Wolfgang Röhl / 21.12.2016 / 06:17 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 2 / Seite ausdrucken

Nicht ohne meine Morddrohung!

Hatemails sind so was von yesterday. Praktisch jeder kann Hasspost kriegen, wenn er es ein bisschen darauf anlegt. Nach jedem halbwegs meinungsstarken Stück über irgendwelchen Sexismusklamauk, Tweets über Gurkentruppen wie den 1. FC St. Pauli oder Kritik an der Performance von Helene Fischer flattern einem Hassbriefe um die Ohren wie Laub im Herbstwald. Ich bekam als junger Journalist schon welche, als die Schreiben noch auf der Olympia Monica mit schwarzrotem Farbband abgesetzt wurden. Und zwar mit vielen !!!!!!!!!!!!! beziehungsweise ?????????? Unter GROSSSCHREIBUNG jedes zweiten Wortes und dem finalen, Angst & Schrecken setzenden Paukenschlag: ANZEIGE IST RAUS!

Henryk Broder unterhielt, wenn ich das richtig erinnere, auf seinem privaten Blog einst die wunderbare Rubrik „Das meint der Leser“. Darin dokumentierte er seine schönsten Posteingänge an den „widerwärtigen Hetz- und Schmierenjournalisten“, der sich seine „scheiß US-Krawatte in den verkommenen Arsch stecken“ sollte. Er empfing auch schon mal den aufrichtigen Wunsch, er als „alte Judensau“ möge recht bald „vom Muslim gemeuchelt“ werden. Doch als halb Deutschland anfing, mit  Hassbekundungen hausieren zu gehen, ja, damit veritable Leseabende zu bestreiten, pflegte Broder sein Kuriositätenkabinett nicht länger. Hatemails waren so geendet wie Jeans mit Löchern. Als Stangenware.

Vergessen Sie auch Shitstorms! Wenn ein alter, uninteressanter Politiker wie Rainer Brüderle es noch am Ende seiner Karriere schaffen konnte, durch ein paar ranzige Bemerkungen zum Dekolleté einer Nachwuchsschreiberin das Ziel eines perfekten Shitstorms zu werden, dann bedeutete dies: Shitstorms hatten ihre besten Zeiten schon damals hinter sich.

Sexy ist heute allenfalls noch die zünftige Morddrohung

Presseberichte über einen Zank zwischen dem Schlagerproll Michael Wendler und zwei weiblichen Fans stachelten innerhalb von ein paar Tagen sage und schreibe 230.000 Netzasoziale dazu auf, Wendler den Stinkefinger zu zeigen. Mittlerweile ist die Empörungsökonomie derart inflationiert, dass einem Menschen, der auf sich hält, so ein Shitstorm nur mehr peinlich sein kann, ähnlich wie Urlaub am Ballermann. Darüber spricht man besser nicht.

Sexy ist heute allenfalls noch die zünftige Morddrohung. Morddrohungen sind die neue Goldwährung im Contentbereich „Lebe wild und unbeugsam“. Zum Beispiel für Menschen, die mutig gegen Nazis anschreiben, wie der Hamburger Kapitän Jürgen Schwandt („Hamburger Morgenpost“: „AfD, Pegida – er hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg – trotz Morddrohungen“). Als Mahner & Warner ist der gewesene Skipper mit 80 Jährchen noch mal so richtig groß raus gekommen und hat sogar einen Antifa-Bestseller gelandet („Sturmwarnung“). Putzt manchmal ganz ungemein, so eine Morddrohung.

Gut, auch der Pegida-Organisator Lutz Bachmann hat eine gekriegt, aber das wollen wir hier doch bitte nicht so hoch hängen. Nehmen wir lieber den Anwalt und Blogger Heinrich Schmitz, lange Zeit rastloser Streiter gegen Ausländerfeinde et al.. „Um meine Familie zu schützen“ kündigte er im vergangenen August an, er würde nicht mehr über politische Themen schreiben. Damit schaffte es der „Verstummte“ prompt auf „Spiegel online“. In die „FAZ“ brachte es der türkischstämmige Grünen-Hinterbänkler Özcan Mutlu, als er nach etlichen Hassmails Anfang des Jahres seine erste Morddrohung erhielt („Du Ratte, du gehörst umgelegt“). Anfeindungen („Nazi-Schwein“) und Morddrohungen galten auf dem Höhepunkt der Deutschland-schafft-sich-ab-Debatte auch dem Ex-Politiker und Autor Thilo Sarrazin.

Man kann die Morddrohung bei Bedarf als Joker einsetzen

Wie viele publizierende, politisierende, moralisierende und polarisierende Menschen sonst noch mit Mord und Totschlag bedroht werden, darüber liegt keine Statistik vor. Besonders AfDler, NPDler, Grüne und Linksparteiler dürften diesbezüglich versorgt sein. Konsequenzen hat das zum Glück für keinen von ihnen. Aufgeflogene pädophile Politiker stehen auf einem anderen Blatt; die haben wohl wirklich Anlass zur Besorgnis.

Das Schöne an einer Morddrohung: Man kann sie bei Bedarf als Joker einsetzen. Welchen Mist man auch immer gebaut hat, er verblasst vor der virtuellen Halsabschneider-Geste. Wenn jemand nach einer Kampagne, die nach hinten losging, beschließt, sich in ein anonymes Hotelzimmer zu verkriechen, so überlagert eine Morddrohung (oder was er dafür hält) zumindest temporär seine Misere.   

Nicht mal aktenfest vorweisen muss man eine Morddrohung. Die Angabe, von irgendwem irgendwie mit dem Tode bedroht worden zu sein, genügt für einen Eintrag in die A-Liste der Hassopfer. Den Rest erledigt die Amadeu Antonio Stiftung. Wirklich oder vorgeblich Bedrohte brauchen auch kaum zu befürchten, dass sie rund um die Uhr bewacht werden, somit ihr Privatleben einbüßend. Verfassungsschützer - schließlich lesen sie „indymedia" - wissen schon ganz gut, wer real in Gefahr sein könnte. Sarrazin gehörte eine Zeitlang dazu.

Ebenso – und zwar seit Jahren - der Islamismuskritiker Hamed Abdel-Samad, der ohne Bodyguards nirgends auftreten kann. In Ägypten kursieren immer noch Mordaufrufe gegen ihn. Dahinter stehen allerdings genuine Fanatiker, keine gelangweilten deutschen Würstchen mit Internetzugang.

In Sinne der angestrebten Partizipation aller gesellschaftlichen Gruppen - hat nicht im Grunde jeder Mensch das unveräußerliche Recht auf eine Morddrohung? Vielleicht könnte man für das Ganze ein Geschäftsmodell entwickeln? Die personalisierte Morddrohung-on-demand würde, falls benötigt, zeitnah zum Runterladen bereitgestellt. Ich zum Beispiel habe noch nie eine bekommen. Was mache ich falsch? Allmählich fühle ich mich ausgegrenzt.

Foto: Bildarchiv Pieterman
Leserpost (2)
Jo Sieber / 21.12.2016

Stimmt - viele Leute stellen sich als Opfer hin, obwohl sie keine sind - Kastrierung eines Status, ähnlich wie bei Asylbewerbern: Manche sind verfolgt aber die Lücke ist erkannt und viele nutzen es nur aus.

Ottmar Gerstner / 21.12.2016

Der nächste Goldstandard in der Aufmerksamkeitswährung wird eine gepflegte Fatwa sein. Die Länderpolizeien werden schon aufgestockt, um dann den real Bedrohten eine möglichst große Restlaufzeit zu ermöglichen. Wenn der Islam zu Deutschland gehört, dann auch Fatwas. In diesem Sinne bereiten die allgegenwärtigen Morddrohungen den mentalen Boden; ein Leben in Frieden war gestern.

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