Christian Ortner / 04.12.2016 / 18:35 / Foto: Tim Maxeiner / 9 / Seite ausdrucken

Österreich: Ein Triumph des Ancien Regime

Wenn Österreich tatsächlich „eine Versuchsstation für den Weltuntergang“ ist, wie Karl Kraus gemeint hat, dann kann die Welt seit Sonntagabend erleichtert aufatmen. Nicht der rechtsstehende FPÖ-Kandidat Norbert Hofer wurde da von den Österreichern zum Bundespräsidenten gewählt, sondern der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen. Jene globale politische Flut, die vom Brexit-Votum über die Trump-Wahl bis zum österreichischen Wahltag die herrschenden Eliten hinweg zu spülen schien, scheint vorerst gestoppt wie seinerzeit die Türkische Invasion vor den Toren Wiens im Jahre 1683. 

Weltuntergang also abgesagt, vorerst jedenfalls. 

Von einem „Signal für Europa und die Welt“ sprach van der Bellens Wahlkampfmanager denn auch prompt noch am Wahlabend, gar von einem „Umschwung in ganz Europa“.

Gemach, gemach. Zu glauben, dass ein von der Pariser Politik enttäuschter arbeitsloser Stahlarbeiter in Lothringen nun angesichts des Wahlergebnisses in Ösiland davon Abstand nehmen wird, nächstes Jahr Marine Le Pen zur Präsidenten zu wählen und damit möglicherweise einen EU-Austritt Frankreichs auf Schiene setzen wird, ist ein intellektuell eher mutiges Unterfangen. Auch all jene, die Frau Merkels Einwanderungspolitik für bescheuert halten und entsprechend wählen werden, werden ihre Meinung angesichts des österreichischen Wahlergebnis nicht ändern. Dass die Verbündeten der Brexiteers, des „Front National“ und der AfD in Österreich in Wien knapp verloren haben, wird auf die politische Großwetterlage in Europa von eher überschaubarem Einfluss bleiben.

Das gilt um so mehr, als der Sieg Van der Bellens nicht zuletzt einem heroischen Schulterschluss all jener geschuldet ist, die das Land seit 1945 politisch, wirtschaftlich und kulturell unter sich aufgeteilt hatten. Vom amtierenden sozialdemokratischen Bundeskanzler über den mitregierenden christdemokratischen Vizekanzler über die Grünen, die neuen „Neos“, die Kommunisten, praktisch alle in ganz Österreich weltbekannten Künstler, einem prominenten Milliardär bis hin zu nahezu allen halbwegs relevanten Journalisten hatte das Establishment alles, und zwar wirklich alles, aufgeboten, um den FPÖ-Kandidaten Hofer zu verhindern.

Sollte der obsiegen, so das dominierende Narrativ, würde Österreich aus der EU austreten, würden Massenarbeitslosigkeit und Elend die Folge sein. Sogar das sich „unabhängig“ nennende Nachrichtenmagazin „profil“ warb noch am Freitag auf seiner Titelseite ganz explizit dafür, Van der Bellen zu wählen. 

Das System hat sich noch einmal aufgebäumt und mit aller Kraft gesiegt. Gut möglich, dass es ein letztes Aufbäumen war, in den Umfragen ist die FPÖ konstant die mit Abstand stärkste Partei. Im einst roten Wien, traditionell Hochburg der Sozialdemokratie, liegt die FPÖ gar schon bei 40 Prozent.

Wenn die etablierten Parteien Europas den Sieg des Establishment-Kandidaten in Österreich nun mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen sollten, so wäre eine gewisse Vorsicht angebracht. Denn, was heute schon längst Milch von gestern ist: Die beiden Kandidaten der regierenden staatstragenden Parteien SPÖ und ÖVP waren schon im ersten Wahlgang im Frühjahr mit jeweils knapp über 10% gescheitert. Deren Weltuntergang hat in der „Versuchsstation Österreich“ schon längst stattgefunden.

Siehe auch: Ortneronline.at

Foto: Tim Maxeiner
Leserpost (9)
Wolfgang Richter / 05.12.2016

Der Wahlerfolg des Kandidaten der Etablierten und selbst ernannten Eliten könnte eher einen gegenteiligen Effekt, als von diesen erkannt. haben, nämlich daß sich die Kräfte gegen das Establishment zukünftig noch mehr konzentrieren, deren Vertreter in die politische Bedeutungslosigkeit zu verbannen. Immerhin hat dies bei der Präsidentenwahl im 1. Wahlgang mit den Kandidanten der SPÖ u. ÖVP schon mal eindrucksvoll geklappt. Daß jetzt im Endspurt des Spiels “Alle gegen einen”  nur mehr wenige Prozente fehlten, ist angesichts der Europa weiten, Weltuntergangsängste schürenden Medienkampagne gegen Hofer mehr als nur ein Achtungserfolg.

Joachim Nowak / 05.12.2016

Sauber geschrieben - gut beobachtet. Ich würde sofort alles zu 100% unterschreiben. Ich möchte aber noch ergänzen ! Wenn sich ein Establishment dafür feiert mit aller gemeinsamer Kraft und auch der absoluten Mediendominanz einen v.d.Bello dann knapp auf knapp auf den Sessel zu hieven, dann ist es schon lächerlich sowas überhaupt zu feiern. Das aber - mal wieder in ganz Europa - nicht einmal hauchzart die Debatte angeregt wird, wie es sein kann, daß......so unglaublich viele Völker mittlerweile Tiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiief gespalten sind und sich diese extreme Spaltung GERADE bei den Wahlergebnissen in Österreich widerspiegelt ist Realitätsverweigerung und Ignoranz PUR. Wenn man dann noch nüchtern & objktiv die Frage erörtert, wer und was überhaupt als Wähler von Hofer in Frage kommt und man dort MINDESTENS alle Moslems mit österreichischem Paß abziehen kann, dann bekommt das Wahlergebnis aber eine vollkommen andere Tragweite ! Das Selbe gilt dann auch vollständig bei allen Wahl & Umfrageergebnissen im Rest Europas und vorallem allen voran Frankreich ! Auch war die “Analyse” nach dem Sieg von Trump wirklich…..wie soll man sagen….Aufschlußreich? Trump wurde gewählt vom “Weissen abgehängten Arbeiter & Arbeitslosen”. Also hat der frisch gewählte Präsident der USA die Mehrheit errungen einzig und allein durch WEISSE und in deren Bevölkerungsanteil die “Abgehängten”? Es kommt nur die mediale WATSCHE für die Wähler der “Falschen”, statt sich nur ein einziges Mal Gedanken darum zu machen, in welch einem ZUSTAND das herrschende System ist, wo es dann entweder mehrheitlich - zur satten Hälfte, oder im (Deutschland) hohen zweistelligem Prozentanteil lediglich “Abgehängte” befinden. Wenn dann die obersten Regierungs- & Institutionskreise Jubelschreie loslassen, wie gut es doch ALLEN gehe - das es so gut geht, wie niemals zuvor - es immer besser und besser wird und und und und, dann frage ich mich, wie es dann zu “Abgehängten” kommen kann, die dann nicht nur ein Parteiengefüge torpedieren, sondern auf weite Sicht - Tendenz steigend vorausgesetzt - dann die Regierungsbildungen & Mehrheiten extrem erschweren werden. Das es nun schon - der österreichischen Massenmedien zufolge - in SPÖ & ÖVP große Teile schon hinter vorgehaltener Hand darüber nachdenken, wie man eine Koalition mit einem Kanzler STRACHE hinbekommen könnte, denn eines scheint in Österreich festzustehen: Bei der nächsten Wahl wird die FPÖ stärkste Kraft und stellt somit automatisch den Kanzler !!!!!!!! Aber auch in Deutschland ist man….“vorbereitet”. Vorbereitet darauf, daß man schon felsenfest davon überzeugt ist, daß eine AfD auf jeden Fall in den Bundestag einzieht und man bereits dafür trommelt, daß der Ströbele sich als Alterpräsident zur Wahl stellt, weil es sonst der Gauland wird. Ich weiß wirklich nicht mehr, was DIE feiern…..^^

Rupert Drachtmann / 05.12.2016

Sehr treffend Herr Ortner. Diese Realität wird durch unsere Mainstream Medien vorsorglich nicht erwähnt. Da schaut man lieber weg. Lässt sich doch das Ergebnis so besser feiern. Relevant ist jedoch nicht die Wahl zum Präsidenten sondern das was danach kommt. Ignoranz ist ein Reflex. Sehr gut dargestellt !

Martin Lederer / 05.12.2016

Frau Le Pen wird sicher nicht siegen. Auch dort werden sich alle “Etablierten” gegen Frau Le Pen verbünden. Die Frage ist derzeit, ob es in Italien Neuwahlen gibt. Alle Etablierten aus der EU werden dagegen Druck ausüben. Und in Italien könnte (abhängig vom Wahlsystem) die Anti-Renzi-Liga von 5-Sterne, Forza Italia, Lega Nord eine fragile Anti-Euro-Mehrheit bekommen. Mit einem möglichen Euro-Referendum in Italien. Das ist der Anfang vom Ende des Euros.

Frank Mora / 05.12.2016

Dekadenz hoch 3 Ich habe die Sendung nicht zuende geguckt. Aber was bei der Möchtegerntalkshow nach dem Tatort passierte, ist an Dekadenz kaum zu übertreffen. Da muß in Österreich die wichtigste landesweite Personenwahl zweimal wegen Unfähigkeit bei der Organisation anulliert/abgesagt werden. Das erste Mal, weil sich flächendeckend Wahlbehörden bei der Auszählung nicht an das Gesetz gehalten und das zweite Mal, weil die Wahlbehörden keine geeigneten Briefwahlutensilien ( Umschläge mit haftendem Kleber) beschafft haben. Was macht nach diesem Staatsversagen der oberste Wahlleiter? Während die Stimmauszählung läuft, fährt er ins Ausland (nach Berlin) und nimmt an einer Talkshow teil. Mit An-und Abreise ist er also “dann mal weg”. Wenn die Wahlbürger von diesem Vorhaben gewußt hätten - und zusätzlich ihnen das deutsche Staatsfernsehen nicht die Ermittlungsergebnisse aus Freiburg vorenthalten hätte- wie hätte sie sich wohl an der Wahlurne entschieden? Mit noch mehr “Wut im Bauch” ob des Verhaltens “derer da oben”?

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