Quentin Quencher / 17.11.2017 / 06:20 / Foto: Stefan Klinkigt / 7 / Seite ausdrucken

Nachhaltiger Selbstmord aus Angst vorm Tod

Bundespräsident Steinmeier wirbt dafür, dass das Pariser Klimaabkommen unumkehrbar wird. In welcher Tradition solche Forderungen nach Unumkehrbarkeit sind, verrät uns ein Blick in die Geschichte.             

Wir kennen viele Berichte, sogar aus der jüngeren Vergangenheit, die davon erzählen, dass Menschen Prophezeiungen geglaubt haben und diese für unvermeidbar hielten. Alles Handeln wurde diesen Prophezeiungen untergeordnet, die Gegenwart verliert an Bedeutung. Ganz bekannt sind in diesem Zusammenhang auch Extreme, die bis zu Selbsttötungen gingen, vor allem in von apokalyptischen Vorstellungen geprägten Sekten.

Meist sind dies einzelne Gruppen, die sich aber aus der Gesellschaft ausgrenzen und diese nicht wesentlich beeinflussen. Ganze Völker oder Kulturen tun dies eher selten, doch es kommt vor; und wenn, dann ist meist, wie in der biblischen Apokalypse, damit ein Heilsversprechen verbunden.

Die Nazis versprachen dem deutschen Volk eine glorreiche Zukunft, genauso wie Kommunisten oder Maoisten. Nirgends wurden die Versprechungen eingelöst. Es endete überall in der Selbstzerstörung der Gesellschaft, bis hin zur physischen Vernichtung nicht nur der angenommenen Feinde. Ein sehr anschauliches Beispiel, wie diese Mechanismen ablaufen, stammt aus Afrika. Ein südafrikanischer Viehzüchterstamm löschte sich beinahe selbst aus. Wie konnte das passieren?

Die Xhosa lebten teilweise unter britischer Herrschaft, teilweise wurden sie von den Buren bedrängt. Insgesamt eine recht ungute Situation. Im Jahr 1856 begannen sich Bewegungen zu verbreiten, deren Anhänger glaubten, in der Auseinandersetzung mit den Weißen würden sie nun Verstärkung von ihren Toten bekommen. Propheten traten auf, die behaupteten, mit den Toten in Verbindung zu stehen. Bevor die Toten aber in den Kampf mit ihren Feinden eintreten, müssten erst noch einige Vorbedingungen erfüllt werden. Dazu gehörte, dass alles Vieh geschlachtet und alle Vorräte vernichtet werden müssen.

Das vergebliche Warten auf das rettende Geisterheer

Nun muss man bedenken, dass das Vieh der größte Reichtum dieses Volkes war. Die Propheten verlangten praktisch, dass sich das Volk der Xhosa um seine eigenen existenziellen Grundlagen bringt. Nicht alle haben da sofort mitgemacht, es gab auch bedächtige Stimmen, doch diese gerieten immer mehr in die Minderheit. Und schließlich gaben auch diese nach, dem Befehl der Propheten wurde gefolgt, und als das letzte Tier geschlachtet und das letzte Korn vernichtet war, erwarteten die Xhosa die Ankunft des Geisterheeres, das sie in den siegreichen Kampf begleiten sollte.

Der Rest ist schnell erzählt. Das Geisterheer erschien nicht. Auch die versprochenen Felder von Hirse, reif und zum Verzehr bereit, sprangen nicht aus dem Boden. Missionare und Agenten der Regierung hatten erfolglos versucht, die Xhosa von ihrem Tun abzubringen, die Kraft der Visionen war stärker. Nun brachen Verzweiflung und Hunger aus. Nichts mehr war zu spüren von der Euphorie der vergangenen Monate, die Vision hatte sich als falsch erwiesen. Eias Canetti fasst das Ende so zusammen:

Während des Jahres 1857 sank die Bevölkerung des britischen Teils des Xosa-Landes von 105.000 auf 37.000. 68.000 Menschen waren hier umgekommen. Dabei war das Leben von Tausenden durch Getreidevorräte gerettet worden, die die Regierung hier angelegt hat. Im freien Teil, wo es keine solchen Vorräte gab, kamen relativ noch mehr Menschen um. Die Macht des Xosa-Stammes war vollkommen gebrochen (Ellias Canetti, Masse und Macht, Die Selbstzerstörung der Xosas)

Elias Canetti untersuchte diesen Fall vor allem im Hinblick auf die Macht der Toten, die in der geistigen Vorstellungskraft vieler Kulturen eine herausragende Rolle spielen. Doch man kann diese Vorgänge auch dahingehend betrachten, dass derartige Mechanismen durch andere Heilserwartungen ausgelöst werden. Das muss nicht unbedingt religiös begründet werden. Von Hernán Cortés wird berichtet, dass er nach der Ankunft in der Neuen Welt seine Schiffe verbrannte, um seine Männer höchstmöglich zu motivieren. Ein Rückzug sollte ausgeschlossen werden.

Am Anfang steht eine Vision. Mehr nicht. Manche mögen sich für diese Vision begeistern, daran glauben, aber bei vielen herrscht auch Zweifel vor. Doch ist die Bewegung erst einmal stark genug, dann reißt sie auch die Zweifler mit. Unverzüglich beginnt man mit der Zerstörung dessen, von dem man glaubt, es steht dem großem Ziel entgegen. Völlig unwichtig dabei ist, welche Auswirkungen dies in der Gegenwart auf die Menschen hat. Hauptsache man hat zerstört, was einen Rückweg möglich machen würde.

Die Xhosa vernichteten ihren Reichtum für eine Vision

Hier kann man nun eine Brücke zu den grünen Zukunftsvisionen schlagen. Von unumkehrbaren Entscheidungen ist die Rede, bestehende Infrastruktur wird zerstört, ohne einen angemessenen Ersatz zu haben. Dieser wird in der Zukunft erwartet, wenn die gegenwärtigen Abhängigkeiten überwunden sind und alles schön dezentral, nachhaltig und ökologisch ist. Nebenbei entsteht auch noch ein größeres Zufriedenheits- und Glücksgefühl.

Das Vieh war der Reichtum der Xhosa. Sie vernichteten ihren Reichtum für eine Vision. Was sie damit bezwecken wollten ist erst einmal nebensächlich, der Hauptpunkt ist, sie glaubten den Versprechungen, mit dieser Handlung werde die Zukunft eine bessere sein.

Unser Wohlstand beruht auf dem Umstand, dass wir fossile Bodenschätze nutzen, zur Energieerzeugung und zur Produktion aller möglicher Güter. Dabei haben wir gelernt, schon aus ökonomischen Gründen, mit diesen Ressourcen immer sparsamer umzugehen, so effektiv wie möglich. Neuere, effektivere, Technologien lösten veraltete ab. Nun sagen uns aber die grünen Visionäre, dass wir diesem Verhalten abschwören sollen, die Welt fliegt uns sonst um die Ohren, oder so ähnlich.

Weniger Autos sind besser als mehr, Diesel geht gar nicht, ineffektive Technologien wie die sogenannten "Erneuerbaren" sind besser als effiziente, und so weiter. Mit der Umstellung habe man sofort zu beginnen, auch wenn viele Fragen noch unbeantwortet sind. Dass dies nicht ohne Wohlstandverluste zu machen ist, wissen die Visionäre. Sie haben Angst, dass sich die Bevölkerung eines Besseren besinnt, und wollen deshalb vollendete Tatsachen schaffen. Die Forderung nach Stopp der Forschung zur Entwicklung neuer Kernreaktoren gehört dazu, oder eben generell Prozesse unumkehrbar zu machen, meist mit dem Begriff "Wende" umschrieben. Es ließen sich noch beliebig viele tagesaktuelle Beispiele nennen.

Uns sollte das Schicksal der Xhosa ein warnendes Beispiel sein. Hier können wir sehen, was passiert, wenn man Visionären und falschen Propheten folgt, die zwar eine bessere Zukunft versprechen, dafür aber Verzicht in der Gegenwart fordern. Wenn wir unseren Wohlstand leichtfertig hergeben, dann ist er weg und kommt auch nicht so schnell wieder. Wie das Vieh der Xhosa. Auf jeden Fall aber, sollten wir besonders wachsam sein, wenn von unumkehrbaren Entscheidungen die Rede ist, Zukunftsvisionen haben es so in sich, dass sie sehr oft falsch sind. Und dann?

Dies ist eine ergänzte Version eines bereits 2012 auf Quentin Quenchers Blog Glitzerwasser erschienen Beitrags.

Redaktioneller Nachtrag: Eine ziemlich erhellende inhaltliche Besprechung der Steinmeier-Rede, in der in einzelnen Passagen aufgeworfene Behauptungen mit den Fakten abgeglichen werden, findet sich hier.

Foto: Stefan Klinkigt

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Leserpost (7)
Dietmar Schmidt / 17.11.2017

Lieber Herr Quencher ich habe Masse und Macht vor 40 Jahren gelesen und hätte die Brücke zu heute nicht geschlagen. Aber Sie haben recht irgendwie ist es schon vergleichbar mit dem was heute versucht wird. Mit einem Unterschied, die Untergangspropheten habe bis heute, mit ihren Vorhersagen, nicht recht behalten, d.h. wir müssten es eigentlich besser wissen. Aber das mit dem Untergang mit dem Klima liegt noch etwas in der Zukunft, d.h. wiederum man kann alles behaupten und die Fehlprognosen aus der Vergangenheit werden natürlich totschwiegen und sind daher in Vergessenheit geraten. Also doch, Elias Canetti lässt grüßen. Prima gemacht, der Artikel. Gruß D. Schmidt

Georg Dobler / 17.11.2017

Es gibt für die an der Spitze unser Staates stehenden Verantwortlichen kein anderes Thema mehr gibt als den Klimawandel und die CO2-Verhinderung. In Wikipedia steht um Pariser Abkommen “(...) muss die Verbrennung fossiler Energieträger bis ca. 2040 komplett eingestellt werden und die Energieversorgung – d. h. Strom, Wärme und Verkehr – in diesem Zeitraum vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt werden.” Wer an so etwas glaubt muss schon seinen gesunden Verstand verloren haben. Aber es ist ja durch ungehemmten Medienpropaganda gelungen jeden Skeptiker in die Reihen der Bösen einzuordnen. Um die tatsächlichen Herausforderungen kümmert sich niemand mehr. Neulich war eine von Arte-France produzierter Film hier bei Arte zu sehen, in dem berichtet wird, dass in Amerika und Europa die Intelligenz der Neugeboren deutlich zurückgeht, verursacht durch Umweltgifte des Alltages. Weiterhin wird bekannt dass uns eine Altersarmut wegen niedriger Renten bevorsteht während Österreichische Rentner im Durchschnitt 800,- Euro monatlich mehr haben als Deutsche. Letzteres gesendet im SWR, Sendung “mal ehrlich” vor der Wahl. Das alles juckt unsere Führung nicht. Hauptsache Temperatur und Fidschi-Inseln.

Aljosha Klein / 17.11.2017

Und dann? Dann heizen wir halt mir Grünen-Politikern und Klima-Propheten, wäre doch nur recht und billig.

Roland H. Müller / 17.11.2017

Es geht nicht um Klimawandel, der dient nur als Vorwand, um im Kampf “gegen den fossil-nuklearen Kapitalismus” das eigentliche Ziel zu erreichen, “die Spielregeln einer Wirtschaft zu ändern, die auf grenzenlosem Wachstum und Ressourcenverbrauch aufbaut. Dazu braucht es selbstbestimmte Lebensweisen als Alternative zu überflüssigem Konsum.”

beat schaller / 17.11.2017

Das ist die Kunst, wie bei der “Sekundenwerbung” immer wieder Dinge einfliessen zu lassen, ohne dass die “Opfer” das bewusst wahrnehmen. Das ist “Fake in Reinkultur”.!!! Die Rede wurde von einem Sekundanten genau auf diesen Zweck hin geschrieben! Mit Bezahlung natürlich, weil der Steuerzahler ja seinen Selbstmord im Voraus begleichen muss. Herzlichen Dank dass Sie die Rede im Einzelnen so hervorragend demontiert haben. Grosse Klasse. b.schaller

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