, was mit ihnen anzufangen ist, und man verlor das Interesse an ihrem Schicksal, waren sie erst einmal im Land.

Was ist los mit den Deutschen, fragt Tenenbom, brauchten sie die Flüchtlinge etwa mehr als diese sie? Er führt Interviews mit Dutzenden von Deutschen, mit Studenten, linken und rechten Politikern, zufälligen Passanten, Kirchenleuten und Flüchtlingshelfern. Allen stellt er die Frage, warum die Deutschen ihrer Meinung nach ungleich mehr Flüchtlinge aufgenommen haben als alle anderen europäischen Länder, und alle geben dieselbe Antwort: Wegen der "Geschichte", wegen "Adolf Hitler".

Wie ein Schatten liegt der Massenmord an den Juden noch immer auf der deutschen Seele. Und die kopflos exaltierte Willkommenspolitik, so Tenenboms Fazit seines packenden Reiseberichts "Allein unter Flüchtlingen", erlaubte es, der ganzen Welt zu zeigen, dass man sich moralisch geläutert hat, dass die Deutschen heute gute, wenn nicht gar die besseren Menschen sind. 

Es ging nicht um die Asylsuchenden, sondern um das Abtragen von eigener Schuld, um den pathetischen, illusionären und politisch folgenschweren Versuch der Selbstheilung einer Nation.

Zuerst erschienen in der Basler Zeitung

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost (7)
Nele Werrmann / 02.10.2017

Schulden müssen solange zurückgezahlt werden, bis man schuldenfrei ist, bei Schuld kann man um Entschuldigung bitten und auf Begnadigung hoffen. Als Nachkomme der Schuldigen bleibt mir nur die Scham über dies grauenvolle Kapitel unserer Geschichte, anderenfalls wäre ich schamlos. Da ist nichts wiedergutzumachen! Die uns von von unseren schuldigen Vorfahren hinterlassenen Schulden müssen solange zurückgezahlt werden, bis uns diese Erblast von den Nachfahren der Opfer erlassen wird. Man kann sich davon nicht in Form eines Ablaßhandels freikaufen und alles ist wieder gut, wie die lieben kindischen Gutmenschen offensichtlich glauben. Das ist Verdrängung, vergleichbar dem hartnäckigen Leugnen der bösen trotzigen Wutmenschen hinsichtlich unserer gemeinsamen Vergangenheit.

Winfried Sautter / 02.10.2017

Nächstenliebe, Caritas etc. sind nie selbstlos; es gibt keinen bedingungslosen Altruismus. Fatal wird es, wenn es in Selbstauslöschung mündet. Es ist dann keine Form der Nächstenliebe, sondern ihre Perversion, der Selbsthass.

Reiner Arlt / 02.10.2017

Aber wenn wir erst einmal 6 Mio. Flüchtlinge “gerettet” haben, dann ist es doch wohl gut, oder?

Wolfgang Richter / 02.10.2017

Sehr schön auf den Punkt gebracht. Es geht um die über Jahrzehnte konservierte und in den Schulen bis aktuell jeder Generation eingeimpfte Kollektivschuld. Der Einzug der “Flüchtlinge” wurde als Möglichkeit der Tilgung eines kleinen Teils derselben genutzt. Das Staunen der Medien und der Welt über den Jahrmarkt an den Bahnhöfen machte die Jubler dank aufsteigender Glückshormone wie betrunken. In diesem Gefühl ging man nach Hause, fordert seither zur Stabilisierung dieses Gefühlt ein “Weiter-so”, so wie der Drogensüchtige seinen täglichen “Schuß” braucht. Aber man fordert dies von der anonymen Allgemeinheit, auch die Kosten dafür zu tragen, natürlich ohne Einschränkungen der persönlich beanspruchten Leistungen besagter Allgemeinheit der Steuerzahler. Die eigentlich folgerichtige Handlung,  eigene Haus- oder Wohnungstür auszuhängen, wohl gefühlten Kühlschrank, Börse und Inventar zur Bedienung frei zu geben, damit auf den eigenen Wohlstand persönlich zu verzichten, war niemand bereit. Und wie es den ehemals mit Teddybären Beworfenen im weiteren Dasein ergeht, ist den meisten Jublern von einst eher ziemlich egal. Kaum jemand von denen würde seine Wohlstandwelt verlassen und sich die Verhältnisse in den Unterkünften antun.

Stefan Schultz / 02.10.2017

Ja. Die Deutschen neigen eben zu Extremen. Damals jubelten sie unreflektiert den Nazis zu, heute jubelt man illegal Einreisenden zu. Die Briten bezeichneten die Deutschen als Hippies. Und sie hatten Recht. Das deutsche Volk, oft bekannt für seine Reserviertheit und Rationalität, tendiert zu emotionalen und extrem irrationalen Ausbrüchen. Dafür wird man wieder einen hohen Preis zahlen.

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