Wolf Lotter (Archiv) / 03.11.2006 / 18:24 / 0 / Seite ausdrucken

Naturwissenschaft? Nein Danke!

Der große Menschenkenner Georg Kreisler sang vor vielen Jahren ein schönes Lied: „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“. Man muss an dieser Stelle nicht darüber sprechen, ob Kreisler mit dem Titel seines Chansons einem Großteil der Menschheit aus der Seele gesprochen hat, aber durchaus darüber, wie Kreislers Credo in der österreichischen Politik umgesetzt wird. Dort ist man weiter als man denkt.
Warum? Eben jetzt wird – nach dem Wahlsieg der Sozialdemokraten bei den Parlamentswahlen im Oktober 2006 – eine neue Regierung gebildet, und der gehört mit großer Wahrscheinlich die rot-ökologische Hoffnungsträgerin Ulli Sima als Umweltministerin an. Die ist zurzeit als Wiener Umweltstadträtin aktiv, 38 Jahre alt und den Bürgern der Alpenrepublik auch sonst auf einschlägige Art bekannt: Als Global-2000 Aktivistin war sie ganz vorne dabei, als im Jahr 1997 das von 1,2 Millionen Österreichern zum Erfolg geführte Anti-Gen-Volksbegehren durchgeführt wurde. Seither ist in Österreich grüne Gentechnik untersagt. UIli Sima fällt das Verdienst zu, nicht nur zu den wichtigsten Promotern des Volksbegehrens gehört zu haben, sondern dem Kind auch seinen Namen gegeben zu haben: „Für ein genfreies Österreich!“
Jahre später, als Umweltstadträtin, hat Sima auch tolle Aktionen organisiert, für ein genfreies Wien etwa, hier schon mit Unterstützung der Wiener Landwirtschaftskammer. Genfrei ist geil. Wenn Ulli Sima erst Ministerin ist, ist es wahrscheinlich, dass auch die bislang nicht realisierten Teile des Volksbegehrens rasant umgesetzt werden: Aufkleber für Nahrungsmittel mit der Aufschrift „Genfrei“ zum Beispiel. Die Kronen-Zeitung, rechtskonservativer Marktführer unter den österreichischen Printmedien, fordert das seit Jahren – ein Zufall gewiss, dass der Sohn des Eigners Hans Dichand den größten Biobauernhof der Alpenrepublik besitzt. Kleine Österreicher lernen seit Jahren schon in der Grundschule, dass ihr Pausenbrot unbedingt „genfrei“ sein sollte, wie überhaupt alles, was man in den Mund nimmt. Gene sind gefährlich. Aber nicht nur die.
Im Jahr 1997, als Simas bisher größter Coup – das Volksbegehren für eingenfreies Österreich – zum Massenhit wurde, gab es bereits ganz andere, noch größere Baustellen, die unter den geänderten politischen Rahmenbedingungen heute sicher mit auf der Agenda stehen. In diesen Tagen startete die Raumsonde Cassini-Huygens auf ihren Flug durch unser Planetensystem. Das Ziel: Der Jupiter. Dorthin gelangt man nicht mit guten Worten allein. Deshalb bauten die Techniker auch einen kleinen Kernreaktor ein. Auch das nach Ulli Sima ein Skandal: Deshalb erhielten österreichische Redaktionen 1997 ein Protestfax – auf dem man gleich unterschreiben konnte, gegen ein Übel, noch größer als das Gen und von kosmischen Ausmass. Der Titel der Petition: „Für einen atomfreien Weltraum“. So weit gingen konventionelle Politikern bislang nie. Man darf hier auch fragen, ob Simas Forderungen – genfreies Österreich plus atomfreier Weltraum – nicht ein klein wenig weitreichend sind. Immerhin muss man differenzieren.
Sicher: Ein genfreies Österreich hätte in der Vergangenheit hätte unerfreuliche Biografien, die z.B. in Braunau (Sie wissen schon) oder Linz (Freddie Quinn, Frank Elstner) begannen, verunmöglicht. Laut Georg Kreislerwäre ein genfreies Wien, in seiner radikalsten Form also ein Wien oder Wiener, ein „Gewinn für den Fremdenverkehr“. Ein Weltraum ohne Atome ist hingegen schwerer vorstellbar ein Schwarzes Loch. Und aus dem wollten die Österreicher mit der Abwahl der Christdemokraten doch eigentlich rauskommen?

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