Michael Miersch (Archiv) / 09.04.2012 / 16:46 / 0 / Seite ausdrucken

Ökonationalsozial

David Harnasch und Michael Miersch

Die NPD marschiert gegen Atomkraft und für Biobrot. Aus Sicht der Grünen ein Etikettenschwindel. Doch nationalsozialistische Öko-Politik hat Tradition

Rasse, Volk, Nation, Ordnung und Ehre sind Kernbegriffe im Weltbild von Neonazis. Noch ein weiteres Schlüsselwort taucht in Schriften der braunen Szene besonders häufig auf: Natur. „Der Mensch ist Teil der Natur. Deshalb ist Natur nicht einfach nur ‚Umwelt‘ des Menschen. Der Materialismus der letzten Jahrzehnte hat die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen in unverantwortlicher Weise vorangetrieben.“ Das stammt aus dem Parteiprogramm der NPD.

Auch sonst klingt es darin ziemlich grün. Die Partei kämpft für Biolandwirtschaft, ist gegen Atomkraft und Gentechnik.
Mitte März steckte ein NPD-Kampfblatt in vielen Briefkästen Mecklenburg-Vorpommerns. Motto: „volkstreu, bissig, konsequent“. Darin eine eindringliche Warnung vor den Gefahren der geplanten polnischen Atomkraftwerke. „Keine AKW in der Republik Polen“, war im Landtagswahlkampf 2011 eine Kernforderung des Schweriner Landtagsabgeordneten und heutigen stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden Udo Pastörs.

Die Homepage seines Landesverbands empfängt die Besucher mit einem Plädoyer gegen Gentechnik: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!“
Als Ende Januar zur Grünen Woche einige Tausend Tierschützer, Gentechnikgegner und Biobauern durch Berlin zogen, waren „Autonome Nationalisten“ mit dabei und hielten ein Transparent „gegen Nahrungspflanzenpatente“ und „kapitalistische Knechtschaft“ in die Höhe. Erst nachdem man eine ganze Weile gemeinsam marschiert war, erkannten die anderen Biodemonstranten, wer sich ihnen da angeschlossen hatte. Sie drängten die Rechtsradikalen ab.

Weil sich Neonazis immer häufiger an grüne Initiativen hängen, brachte die rheinland-pfälzische Landeszentrale für Umweltaufklärung eine „Argumentationshilfe“ heraus. Titel: „Naturschutz gegen Rechtsextremismus“. „Die NPD“, warnt der Leipziger Historiker Nils Franke, der die Broschüre verfasst hat, „hat über die letzten Jahre ihre Bemühungen zur Unterwanderung der Naturschutzszene verstärkt.“ „Hinter dem Anliegen, das vielen Menschen als links erscheint“, bestätigt die den Grünen nahestehende taz aus Berlin, „stecken oft ‚Braune Ökologen’, die mit ihrer Umweltfreundlichkeit rechtsextreme Ideen verbreiten.“

Nicht nur in Deutschlands Nordosten biedern sich die Öko-Braunen mit grünen Sprüchen an. Im bayerischen Landshut verteilt der Verein Midgard, hinter dem NPD-Funktionäre stehen, die Zeitschrift „Umwelt und Aktiv“. Ihr Credo: „Nationale Politik ist Umweltpolitik.“ Das Thema Umwelt, sagt Nils Franke, biete die Chance, die Zeit des Nationalsozialismus positiv darzustellen.

Wie heute die NPD verband auch schon die NSDAP völkische Weltanschauung mit grünen Themen. Zur „Blut und Boden“-Ideologie gehörte gesunde Ernährung, die Idealisierung des bäuerlichen Lebens und deutsche Waldromantik. „Es geht gegenüber der deutschen Natur und Heimat“, schrieb Hans Schwenkel, Mitinitiator des Reichsnaturschutzgesetzes von 1935, „um Weltanschauung, um amerikanisch-jüdische oder um deutsche Lebensauffassung und Lebensgestaltung.“ Autarkie war eines der wichtigsten Ziele des Regimes, deshalb war auch das Interesse an nachwachsende Rohstoffen und alternativen Energien groß. Der „Völkische Beobachter“ schwärmte, die Windenergie würde „eine völlige Umwälzung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse herbeiführen“. „Reichskrafttürme“ hießen die Propelleranlagen damals. Die Gefahr einer durch Menschen verursachten Klimaerwärmung wurde 1959 in dem Roman „Der Tanz mit dem Teufel“ erstmals beschworen. Autor war der Österreicher Günther Schwab, der es als Nazi zum SA-Sturmführer gebracht hatte. Im späteren Leben galt er als grüner Visionär, bekam Orden und das „Ehrenzeichen in Gold des Naturschutzbunds Österreich“.

Die braunen Ökos hatten ein Herz für Käfer und Bäume und waren gleichzeitig glühende Antisemiten. „Judentum und deutsche Natur“, hieß es 1939 in der Zeitschrift des Vereins Naturschutzpark, „sind unvereinbare Begriffe.“ Diese Verschmelzung von Naturliebe und Rassenhass erklärt der Kulturwissenschaftler Friedemann Schmoll mit der gemeinsamen Suche nach „Ursprünglichem und Unverfälschtem“.
Das von den Nationalsozialisten geschaffene Naturschutzgesetz blieb ebenso wie das Tierschutzgesetz noch bis in die 70er-Jahre in Kraft. Nicht nur in juristischer Hinsicht gab es Kontinuität. Ex-Nazis waren in der Führungsspitze der großen Umweltverbände aktiv und gehörten zu den Gründervätern der Grünen. Dies war zwar bei CDU, SPD und FDP nicht anders. Doch in den Altparteien eroberten die braunen Seilschaften unmittelbar nach dem Krieg neue Schlüsselpositionen. Dass 30 Jahre später bei Gründung der Grünen Nazis mitmischten, widerspricht einem zentralen Mythos der Partei: Man sei 1980 in aller Unschuld als völlig neue politische Bewegung angetreten.

Prägend wirkten die alten Kameraden jedoch nicht. Die Grünen dürfen sich zu Recht rühmen, sie aus der Partei gedrängt zu haben. Den allermeisten Mitgliedern sind die braunen Wurzeln der grünen Ideologie vollkommen fremd. Einer der wenigen, die sich damit befassten, ist Jürgen Trittin. Er hat einen Beitrag auf seine Website gestellt, in dem er von „erheblichen Schnittmengen“ und „zahlreichen Berührungspunkten“ schreibt. Der Naturschutz sei „in mehrfacher Beziehung anschlussfähig an das Ideologienkonglomerat der Nazis“ gewesen.

„Ihr lieben grünen Freunde! Wir stehen mit unserer Partei vor einer kopernikanischen Wende! Chaos herrscht, wo ein Stern geboren wird!“: Mit dieser Parole vereinte August Haußleiter den bunten Haufen Umwelt- und Friedensbewegter, der sich 1980 zur Grünen Partei zusammenschloss. Der damals 75-jährige Politveteran wurde einer ihrer drei gleichberechtigten Sprecher. Dass er dieses Pathos in seiner Tätigkeit als Kriegsberichterstatter für antisemitische Kampfblätter erlernt hatte, deckten verschiedene Medien schnell auf. Haußleiter trat als Sprecher zurück – doch noch 1986 zog er für die bayerischen Grünen in den Landtag ein. „Die Grünen waren zu Beginn ein Sammelbecken für alle möglichen Strömungen, die durch die etablierten Parteien nicht mehr bedient wurden“, erklärt Saskia Richter von der Zeppelin-Universität Friedrichshafen den Erfolg der höchst heterogenen jungen Partei.

Haußleiter war nicht das einzige prominente Gründungsmitglied mit brauner Vergangenheit. Der Kunsthistoriker Beat Wyss deckte auf, dass Joseph Beuys, prominentes Aushängeschild der jungen Grünen, einst zum Dunstkreis der völkischen Nationalrevolutionäre gehört hatte. Baldur Springmann war zu Beginn der 80er-Jahre eines der bekanntesten Gesichter der Partei. Frühere Mitgliedschaften des knorzigen Biobauern umfassten SA, SS und NSDAP. 1982 verließ er die Grünen und wurde Vize der neuen Ökologisch-Demokratischen Partei. Werner Vogel, Spitzenkandidat der Landesliste NRW, gehörte 1983 zur ersten grünen Parlamentsfraktion. Als Ältester sollte er die Eröffnungsrede im Bundestag halten. Doch dazu kam es nicht, da unmittelbar nach der Wahl seine Vergangenheit bekannt wurde: SA-Sturmführer und NSDAP-Mitglied. Er trat zurück.

Auf die peinlichen Mitbegründer angesprochen, entgegnet Michael Schroeren, Pressesprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, dass es bei Haußleiter und Vogel keine „expliziten Bezüge zu einer nazistischen Naturschutzideologie“ gab, „sondern sie waren ohnedies Anhänger der Nazis“.

Ein Jahr nach dem Fall Vogel griff die Partei wieder daneben und stellte Luise Rinser als Kandidatin fürs Bundespräsidentenamt auf, die einst hymnische Gedichte auf Hitler verfasst hatte und noch 1981 in ihrem „Nordkoreanischen Reisetagebuch“ Diktator Kim Il-sung rühmte. Ein anderer Grüner der ersten Stunde war Alfred Mechtersheimer. Er nahm den umgekehrten Weg, war zuerst grün und später braun. Der Friedensaktivist saß bis 1990 für die Partei im Bundestag. In einem Bericht des bayerischen Verfassungsschutzes von 1997 heißt es, Mechtersheimer habe sich „zu einem der wichtigsten Protagonisten rechtsextremistischer Bestrebungen entwickelt“.

Nicht nur die Grünen haben braune Flecken in ihrer Geschichte, auch die großen Umweltverbände. Lina Hähnle, Vorsitzende des „Reichsbunds für Vogelschutz“(heute NABU), bot einst Hitler „freudige Gefolgschaft“ an. Auch der „Bund Naturschutz in Bayern“, Vorläufer des heutigen BUND, frohlockte: „Keine Zeit war für unsere Arbeit so günstig, wie die jetzige unter dem Hakenkreuzbanner der nationalen Regierung.“

Später, zwischen 1958 bis 1963, war Alwin Seifert „Bundesleiter“ des „Bund Naturschutz“. Der Landschaftsarchitekt hatte dem NS-Regime ab 1940 als „Reichslandschaftsanwalt“ gedient und in dieser Funktion dafür gesorgt, dass die Ränder der Autobahnen mit deutschen Gewächsen bepflanzt wurden. Außerdem befasste er sich mit der Umgestaltung der eroberten „Lebensräume“ im Osten. Gemäß der Anweisung Himmlers sollte sich „der germanisch-deutsche Mensch“ dort zu Hause fühlen. Dass dafür Millionen Russen vertrieben werden sollten, war Seifert wohl bewusst. Skrupel deshalb sind ebenso wenig überliefert wie wegen seiner Kontakte zum biologisch-dynamischen Kräutergarten im KZ Dachau, in dem zahllose Häftlinge zu Tode geschunden wurden. Ein Vierteljahrhundert später schrieb Seifert das Buch „Gärtner, Ackern – ohne Gift“, bis heute ein Bestseller und laut „Amazon“ „eine Bibel der ökologischen Bewegung“.

Erschienen in FOCUS Nr. 15/2012

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