Wolfgang Röhl / 08.06.2016 / 15:00 / Foto: Dorothea Lange / 4 / Seite ausdrucken

Auf den Spuren des Elektroautos: Hat sich nicht verkauft!

Wer durch den Orangenstaat Florida fährt, bekommt seltsamerweise so gut wie nie frisch gepressten Orangensaft zum Frühstück. Dafür trifft er an etlichen Orten auf wunderbar gestaltete Museen, vom riesigen Kennedy Space Center bis zu den kuriosen Kabinetten des legendären Comic-Zeichners und Weltreisenden Robert Ripley („Believe it or not“). Nicht wenige Museen sind Erfindern gewidmet. Erfinder genießen einen guten Ruf in Amerika. Das ist etwas anders als in Deutschland, wo eine säkulare Priesterkaste lieber darüber predigt, welch schlimme Folgen gewisse Erfindungen gezeitigt haben oder womöglich noch zeitigen werden. Autos, Genfood, Herbizide, alles bekanntlich Satanswerk.

Im nördlich gelegenen Austern-Örtchen Apalachicola, nicht weit von der Grenze zu den US-Bundesstaaten Alabama und Georgia, liegt etwas versteckt inmitten eines heißen, mit Baummoos behangenen Südstaaten-Ambientes das Museum für John Gorrie. Sein epochaler Beitrag zur Zivilisation: 1845 erfand dieser Mann die Kältemaschine, mit der er bis zu zehn Eisblöcke pro Tag herstellen konnte. Auf dem Kompressorprinzip der Konstruktion basieren die heutigen Eismaschinen in Fischereihäfen, die Aircondition in Räumen, die Klimaanlagen in Autos, der Kühlschrank. Die halbe Welt wäre ein anderer, nämlich ein unkommod verschwitzter und oft gammelnder Ort, hätte es den Arzt John Gorrie nicht gegeben.

Die Klimaanlage wurde eher aus Versehen erfunden

Es spielt keine Rolle, dass der besessene Tüftler eigentlich auf der falschen Spur war (er wollte billiges Eis generieren, um Malariapatienten zu heilen; unwissend, dass Malaria durch eine Mückenart übertragen, nicht durch stickig-heiße Sumpfluft hervorgerufen wird). Irrelevant auch, dass er selber seine Maschine nicht auf den Markt bringen konnte (er fand dafür keine Investoren und wurde zudem von der damaligen Eisindustrie gemobbt, die winters Eisblöcke aus zugefrorenen Seen schnitt, einlagerte und teuer vermarktete). Die Bedeutung seines Patents wurde bald nach seinem frühen Tod im Jahre 1855 erkannt. Doch erst im 20. Jahrhundert setzte sich die Kältemaschine weithin durch.

Sicher gibt es Menschen, die Gorrie dafür verfluchen. Kältemaschinen verbrauchen reichlich Energie und begünstigen den Klimawandel, oder? Trägt dieser Kerl nicht eine Mitschuld daran, dass die Malediven dem Untergang geweiht sind? Wenn der Kölner Dom dereinst halb unter Wasser steht, wie es ein „Spiegel“-Titel („Die Klima-Katastrophe“, Heft 33/1986) weissagte, hat nicht Gorrie posthum seine Hand im Spiel? Gar nicht zu reden davon, dass die Kältetechnik manche Handelsströme von regional auf überregional, später gar auf global umstellte. „Chlorhühnchen“ aus Amiland, ohne Gorrie gar kein Thema!

Uns war das schnuppe, als wir in einem dank Gorrie gut gekühlten Automobil durchs heiße Florida fuhren. Unsere abendlichen Mojitos tranken wir nach dem Besuch des Gorrie-Museums stets mit einem Toast auf den großen Innovator.

Apropos Automobil! Im Museum of Florida History von Tallahassee begegneten wir einer anderen Idee, die sich leider bis heute nicht so recht durchsetzen konnte. Es handelte sich um das Baker Electric Car Baujahr 1911 - ein flotter Zweisitzer, der in der hübsch gezeichneten Werbung flink wie ein Windhund rüberkommt.

Den Elektroautos wurde schon früher eine große Zukunft prophezeit

Man muss wissen, dass den Elektroautos schon früher eine große Zukunft prophezeit wurde. Und zwar zu einer Zeit, da das Kutschieren von Autos mit Verbrennungsmotoren noch eine mühsame, stinkende und oft krachend fehlzündende Angelegenheit war. Anno 1900 stellte ein Mr. Baker auf der Autoshow in New York den ersten Stromer vor, dessen Antrieb er sich hatte patentieren lassen. Das Gefährt leiste 0,75 PS und soll laut Wikipedia eine Reichweite von 32 Kilometer besessen haben. Damals war es wohl nicht ganz verwegen anzunehmen, dieses Vehikel sei eine Alternative zu den noch sehr primitiven Verbrennern, deren Kraftstoff man sich zum Beispiel in der Apotheke besorgen musste.

Doch schon ein paar Jahre später hatte sich das Match gedreht. Ein Schild an dem Baker-Auto im Tallahassee-Museum rät ironisch, man solle sich die dort ebenfalls ausgestellte Werbung für das Modell von 1911 genauer ansehen. Tatsächlich ist diese recht kleinmütig geraten. Das Auto, erfährt man, „stelle alle vernünftigen Bedürfnisse des durchschnittlichen Autofahrers zufrieden“ und bringe den Nutzer „so weit wie er an einem Tag will.“

Zu dieser Zeit waren Elektroautos gegenüber den Töff-Töffs bereits in die Defensive geraten. Kundenbeschwerden bezüglich der Reichweite waren üblich. Daher stellte die Baker-Werbung hauptsächlich auf den seinerzeit noch erheblichen Vorteil ab, dass man sich beim Elektroauto nicht die Finger schmutzig machen und auch keine Abgasschwaden atmen musste. Die Werbetafel für den Baker 1911 zeigt ein fahrendes Glamourpaar mit Golfausrüstung.

Als Golfcarts sind Stromer bis heute unverzichtbar

Yes indeed. Als Golfcarts sind Stromer bis heute unverzichtbar. Hat Angela Merkel, die Deutschland mit subventionierten Elektroautos fluten möchte und der Legende nach was mit Physik studiert hat, wovon sie sich aber nichts anmerken lässt, vielleicht mal eine Baker-Werbung gesehen? Und da Anwendungsgebiete durcheinander gebracht?

Erstkunde des Baker-Electric von 1900 war übrigens Thomas Alva Edison. Ihm ist das Edison Winter Home and Museum im floridanischen Fort Myers gewidmet. Der Titan der elektrischen Erfindungen (u.a. Glühbirne, Generator, Phonograph, Telefon) hatte allerdings nichts mit der Produktion von Elektroautos im Sinn. Ihn interessierten allein Bakers Batterien, die er weiterentwickeln wollte. Im Museum sind auch starke Sprüche des Autokraten und Erzkapitalisten ausgestellt. Zum Beispiel: „I shall make the electric light so cheap that only the rich will be able to burn candles.“ Noch besser fanden wir sein Credo: „Anything that won’t sell, I don’t want to invent. Its sale is proof of utility, and utility is succes.“

Ob das mal jemand der Frau Merkel übersetzt?

Leserpost (4)
Timm Koppentrath / 10.06.2016

Innovationsmanager wäre wohl der falsche Beruf. Als Autor kann man es sich wohl leisten diese Einstellung zu haben und nur gegen neue Technik zu argumentieren, anstatt einmal darzugelegen, was denn so viel besser ist als eine saubere und leise Innenstadt. Mir fehlt der Weitblick, schon einmal 20-30 Jahre in die Zukunft gedacht?

Timm Koppentrath / 09.06.2016

Nichts neues hier. Hat sich nicht verkauft? Eine Technik, die noch nicht einmal richtig in die Gänge gekommen ist. “Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.” Thomas Watson, CEO von IBM, 1943. Und wo von Utility sprechen: “Email is a totally unsaleable product.” Ian Sharp, Sharp Associates, 1979.  Wenn es wirklich nur um Wirtschaftlichkeit ginge, dann würde in einem solchen Artikel auch ein Versuch erkennbar sein, eine innovative, umweltfreundliche Technik anders auf die Straße zu bringen. Stattdessen bemüht man sich ausschließlich die neue Technik totzureden und dazu auch noch unvergleichbare Situationen aus Anfang des 20 Jhd als Argument anzuführen?! Das wird bei Zeiten langweilig und sehr durchsichtig. Schon einmal in einem Tesla von Mr. Musk gesessen? Ein kleiner Unterschied zu dem Modell von Mr. Baker. Es hat sich viel getan.

Gerd Koslowski / 09.06.2016

Hat das Elektroauto wirklich keine Aussicht auf zukünftigen Erfolg? Elektrische Antriebe erreichen Wirkungsgrade an die kein Verbrennungs- treffender: Explosions-Motor herankommt. Regelungstechnisch werden sie mittlerweile gut beherrscht, aktuelle Fahrzeuge einschließlich E-Bikes beherrschen z.B.  die Nutzbremsung, d.h. beim Verlangsamen der Fahrt oder bergab kann Energie in den Akkumulator zurückgespeist werden. Ein Verbrenner, bei dem beim Bremsen Kraftstoff in den Tank tropft, ist noch nicht auf dem Markt. Elektromotoren sind in der Herstellung bedeutend einfacher und billiger, die meisten von ihnen haben genau 2 Verschleißteile: die beiden Wälzlager, die den Rotor drehbar im Stator lagern. Und auch diese halten ordentlich geschmiert und sauber gehalten ohne weiteres 10000 Betriebsstunden und mehr im Vergleich zum Verbrenner-Auto von dem ich mich gerade nach 4000 Betriebsstunden (240000Km) schweren Herzens trennen musste, weil die Reparaturkosten eines Teils des Motors (Einspritzanlage) den Zeitwert des ganzen Fahrzeuges überstiegen hätten. Dass Langlebigkeit nicht unbedingt von Autoherstellern geliebt wird, mag eine Ursache dafür sein, dass die Entwicklungen in der Akkumulatortechnologie zwischen 1900 und 1980 nur marginal stattgefunden haben. Ein Akku hatte im Wesentlichen den Verbrenner zu starten und bei stehendem Motor das Autoradio zu betreiben, basta. Und genau das ist das Sorgenkind der Elektromobilität: ein (noch) nicht vorhandener hocheffektiver preisgünstiger Speicher für Elektroenergie. Sobald Erfinder, Entwickler und Werkstoffspezialisten damit um die Ecke kommen, oder wie Verschwörungstheoretiker behaupten, die fertigen Projekte aus der Schublade ziehen, sind die Jahre des dominierenden Verbrennungsmotors gezählt und auch die Deutsche Bahn könnte allmählich an den Rückbau der Oberleitungen gehen. Dem jetzigen „Fossilbrennstoffzeitalter“ könnte es ähnlich ergehen wie dem Steinzeitalter, das ja bekanntlich nicht endete, weil keine Steine mehr da waren, sondern weil bessere Technologien und Werkstoffe die Steinwerkzeuge überflüssig machten.

Peter Zentner / 08.06.2016

Sehr geehrter Herr Röhl, glauben Sie bitte nicht, ich hätte an Ihrer wunderschönen Sottise irgendwas zu bemäkeln. Im Gegenteil! Aber ich weise darauf hin, dass ein Dutzend Jährchen *vor* Mr. Baker ein gewisser Ferdinand Porsche, blutjunger Ingenieur bei Lohner in Wien, ein Elektromobil gebaut hat: mit getriebe-, differential- und großteils verlustlosem Allradantrieb dank Anordnung der E-Motoren in den Radnaben. (Seine Nabenmotoren schnurrten auch in den Wiener Straßenbahnen, vermutlich noch heute.) Siehe u.a. dort: http://www.auto-motor-und-sport.de/news/lohner-porsche-erstes-hybridauto-erstmals-allradantrieb-1939709.html Auch dieses innovative Gefährt hatte keine Chance wider die damals ebenso jungen Ottomotoren, was inniglich an heutige Realität erinnert. Soll noch jemand orgeln, Geschichte wiederhole sich nicht? Notabene: Herzliche Grüße!

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