Ulli Kulke / 27.01.2017 / 15:19 / Foto: Gmhofmann / 1 / Seite ausdrucken

Neuer Temperaturrekord: Ist die Erwärmungspause vorbei?

Da war sie wieder präsent, die große Alarmstimmung in Presse, Funk und Fernsehen, wieder ein Schritt näher am Weltuntergang, wieder mal ist ein höherer globaler Temperaturwert gemessen worden. Das kann ja nur der Mensch gewesen sein.

2016 war das dritte Jahr in Folge, in dem globale Rekordtemperaturen gemessen wurden. Das meldete vergangene Woche die Agentur NOAA aus den USA, dort zuständig für die wissenschaftliche Bewertung des Geschehens in den Ozeanen und der Atmosphäre. Um 0,04 Grad Celsius waren demnach alle Monate des Jahres zusammengenommen wärmer als die des Vorjahres 2015 im Durchschnitt. Der Unterschied von 2015 zum dritten Platz, 2014, war mit 0,15 Grad ein wenig höher, dessen Abstand wiederum zum vierten, 2010, dann wieder nur 0,04 Grad. Ist also der Stillstand in der globalen Erwärmung seit der Jahrtausendwende bereits wieder beendet? Abwarten! So muss jedenfalls die korrekte Antwort lauten.

Zunächst einmal bewegen sich die Temperaturunterschiede wohlgemerkt im Rahmen oder nur geringfügig außerhalb des von der NOAA eingeräumten Messungenauigkeit von 0,09 Grad, was die Rekorde zumindest in ihrem Ausmaß bereits stark relativiert. Zum zweiten und vor allem aber waren 2014, 2015 und 2016 ganz besondere Jahre, was das Geschehen in den Ozeanen und in der Folge auch in der Atmosphäre angeht.

2014 noch sehr sanft, 2015 um so stärker und anhaltend bis weit nach 2016 hinein stand der Globus nämlich im Bann eines sehr starken El-Nino-Effektes, jener Umkehr in den Meeresströmungen des östlichen Pazifik, die alle paar Jahre stattfindet und dabei weltweit für Turbulenzen im Wettergeschehen sorgt – und: vor allem jedes Mal die Temperaturen über Land und Meer erhöht.

Die Temperaturen stiegen – wegen Doping mit El Nino

Es ist schwer, die El-Nino-Effekte in ihrer Stärke in eine Rangfolge zu stellen, zu chaotisch und vieldimensioniert sind ihre Folgeerscheinungen. Über eines sind sich die Klimaforscher aber einig: Die letzten bemerkenswerten El-Ninos um das Jahr 1983, 1998 und jetzt 2015 zählten zu den stärksten, die seit einem guten Jahrhundert verfolgt wurden, und auch daraus ragt der jetzt langsam zu Ende gehende auch noch hervor, gemessen an den Veränderungen bei der Meerestemperatur im El-Nino-Gebiet rund um den Äquator im Pazifik: „Die höchste Anomalie mit fast 3°C wurde während des letzten El Niños erreicht“, schreibt der Deutsche Wetterdienst in einem Vergleich der vergangenen drei großen Phänomene.

Kein Wunder also, dass Peter Stott, Direktor des englischen „Met Office Headley Center“, eines der weltweit anerkanntesten Klimaforschungsinstitute, jetzt sagte, dass der El Nino 2015/16 die globale Temperatur um etwa 0,2 Grad nach oben geschoben hat. Neutralisieren wir also die Entwicklung bei den globalen Temperaturen um den Effekt jenes Klimaphänomens, müssen die Rekorde eigentlich aberkannt werden – wegen Doping mit El Nino, zumindest 2015 und 2016 hätte man mithin deutlich geringere Temperaturen verzeichnet, die Jahre wären nicht der Rede wert gewesen, was den Klimawandel angeht. Sie hätten jenen „Hiatus“, den Stillstand bei der Erderwärmung, nicht infrage gestellt, sondern bestätigt.

Letztlich blieb die globale Temperatur 2016 denn auch eher hinter den Erwartungen zurück als dass es sie übertroffen hätte. Das Headley Center hatte sie beim vorherigen Jahreswechsel zwischen 0,72 und 0,96 Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt der Jahre 1961-1990 erwartet, mit dem Mittelwert bei 0,84 Grad. Erreicht wurden dann 2016 gerade 0,77 Grad Celsius über jener (sowieso sehr weit zurück liegenden) Referenzperiode. Bis jetzt handelt es sich also zunächst mal um drei Ausreißerjahre, für die Ursachen außerhalb der üblichen Erderwärmung auf der Hand liegen.

Natürlich kann man nun einwenden: Auch frühere El Ninos haben die globale Temperatur nach oben getrieben, aber noch nie so hoch wie jetzt. Ein teilweise berechtigtes Argument. Natürlich befinden wir uns in einer Warmphase und der Zeitraum seit der Jahrtausendwende ist der wärmste seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen vor 125 Jahren. Und wenn von dieser Ausgangsbasis, von diesem relativ hohen Plateau aus, ein El Nino mitschiebt, purzeln die Rekorde, auch wenn sie nur durch ein Fotofinish festzustellen sind und im Rahmen der Messungenauigkeit liegen.

Nachträgliche Temperatur-"Anpassungen" in den Messreihen

Und natürlich ist es eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich, dass der Mensch mit seiner Industrialisierung und Landwirtschaft dabei seine Hand im Spiel hatte. Die Frage ist nur: Wie stark ist dieser Einfluss wirklich – und hält die Temperatur-Dynamik nach oben aus den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts weiter an oder nicht? Die Antwort darauf ist – wie gesehen – auch nach diesen „Rekordjahren“ alles andere als eindeutig. Interessanterweise hatten die Meeresforscher in den 90er-Jahren, beim Höhepunkt der Steigerungsraten also, eine Art kleinen Dauer-El-Nino festgestellt, der ja auch damals an der Temperaturschraube gedreht haben könnte.

Übrigens: Lange Jahre galt auch bei Headley das El-Nino-Jahr 1998 als mit Abstand wärmstes Jahr. Erst vor wenigen Jahren wurde es heruntergestuft, durch Neubewertungen der Messdaten, teilweise durch neue Schätzungen und andere Anpassungen. Mit dem Ergebnis, dass plötzlich spätere Jahre in der Statistik wärmer und die Dynamik in der Entwicklung stärker erschienen. Ein Argument stand dabei auch stets im Hintergrund: Das Jahr 1998 sei wegen seines starken El Ninos sowieso anders zu bewerten. Werden in späteren Zeiten die Rekordtemperaturen der Jahre 2015 und 2016 dereinst auch herabgestuft werden, und spätere Jahre sich in der Platzierung verbessern?

Man könnte einwenden, dass die El Ninos womöglich ihrerseits durch die Klimaerwärmung des 20. Jahrhunderts beeinflusst, verstärkt wurden. Belastbare Beweise dafür gibt es bislang allerdings nicht. Studien, die einen solchen Einfluss konstatieren, weil die Effekte im vergangenen Jahrhundert stärker geworden seien, blieben auf der phänomenologischen Ebene stehen (höhere Temperaturen bei stärkeren El Ninos) – so dass man genauso gut behaupten könnte, die Klimaerwärmung sei vor allem durch El Ninos hervorgerufen worden.

So oder so: Der nächste Winter kommt bestimmt. Nach einem El Nino folgt in aller Regel eine „La Nina“ – der umgekehrte Effekt, der die globalen Temperaturen in der Regel eher wieder herunter drückt. Ein Vorgeschmack: Die letzten Monate des Jahres 2016 waren denn auch nicht mehr rekordträchtig. Es bleibt also dabei: Abwarten!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Ulli Kulkes Blog Donner und Doria hier.

Leserpost (1)
Sebastian Freitag / 27.01.2017

Nullkommazwei nach oben durch ElNino. Nicht Zwei. So steht es in der von Ihnen verlinkten Quelle.

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