Henryk M. Broder / 08.11.2012 / 01:21 / 0

Obama - die Katastrophe

Glaubt man den aktuellen Umfragen, würden 91% der Deutschen Obama wählen, wenn sie an den US-Wahlen teilnehmen dürften. Für den Ausgang der Wahlen dürfte das unerheblich sein, für die deutsch-amerikanischen Beziehungen aber nicht.
Nehmen wir einmal an, Obama gewinnt und bleibt Präsident. Dann würden sich seine deutschen Unterstützer einen Moment freuen und Gegenleistungen einfordern: Dass Obama Guantanamo schließt, ohne allerdings auch nur einen der Gefangenen Deutschland aufzuhalsen; dass er aufhört, unschuldige Taliban mit Drohnen zu bedrohen und zu ermorden; dass er seine einseitige Unterstützung für Israel überdenkt und eine „ausgewogene“ Nahost-Politik betreibt, das heißt, die Palästinenser bevorzugt.

Ferner würden sie verlangen, dass Obama alle noch in Deutschland stationierten US-Truppen heimholt, den vom Abzug betroffenen deutschen Gemeinden aber eine Entschädigung für die ausgefallenen Einnahmen zahlt.

Gewinnt aber Romney, wären sie einen Moment ganz furchtbar „betroffen“, um gleich danach in lauten Jubel auszubrechen. Denn ein Amerika, das einem schwarzen Präsidenten keine zweite Chance gibt, ist genau das Amerika, vor dem sie immer gewarnt haben: rechts, rassistisch, unbelehrbar. Das Amerika des Kapitals und der Konzerne, dem Wahlen nur dazu dienen, die wahren Machtverhältnisse zu verschleiern.

Der gute alte Anti-Amerikanismus, wie er sich schon zur Zeit von Ronald Reagan, Bush sen. und Bish jr. artikuliert hat („Wer Wind sät, wird Sturm ernten“), würde wieder Auftrieb bekommen, zugleich mit der Friedensbewegung, die sich in den letzten Jahren aus Mangel an einem geeigneten Feindbild auf den Kampf gegen die Kernkraft und für eneuerbare Energien verlegt hat.

Möglicherweise sind sich die 91% der Deutschen, die Obama unterstützen, der Folgen ihrer Haltung nicht bewusst. Für die Amerikaner könnte der Sieg Obamas von Vorteil sein, für die fortschrittlichen Kräfte in Deutschland wäre es Katastrophe. Weitere vier Jahre Obama, und in der Bundesrepublik gäbe es mehr Juchtenkäfer als Anti-Imperialisten. Ja, so sauer können manchmal süße Früchte sein.

Erschienen in der Weltwoche am 8.11.12

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