Rainer Bonhorst / 20.02.2017 / 13:56 / Foto: Ruslan Krivobok / 2 / Seite ausdrucken

Nationalhymnen: Die Russen als Meister der Krisenbewältigung

Wie man es macht, ist es verkehrt. Die Deutschen haben seinerzeit ihre Nationalhymne nicht energisch genug verändert und bekommen deshalb immer wieder Ärger mit ihr. Die Russen haben ihre Nationalhymne gleich mehrmals und ziemlich radikal geändert, und auch das löst das Fettnäpfchen-Problem nicht. Der Mensch hängt eben am Überlieferten und singt auch gerne mal ein veraltetes, nicht mehr opportunes Lied.

So litten die Deutschen Tennis-Damen Höllenqualen, als ihnen in Hawaii ein schmetterndes „Deutschland, Deutschland über alles“ entgegen tönte. Sie empfanden die falsche Strophe als „absolute Unverschämt“ und empörten sich über die Ignoranz der Amerikaner, eine Ignoranz, die sie allenfalls in einem Ort wie Timbuktu erwartet hätten.

Ich weiß nicht, was so ignorant an Timbuktu sein soll. Timbuktu ist ein altehrwürdiges, viel bewundertes Handelszentrum am Südrand der Sahara. Dort wurde schon zivilisiert miteinander umgegangen, als germanische Kampfsportler noch ungebügelt durch die Urwälder liefen. Aber das nur am Rande. Wichtiger ist die Frage: Muss man nun, folgt man den deutschen Tennis-Stars, auch den Ort Hochfilzen als ein österreichisches Timbuktu betrachten? Oder wie soll man damit umgehen, dass sich auch unsere lieben Tiroler Nachbarn mit einer Hymne vertan und den Russen ein falsches Lied präsentiert haben?

Nein, Hochfilzen ist nicht Timbuktu, denn die Russen reagierten nicht so tierisch ernst wie ihre deutschen Sportfreundinnen in Hawaii. Sie stimmten einfach selber lautstark ihre richtige Hymne an und die Biathlon-Siegesparty war gerettet.

Wie aber kann es zu solchen Hymnen-Verwechslungen kommen? Mit der deutschen ist das halt so eine Sache. Das Lied der Deutschen mit all seinen Strophen ist zwar deutlich älter als das Dritte Reich, das Absingen der ersten Strophe aber hat einen deutlich rechtsradikalen Geschmack angenommen. Allerdings ist nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch das Singen der dritten Strophe von den Besatzern nicht goutiert worden. In ihren Ohren klang auch die Melodie wie ein Relikt aus militaristischen Zeiten. Aber nach und nach gewöhnten sich die Nachbarn daran, dass die Deutschen ihr altes Lied in entschärfter Kurzform weiter sangen.

Reformen öffnen dem Irrtum Tür und Tor

Mit dieser für Ausländer nicht gleich hörbaren Hymnen-Reform ist allerdings Irrtümern Tür und Tor geöffnet worden. Bis heute hört so mancher in ferneren Landen das alte „Deutschland über alles“, weil mangels Sprachkunde das „Einigkeit und Recht und Freiheit“ nicht so deutlich anklingt, wie es bei einem Melodie-Wechsel der Fall gewesen wäre.

Dass es schwer fiel, von der schönen Haydn-Melodie zu lassen, ist verständlich.  „Heidewitzka, Herr Kapitän“ und „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, zwei Lieder, die gleich nach Kriegsende bei offiziellen Anlässen erschallten, konnten auf Dauer kein vollwertiger Hymnen-Ersatz bleiben. Beethovens „Freude schöner Götterfunke“ wäre sicher keine schlechte Wahl gewesen. Aber diese Hymne hat nun ganz Europa, jedenfalls die Union, ergriffen und das ist gut so. Wir sind schließlich Europäer des Herzens geworden, auch wenn die EU derzeit ziemlich aus den Fugen gerät. Vielleicht schafft ja Beethoven, was die Politiker nicht schaffen.

Die Russen hören weder auf Haydn noch auf Beethoven. Sie hören immer mal wieder was Neues. Zur Zeit ist es die Putin-Hymne. Davor war es die Jelzin-Hymne. Davor gab es längere Zeit die Sowjet-Hymne. Zwischendurch, als Gorbatschow den kalten Krieg beendete, sangen die Scorpions ihren „Wind of Change“, was allerdings nie den Rang einer russischen Nationalhymne erreichte. Es war mehr ein englisch gesungenes deutsch-russisches Liebeslied.

Nun gut. Was lehrt uns das Ganze? Wer so schön und so laut singen kann wie die lockeren russischen Sportler, der hat es in krisenhaften Hymnen-Situationen leichter als der grübelnde deutsche Sportler, die ja auch beim Singen von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ kaum den Mund aufkriegt. Nicht nur historische Ignoranz, auch Mundfaulheit kann zu Missverständnissen führen.     

Foto: Ruslan Krivobok/RIA Novosti CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost (2)
Wilfried Cremer / 20.02.2017

Krampf, Pathos, Peinlichkeit. Unsere Hymne ist von Gestern. Ein Wettbewerb muss her: Neuer Text*, neue Melodie. *z.B. “Seid willkommen, Millionen!”

Karla Kuhn / 20.02.2017

“Nun gut. Was lehrt uns das Ganze? Wer so schön und so laut singen kann wie die lockeren russischen Sportler, der hat es in krisenhaften Hymnen-Situationen leichter als der grübelnde deutsche Sportler, die ja auch beim Singen von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ kaum den Mund aufkriegt. Nicht nur historische Ignoranz, auch Mundfaulheit kann zu Missverständnissen führen. ” Spitze Ihr letzter Abschnitt Herr Bonhorst.  Tja , da sieht man mal wieder, wo Humorlosigkeit hinführen kann.  Ein Lob an die Russen, sie haben die Situation mit Humor gerettet.

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