Gastautor / 12.08.2017 / 06:15 / Foto: Jordi Cuber / 8 / Seite ausdrucken

Nukleare Schlafwandler

Von Jesko Matthes.

Nukleare Proliferation ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Dabei ist es nicht mehr so schwierig, an solche Waffen zu gelangen. Allerdings braucht man immer noch sehr viel Geld und großen Aufwand an Organisation. Eine Atomwaffe in seiner Garage zu basteln, das ist nur im Sinne einer „schmutzigen Bombe“ möglich. Die Obama-Administration soll nicht nur deshalb ihr besonderes Augenmerk der nuklearen Proliferation gewidmet haben.

Was am Ende droht, kann man bei meinem Lieblingsregisseur Stanley Kubrick sehen, in seiner köstlichen, tiefschwarzen Komödie „Dr. Seltsam – oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“. Die groben Umrisse, nach denen die USA selbst die ersten Atombomben bauten, kann dabei jedermann im „Los Alamos Primer“, zu beziehen beispielsweise hier, nachlesen. Kubrick dagegen verweist immer wieder auf männliche Allmachtsphantasien, in denen Ideologie unmittelbar an Wahnsinn grenzt.

Die einfachste Art, die Bombe zu bekommen, ist der Bau oder Erwerb eines Natur-Uran-Reaktors für zivile Zwecke. Er ist im Grunde die Weiterentwicklung des „deutschen Weges“ zur Bombe. Während Enrico Fermi sich weigerte, sein Wissen in den Dienst Mussolinis zu stellen und seinen ersten Reaktor, den „Chicago Pile“, ab 1942 mit Natururan und Graphit als Moderator betrieb, versuchten die Gruppen um Heisenberg und Diebner dasselbe mit Natururan und Wasser. Paul Harteck, erst in Kiel, dann in Celle, versuchte es auch und empfahl Deuterium als Moderator, das die Nazis in Norwegen bezogen haben.

Die Deutschen kamen aber, nach allem, was man bisher sicher weiß, über einen Reaktorunfall in Gottow und einen subkritischen Betrieb in Haigerloch nicht wesentlich hinaus – auch wenn es einige Anzeichen für „kleinere“ Kernwaffenexperimente in Deutschland gibt. Parallel dazu lagerte die Auer-Gesellschaft große Mengen von Thorium in Oranienburg, wo noch in den 1990er Jahren der Boden ausgetauscht wurde, da er nach alliierten Bombenangriffen 1945 mit Thorium belastet war. Doch auch der Weg über Thorium ist extrem aufwändig und erfordert eine starke, bereits existierende Neutronenquelle. Er führt zu einem der schwierigsten aller prinzipiell waffenfähigen Nuklide, Uran 233. Damals ließ sich Carl-Friedrich von Weizsäcker auch die Erzeugung von Plutonium patentieren.

Die wesentlichen Teile der Kernphysik und Kernchemie waren in den 1940er Jahren bekannt, und nach den USA war Deutschland der Bombe am nächsten gekommen – aber auch französische, englische, russische und polnische Wissenschaftler wussten Bescheid, größtenteils aus eigenen Berechnungen; den Rest erledigten nach dem Sieg über Nazideutschland die Internierung oder gar Deportation deutscher Wissenschaftler in die USA und die Sowjetunion – sowie intensive Spionage.

Eine beunruhigende Selbsttäuschung

Doch zurück zum Natur-Uran-Reaktor. Er ist deshalb besonders günstig, weil man ihn beispielsweise in Kanada als Deuterium-Uran-Reaktor (CANDU) erwerben kann, wenn man genügend Geld dafür hat. Den Umweg über Gas-Ultrazentrifugen für Uranhexafluorid (wie im Iran) spart man ein, und der Reaktor produziert nebenbei Plutonium, das man chemisch viel leichter separieren kann als Uranisotope zu trennen. Selbst Plutoniumoxid ist bereits waffenfähig.

Ein begabter Nuklearphysiker und ein Experte für Sprengstoffe nebst einem Haufen Ingenieure, Techniker und Handwerker können dann eine Implosionsbombe bauen, die in etwa der „Trinity“ entspricht, die Robert Oppenheimers Team als ersten Nukleartest der Welt zündete, und deren unmittelbare Entsprechung Nagasaki zerstörte. Die nötigen Berechnungen, die in den 1940er Jahren noch Heerscharen von Sekretärinnen an Hollerith-Lochkartenmaschinen im tagelangen Parallelbetrieb erforderten, erledigt heute ein handelsüblicher PC in einigen Stunden. Etwas Spionage erleichtert dabei den Weg. Auf ungefähr diese Weise sollen Indien und Pakistan zur Bombe gekommen sein, wahrscheinlich auch Südafrika und vielleicht Israel. Im Falle Nordkoreas gibt es darüber keine sicheren Informationen.

Das zweite von Wissenschaftlern, Technikern und Militärs zu lösende Problem ist dann noch ein geeignetes Trägersystem. Langstreckenbomber sind inzwischen ein zu verletzliches Ziel, sofern man nicht über Tarnkappentechnik verfügt, so dass die Wahl bleibt zwischen ballistischen Raketen und Lenkwaffen. Nordkorea bedient sich in absichtlich provozierender Öffentlichkeit der ersten Methode. Beruhigend heißt es, man sei dort wohl von Trefferpräzision noch weit entfernt. Diese Argumentation ist höchstwahrscheinlich eine beunruhigende Selbsttäuschung. Mit der sehr schlechten Treffergenauigkeit einer „V2“ (A4), bestückt mit einem Nuklearkopf, hätten große Teile Londons schon 1944 in Trümmern gelegen wie Hiroshima oder Nagasaki. Entsprechende Pläne des nationalsozialistischen Deutschland existierten auf dem Papier für New York, allerdings mittels des „Stratosphärenbombers“ des Eugen Sänger. Ein genügend großes Ziel ist jedenfalls auch mit der absurd schlechten Genauigkeit einer vergleichsweise primitiven ballistischen Rakete der 1940er Jahre vernichtend zu treffen.

Wieso ich immer auf Deutschland zurück komme? Ganz einfach: Die Technik ist in Deutschland entdeckt worden, seit gut 70 Jahren auf der Welt und – beherrschbar auch für Diktatoren und Wahnsinnige, die über genügend Geld verfügen. Allein unter diesem Aspekt mutet die Kritik an Donald Trump, dem frei gewählten Präsidenten einer Demokratie, für seine gewiss martialischen Äußerungen in Richtung Nordkorea bei aller bekundeten Sorge zumindest ein wenig seltsam an.

Wer erinnert sich an die Informationen, die bereits Barack Obama über Nordkorea vorlagen? Wer erinnert sich noch an Erich Honecker, der seinen Genossen Kim Il Sung pries? Wer spricht von einer der letzten kommunistischen Diktaturen stalinistischer Prägung, in der eine herrschende Familie den Frieden Südostasiens und der Welt seit Jahren mit nuklearen Provokationen aufs Spiel setzt? Wer denkt an die Lektion Stanley Kubricks, wem möglichst schnell das Handwerk zu legen ist, bevor sogar Kontakte über das „rote Telefon“ zu spät kommen?

Der deutsche Außenminister ist hier nur ein weiteres unrühmliches Beispiel in einer Reihe von „Friedenspolitikern“ und „Aktivisten“, die die Tatsachen erst ignorieren und dann verdrehen. Sie sind die eigentlichen Schlafwandler

Jesko Matthes ist Arzt und lebt in Deutsch Evern.

Leserpost (8)
Wolfgang Kaufmann / 12.08.2017

Weltpolitisch spielt Deutschland in der dritten Liga. Wenn sich einer unserer Politbürokraten äußert, ist das mehr als peinlich. Anderen gute Ratschläge geben, aber selber ordnungspolitisch nicht das Geringste auf die Reihe kriegen…

Engelbert Büning-Kutschera / 12.08.2017

Excellente umfassende Beschreibung der Thematik und besonders der immer grösser werdenden Gefahren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlaubte sich ein amerikanischer General, nach Hinweis auf die allgemeine Euphorie nüchtern, “für ihn komme die Situation wie ein grosser Kokon vor, von dem man nicht wisse, ob er das Zuhause eines schönen bunten Schmetterlings oder vieler giftiger Spinnen sein werde”. Nun sind die Spinnen da in allen Variationen und werden immer mehr. Wenn es nur die einfachen Bauanleitungen für schmutzige Bomben wären, wie die in Terroristenkreisen, wir könnten uns glücklich schätzen. Nein, neben den unsäglichen aus realpolitischen Gründen am Leben erhaltenen Diktatoren mit ihren Atom-und Chemieexperimenten, sind wohl scheinbar ungefähr 3.000 Atombomben aus alten russischen Beständen im Tumult des Wechsels spurlos verschwunden.

Alexander Rostert / 12.08.2017

Nun ja, auch Reformation und Kommunismus wurden in Deutschland erfunden, ohne dass wir uns nun wegen jedem weltanschaulich begründeten Konflikt auf der Welt grämen oder auch nur mit Kritik zurückhalten müssten.

Dr. Hans-Jürgen Speichert / 12.08.2017

Der aktuelle Streit zwischen Nord-Korea und den USA hat gewisse Parallelen zur Kuba-Krise von 1962. Im Hinblick auf eine nukleare Bedrohung durch Raketen verstehen die USA ebenso wie damals offenbar keinen Spaß. Ebenso wie Kennedy setzt Trump auf die eigene militärische Stärke, möglicherweise mit ebenso verborgenen Risiken wie sie erst nach der Krise 1962 sichtbar wurden. Den USA waren damals die sowjetischen U-Boote mit atomaren Torpedos und die schon Einsatz-fähigen nuklearen Kurzstrecken Raketen der Sowjets auf Kuba unbekannt. Letztere wären bei einer Landung in Kuba zum Einsatz gekommen und fast hätte ein U-Boot Kommandant den atomaren Torpedo abge-schossen. In beiden Fällen wäre der nukleare Holocaust für die gesamte Welt die Folge gewesen. Heute weiß (ebenso wie 1962 in Kuba) außerhalb von Nord-Korea niemand genau über das militärische Potential dieses Landes Bescheid. Die Aufrüstung der Diktatur ist aber ohne Hilfe von China und Rußland kaum vorstellbar und nun handelt der Zauberlehrling auf eigene Rechnung. Deshalb richten sich die Drohungen von US Präsident Trump eben auch an China mit der Aufforderung nach Geltendmachung ihres Einflusses auf den Diktator. Denn die Chinesen wollen ebenso wie alle anderen Nachbarn von Nord-Korea keinen Krieg an ihren Grenzen. Dabei haben die USA alle UN Resolutionen auf ihrer Seite und Trump hatte sogar Vier-Augen-Gespräche mit dem Diktator angeboten, mehr Bereitschaft zu Verhandlungen geht nicht. Dieses Erbe von Obama wäre nicht so gefährlich, wenn Obama schon früher für noch härtere Sanktionen gekämpft hätte. Jetzt muss Trump die heißen Kartoffeln aus dem Ofen holen. Nur, im Gegensatz zu Kennedy wird der jetzige Präsident Trump von großen Teilen der Presse nicht gemocht, vor allem nicht in Deutschland. Man verschweigt lieber die Fakten oder berichtet einseitig, anstelle die Alternativen sichtbar zu machen.

Wolfgang Richter / 12.08.2017

Alles spricht von Trump, nimmt aber die vorab abgegebene faktische Kriegserklärung des Nordkoreaners an die USA mittels der Androhung (Ankündigung?) eines Raketenangriffs auf die US-Insel Guam mit bereits angelegtem Angriffszeitraum nicht als das zur Kenntnis, was es ist, Irgendwie hat man den Eindruck, in einer medial und politisch Fakten verdrehenden und ausblendenden Zeit zu leben, die sich auf Pippi-Langstrumpf-Niveau zurück gezogen hat, damit bloß nichts den selbst gebastelten schönen Schein gefährdet. Willkommen in der “Sehnsucht nach der verlogenen Welt” (Buchtitel des Herrn Günther Ederer).

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