Vera Lengsfeld / 11.05.2017 / 14:00 / 4 / Seite ausdrucken

Moskau am Tag des Sieges

Ich bin in Moskau, um mir die Feierlichkeiten zum Tag des Sieges anzuschauen und den von der Zivilgesellschaft initiierten Marsch des „Unsterblichen Regiments“ mitzumachen. Auf diesem Marsch, der zum ersten Mal 2007 in der westsibirischen Stadt Tjumen durchgeführt wurde und seit 2010 auch in Moskau stattfindet, werden die Kriegsteilnehmer von ihren Familienangehörigen geehrt.

Ich kenne Moskau, seit ich 1967 das erste Mal mit meinen Eltern da war. Es war Februar, die Temperaturen bewegten sich um die  minus 10 Grad Celsius. Die Stadt erschreckte mich. Ein braun-graues Steinmeer, bestückt mit Losungen, die auf alle nur denkbaren Weisen vom Sieg des Sozialismus und die Unschlagbarkeit des Marxismus-Leninismus kündeten.

Meine Schwester und ich wurden in unseren neuen Nylonkutten sofort als Westler identifiziert (so sah man in der SU die DDR) und permanent angesprochen. So kamen wir schnell mit Jugendlichen in Kontakt, was im Plan des Reisebüros nicht vorgesehen war. Während meine Eltern im GUM, dem berühmten Kaufhaus am Roten Platz nach Gold und Kaffee anstanden, ,der unglaublich billig und zehn Jahre später bereits aus den Geschäften verschwunden war, lernten wir die Schrecken der Moskauer Kommunalwohnungen kennen, in die uns die Jugendlichen einluden.

Ich sprach damals  fließend Russisch und hatte keine Verständigungsprobleme. Heute weiß ich, dass in diesen Kommunalkas im Zentrum eher die Privilegierten wohnten, auch wenn eine Familie sich ein Zimmer und Bad und Küche mit andern Familien teilen musste. Die anderen wohnten in den endlosen Vorstädten, durch die wir vom Flugplatz kommend gefahren waren.

Heute ähneln diese Vorstädte eher amerikanischen Stadtrandbebauungen. Die Hochhäuser sind heller geworden und die Straßenränder sind mit schreienden Riesenreklamen, oft als Videos, vollgepflastert. Wir passieren das Denkmal der Panzersperren. Früher wurde allen Reisegruppen erklärt, bis zu diesem Punkt hätten es die Deutschen geschafft, dann wurden sie zurückgedrängt. Stimmt nicht, meint mein Begleiter Saadi. Die Wehrmacht wurde schon vierzig Kilometer vor Moskau angehalten. An dieser Stelle gab es zwar Panzersperren, aber die wurden nie gebraucht. So wird aus Geschichte Legende.

Die Lubjanka strahlte in sonnengelb und rot

Gleich nach der Stadtgrenze hören die Werbungen fast auf. Ich war sehr gespannt auf die Stadt, die ich zum letzten Mal 2004 besucht habe. Schon damals war ich beeindruckt, in welchem Tempo Moskau seine alte Schönheit zurückerlangte. Jetzt war ich überwältigt. Wir fuhren die Twerskaja entlang, die frühere Gorkistraße und sahen fast ausschließlich sorgfältig restaurierte Gebäude.

Ich musste daran denken, welches Schicksal der ehemalige Chef des Bauhauses Hannes Meyer der Hauptstadt der Sowjetunion zugedacht hatte. Stalin hatte ihn damit beauftragt, einen Plan für den Umbau zu entwickeln. Meyer präsentierte einen radikalen Vorschlag: Rund um den Kreml sollte alles abgerissen und wie Tortenstücke ein Dutzend Stadtteile gruppiert werden: Ein Stadtteil für die Sportler, einen für die Wissenschaftler, einen für die Musiker, einen für die Maler, einen für die Arbeiter und so weiter. Das war selbst Stalin zu totalitär. Er entband Meyer von seiner Aufgabe und bestellte zwei Lieblingsarchitekten des ermordeten Zaren, die den berühmten Zuckerbäckerstil schufen.

Das berüchtigte Hotel Lux, in dem die kommunistischen Emigranten aus ganz Europa untergebracht waren, bis sie im Lager oder den Erschießungskellern landeten, war unter einer Bauplane verdeckt. Dafür strahlte die gefürchtete Lubjanka, die Zentrale der sowjetischen Geheimpolizei, in sonnengelb und rot.

Später fuhren wir die Moskwa entlang, am „Haus am Ufer“ vorbei, das im originalen Grau-Beige immer noch die kommunistische Tristesse ausstrahlt. Hier wohnten Regierungsmitglieder, Armeeführung und höchste Parteifunktionäre in großen Wohnungen mit Personal, bis sie von den Schergen der Staatssicherheit abgeholt und liquidiert wurden.

Unter anderen lebte der General Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski hier, legendärer Bürgerkriegsheld, Liebhaber von Musik und schönen Ballerinen, Schutzengel von Dimitri Schostakowitsch, bis er sich selbst nicht mehr schützen konnte. In seine Wohnung zog ein anderer General. Juri Trifonow beschreibt in seinem Roman „Das Haus an der Moskwa“, wie sich seine Bewohner in Erwartung ihrer Verhaftung nur noch vollständig bekleidet ins Bett gelegt oder sich mit Koffer gleich neben dem Fahrstuhl postiert haben, damit die Familie nicht gestört würde, wenn sie abgeholt werden.

Die Erlöserkathedrale wurde durch ein Schwimmbad ersetzt

Die mit Blick über den Fluss zum Kreml wohnten, haben vielleicht nächtliche Bittgebete in Richtung des Fensters geschickt, hinter dem jede Nacht das Licht bis zum frühen Morgen brannte. Die in der zweiten Reihe untergebracht waren, sahen vor ihren Fenstern eine kleine Kirche. Aber auch der Gott, den sie längst abgeschafft hatten, konnte ihnen nicht helfen.

Die Erlöserkathedrale, die gegenüber dem Wohnhaus der Bonzen gestanden hatte, war auf Befehl Stalins abgerissen und durch ein Schwimmbad ersetzt worden. Diese Schwimmhalle hatte ein Außenbecken, in dem man auch im tiefsten Winter schwimmen konnte, was ich 1967 getan habe. Durch den enormen Unterschied zwischen Außen- und Wassertemperatur war die Halle in tiefsten Nebel gehüllt. Als Schwimmer sah man einen anderen Schwimmer oft erst im letzten Moment oder erst beim Zusammenstoß.

Schon kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetherrlichkeit wurde die Kathedrale mit ihren goldenen Kuppeln wieder errichtet und spiegelt sich heute im Fluss, als wäre sie nie weg gewesen. Moskau glänzt, als wäre es die Hauptstadt eines Imperiums, aber das Imperium ist nicht mehr da.

Am Vormittag findet die traditionelle Militärparade zum Tag des Sieges statt. Dafür wird der Rote Platz weiträumig abgesperrt, was tausende Menschen, vor allem junge, daran hindert, dem Ereignis nahe zu kommen. Nachdem die Uhr auf dem Spaskiturm vernehmlich geschlagen hat, beginnt die Parade mit einem weithin vernehmbaren dreifachen „Hurra!“. Die Generalität sitzt in offenen Kübelwagen, mindestens ein General bekreuzigt sich, als der Wagen unter einem Kremltor durchfährt, über dem ein Heiligenbild angebracht ist. Neu ist auch, dass Staatschef Putin nicht auf einer Tribüne sitzt, sondern auf die Kriegsveteranen zugeht und sie begrüßt. Das scheint eine Referenz an die Stimmung in der Bevölkerung zu sein. Nachdem die Parade den Roten Platz passiert hat, werden die Kanonen an der Kremlmauer abgeschossen, als Erinnerung  an die Kanonade bei Kriegsende.

Die Angehörigen entreißen die Gefallenen der Instrumentalisierung

Am frühen Nachmittag versammeln sich die Demonstrationsteilnehmer für den Marsch des „Unsterblichen Regiments“ am Puschkinplatz. Viele haben Schilder mit Fotos ihrer Familienangehörigen in den Händen, weiß-rote Luftballons, die russische Nationalflagge oder die Fahne der Roten Armee. Andere halten die Bilder ihrer Lieben im Arm, so wie sie von der Wand genommen wurden. Man liest auf den Aufschriften, wie lange der Soldat oder die Krankenschwester gedient haben. Manchmal, wann sie gefallen sind. Ein "19.. " mit fehlender Jahreszahl deutet an, dass derjenige vermisst gemeldet wurde. Es ist ein rührender Anblick. Viele der Gesichter auf den Fotos sind erschreckend jung. Schon mit 17 Jahren wurden die Soldaten an die Front geschickt. Es sind auffällig viele Mittelasiaten und Sibiriaken dabei. Besonders gegen Ende des Krieges wurden immer neue „frische“ sibirische Verbände im Krieg verheizt.

Nicht die Generäle, schon gar nicht der Generalissimus, haben den Krieg gewonnen, sondern diese Menschen. Es hat sehr lange gedauert, bis sie die Ehrung erfahren haben, die sie verdienen. Die Millionen Toten wurden vom Sowjetregime als „Heldentote“ instrumentalisiert und damit der Gesellschaft entrückt. Mit diesem Marsch der Angehörigen werden sie zurück geholt. Im letzten Jahr hatten sich 600 000 Menschen spontan versammelt. In diesem Jahr sollen es 750 000 gewesen sein.

Die Stimmung war keineswegs feindselig. Wir konnten Deutsch reden, ohne ohne auch nur einen bösen Blick zu ernten. Überhaupt sind die Menschen höflich, freundlich und rücksichtsvoll. Moskau ist auffallend sauber. Keine Spur von Verwahrlosung. Der Rote Platz als Müllhalde, zu der sich der Alexanderplatz entwickelt hat, ist undenkbar. Keine Graffiti verunzieren die sorgfältig restaurierten Gebäude. Auch die Züge und die Bahnhöfe der Metro sind frei von herumliegenden Flaschen, Tüten oder gar Essensresten, wie es bei uns üblich geworden ist. Die Jungen machen den Alten höflich Platz. Mein Begleiter bekam fast Herzrasen, als ein hübsches Mädchen für ihn aufstand.

Als der Zug in den Roten Platz einbog, erwartete uns eine Überraschung. Das Leninmausoleum, auf dessen Dachterrasse sich in den vergangenen Jahrzehnten die Partei- und Staatsführer und ihr Gefolge präsentiert hatten, war hinter einer großen bunten Wand verschwunden. Auf den Bänken vor dieser Wand saßen die Kriegsveteranen, denen von den Vorbeiziehenden für ihren Einsatz und ihren Sieg gedankt wurde. Ein spontanes „Spasibo“ aus tausenden Kehlen. So belohnt die Zivilgesellschaft die von der Politik Vergessenen.

Leserpost (4)
Daniel Oehler / 11.05.2017

Buchempfehlung: Max Spielmann, Russische Impressionen (mit Text in deutsch, russisch, englisch, französisch) Max Spielmann hat als Soldat der Wehrmacht an der Ostfront heimlich Zeichnungen des Leidens und Sterbens der Soldaten und Zivilisten abgefertigt. Motive: Osternacht unter deutscher Besatzung, Knochen nagende Kinder am Verbandsplatz, sterbende Soldaten im Lazarett, Flüchtlinge, Deportation, zerlumpte und bettelnde Kinder, Menschen vor ihren zerstörten Häusern, Fischer am Asowschen Meer. Dieser Bildband ist den Soldaten gewidmet, die diesen Krieg überlebt haben und ihn nicht vergessen können. Das Buch erinnert an das Büchlein “Krieg dem Kriege” von Ernst Friedrich aus dem Jahr 1924, dass allerdings nicht aus Zeichnungen, sondern aus Fotos besteht. Es sei hier an den Kommentar Wellingtons am Ende der Schlacht von Waterloo erinnert: Next to a battle lost, the saddest thing is a battle won. Im Film “Waterloo” sagt er diese Worte beim Ritt über das Schlachtfeld nach dem Ende der Kämpfe Angesichts zigtausender Toter, Sterbender und Verwundeter.

hubert paluch / 11.05.2017

Anrührende Reportage über ein Volk mit trauriger Geschichte und wohl leider auch trauriger Zukunft.

Dirk Jungnickel / 11.05.2017

Dieser Reisebericht, liebe Vera Lengsfeld, macht mich ein wenig ratlos. In Moskau war ich in den siebziger und achtziger Jahren des öfteren. Unsere damaligen äußeren Eindrücke decken sich. Allerdings war ich beruflich dort und durfte die deutsch - sowjetische Freundschaft insofern direkt erleben, als wir als DEFA - Mitarbeiter offiziell Co -Produzenten von Mosfilm (oder Lenfilm) waren, denen von den Sowjets möglichst viel Geld aus der Tasche gezogen wurde und denen immer besonders ” fachkundige ” Russen zur Seite gestellt wurden. Sie hatten vom Drehprozess keine Ahnung, dafür bespitzelten sie uns ungeniert. Was uns unterscheidet: Keine zehn Pferde brächten mich ausgerechnet nach Moskau, wo es doch weitaus lohnendere Reiseziele gibt. Auch kann ich nicht nachvollziehen, was an dem Marsch des “Unsterblichen Regiments” erlebenswert ist. Schon der Terminus liegt außerhalb meiner rhetorischen Reichweite. Vielleicht haben Putins Trolle eine Legende von einer Initiative der Zivilgesellschaft in die Welt gesetzt ? Unmöglich ist es nicht. Ebenso wie die Legende von den Panzersperren, die ich allerdings für marginal halte. Angesichts der verlogenen Kreml - Politik derzeit und der grasierenden Geschichtslegasthenie hätten sich wahrlich in Russland andere Themen finden lassen, zum Beispiel das jugendliche Protestpotential, von dem man hört. Dass der Herrscher sich herab lässt und sich im Gegensatz zu seinen Vorgängern persönlich auf die Kriegsveteranen zu bewegt, scheint Sie ja sehr beeindruckt zu haben. Interessant wäre es gewesen zu erfahren, ob die “Zivilgesellschaft” diesmal auf Stalinkonterfeis verzichtet hat. Übrigens : Auch in unseren Kirchen dürfte niemand eine Kippe wegwerfen. Mindestens so heilig ist der Rote Platz. Ich habe erlebt wie ein Kollege dort wegen einer solchen ” Tat ” einen strengen polizeilichen Rüffel erhielt. Bitte verzeihen Sie mir, aber da ist mir der schmutzige Alex ohne Heiligenschein tausendmal lieber. Und ein Bericht über russische Politik von Boris Reitschuster ebenso.  

Peter Zentner / 11.05.2017

Liebe Frau Lengsfeld! Es ist immer interessant und erhellend, Ihre Artikel und (wie soeben wieder) Ihre Reiseberichte zu lesen. Vielen Dank! Vermutlich muss man wie Sie *beide* Seiten des Eisernen Vorhangs kennengelernt haben, um das heutige Mittel- und Osteuropa zu verstehen.

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