Alexander Wendt / 22.12.2017 / 15:55 / Foto: Oliver Cossalter / 17 / Seite ausdrucken

Mit Moral-Kitsch hinter die Weihnachts-Tanne

In seinem Buch „Das Blöken der Wale. Die Linke und der Kitsch“ fächert Gerhard Henschel viele Kapitel auf. Aber es gibt, von heute besehen, eine Lücke: Zu „Linke und Weihnachten“ finden sich nur Marginalien. Damals, 1998, war das auch angemessen. Heute ist es ein eigenes Großthema. Mit der Unvermeidlichkeit von Whams „Last Christmas“ versorgen die Politiker des Guten in den vierzehn Tagen vor Weihnachten die Öffentlichkeit mit ihrem Klingelsound. George Michael ist wenigstens gleichmäßig schlimm. Die Linken steigern sich mit ihrem Weihnachtskitsch von Jahr zu Jahr.

Den Anfang machte heuer die „Spitzentörin“ (Michael Klonovsky) Katrin Göring-Eckardt mit einem Facebook-Posting zu Nikolaus:

„Es ist ein #Türke unterwegs, mit spitzem Hut. Ist etwas auffällig anders und soll Dinge an Arme verschenken. Vorsicht!“

Nun lebte der Namensgeber des Nikolausfestes Nikolaus von Myra zwischen dem Ende des 3. Jahrhunderts und Mitte des 4. Jahrhunderts in einem damals noch christlich-hellenisch geprägten Kleinasien, er war Lykier, Türken als Volk existierten zu seiner Zeit nicht, eine Türkei schon gar nicht. Göring-Eckardt gibt in ihrer Biografie an, sie hätte sich in den Neunzigern für ein paar Semester in der Theologischen Fakultät der Uni Leipzig eingeschrieben. Entweder stimmt selbst das nicht, oder sie hält die Öffentlichkeit für eine Art erweiterte Grüne Jugend.

Jedenfalls wollte die stellvertretende Linken-Vorsitzende Janine Wissler nicht zurückstehen, und zwitscherte vor kurzem:

„Bei einer Weihnachtskrippe ohne Araber, Afrikaner, Juden und Flüchtlinge bleiben bekanntermaßen nur Ochs und Esel übrig.“

Bekanntermaßen.

Kein multikulturelles Migrantenfestival in Bethlehem

Genaugenommen ist die nächste Exegetin immer nur einen Tweet weit entfernt.

„Genaugenommen“, sekundiert die Linken-Bundestagsabgeordnete Caren Lay, „ein Kind von jüdischen Flüchtlingen, die niemand aufnehmen wollte. Darum geht’s an Weihnachten.“

Jedenfalls für Politikerinnen, die nie das Lukas-Evangelium gelesen haben:

„Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.

Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ward schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, da sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

Josef und Maria brechen also nicht als Flüchtlinge auf, sie begeben sich in Josefs alte Heimat Bethlehem, um sich dort in das römische Steuerregister eintragen zu lassen. Sie sind auch nicht von niemand aufgenommen worden, sondern bekommen Platz im Stall der Herberge. Übersetzt in das Gegenwärtige heißt das: das Hotel war fast ausgebucht, weil sehr viele zu der Steuerregistrierung unterwegs waren. Für die beiden gab es also nur ein schlechtes Zimmer. Besonders groß fielen nämlich die Unterschiede zwischen Stall und Zimmern seinerzeit nicht aus: dort schlief man auch auf Matten oder Strohschütten.

Araber und Juden stellten die größten Bevölkerungsgruppen in der römischen Provinz Palästina; bei dem Afrikaner handelte es sich um einen durchreisenden König. Mit anderen Worten, es fand in und um den Stall kein multikulturelles Migrantenfestival statt.

Flüchten musste die heilige Familie erst nach dem Kindermord von Bethlehem. In Ägypten fanden sie Aufnahme, solange sie sich in Gefahr befanden. Also: „Jüdische Flüchtlinge, die niemand aufnehmen wollte“, waren sie weder da noch dort.

Ein wohlmeinendes Internet-Meme ganz ähnlicher Güte zählt die Zutaten im Christstollen wie Zitronen, Sultaninen, Mandeln, Vanille und anderes auf, und belehrt uns:

„Ohne fremde Kulturen bleibt nur Brot übrig“.

Sind Mandeln eine „Kultur“?

Was schon dumm genug ist: Stollen sind schließlich keine Bäckerbrote mit Mandeln und Rosinen. Fast alle Stollen-Ingredenzien gedeihen außerdem in Europa. Was ist also daran „fremd“? Und vor allem: sind Mandeln eine „Kultur“? Oder nicht vielmehr ein Produkt, das schon seit Jahrhunderten gehandelt wird?

In Saudiarabien ist die gesamte technische Moderne aus dem Westen und Asien importiert, vom iPhone bis zum Panzer. Nach der linken Korrektness-Lehre wäre das wahabitische Königreich also eine westlich-chinesische Mischkultur.

Die Argumentation ist so dämlich, als würde jemand sagen: Weil Grüne auf ihren Rechnern Software aus den USA benutzen, müssen sie auch Trump gut finden.

In Wirklichkeit geht es den Autoren dieser Weihnachtstraktate allerdings gar nicht um die Bibel oder kulturelle Debatten. Sondern um das Spezialgebiet der Linken: moralische Erpressung. Wenn du den Kindern etwas in den Nikolausstiefel steckst, wenn du ein Krippenspiel besuchst, wenn du Stollen isst, so die Botschaft, dann musst du auch unsere Migrationspolitik schlucken.

Josef, Maria und Jesus, die nach Ägypten fliehen mussten, würden heute unter die klassische Definition eines Asylsuchenden fallen. Die Zahl der anerkannten Asylbewerber lag 2016 bei 0,3 Prozent aller Migranten. Praktisch niemand bis auf ein paar randständige Schrate will echten politisch Verfolgten und tatsächlichen Kriegsopfern Hilfe verweigern. Den linken Weihnachtspredigern geht es mit ihren Volksbelehrungen darum, die wachsende Kritik an der Kategorienverwischung zwischen Verfolgten, Migranten und schlichten Beutegreifern zu überklingeln.

Bemerkenswerterweise kommen Göring-Eckardt, Wissler et al. auch gar nicht auf die Idee, selbst einmal in der christlichen Frühgeschichte und der Bibel nachzulesen oder sich Gedanken über den Begriff Kultur zu machen. Sie benutzen für die tagespolitische Moralagitation auf links gedrehte Bruchstücke, für deren Ursprung sie sich selbst keine Sekunde interessieren.

Es gibt den schönen Satz: Wenn Linke etwas von Wirtschaft verstünden, wären sie nicht links.

Für Kultur gilt das auch.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Alexander Wendts Publico hier.

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Leserpost (17)
M. Koecher / 23.12.2017

Ich gebe zu, ich habe meinen (Israel) Finkelstein noch nicht gelesen. Araber* wären mir in der römischen Provinz Palästina bis dato allerdings neu. Selbst von arabischen “Razzien” hab ich für diese Zeit noch nichts gehört. Mal abgesehen davon, dass besagte Provinz erst ca. 60 Jahre nach Jesu Geburt so tituliert wurde. Streicht man also die Araber, fehlt in der Krippe: Evtl. nichts. Evtl., da man munter deuten kann, woher drei “Weisen aus dem Morgenland” wohl gekommen seien. Ursprünglich angeblich aus “Babylonien” oder Persien. Bis zum Hochmittelalter wurden daraus die Vertreter der Erdteile Asien, Europa und Afrika. Streicht man also die im Artikel Genannten blieben u.U. ein Europäer und ein Perser übrig. Neben Ochs und Esel, falls die nicht aus dem Süden importiert wurden. Einen Nazi würde man vllt. an “und in der Krippe läge noch Gottes Sohn” erkennen. Der war nach einer auf die Dauer von 12 Jahren(?) beschränkten Deutung angeblich kein Jude. Möglicherweise aber Kosmopolit..? *) Die gesamte Region sprach seinerzeit Aramäisch, auch Jesus. Das machte aus Jesus und anderen aber keine Aramäer. Als das Aramäische nach der islamischen Expansion zugunsten des Arabischen zurückgedrängt wurde, machte das entsprechend keine Araber. Erst in der Neuzeit verstehen sich nichtjüdische Bewohner der Region als Araber statt als Syrer. PS: Nikolaus von Myra ein Türke..? Nach dieser Logik wären alle (jemals) auf dem Gebiet des Staates Israel Lebenden dann Israelis. Jesus: Israeli. Gottfried von Bouillon: Israeli. usw. usf. Und Kant war… Russe! Manchmal beschleicht mich der unheimliche Verdacht, KGE und Co. polemisieren nicht einfach, nein sie meinen alles so, wie sie es sagen…

Gertraude Wenz / 23.12.2017

Ganz davon abgesehen, dass die Geburtsgeschichten Jesu allesamt nicht historisch sind, sondern in späteren Zeiten frei erfunden, also fake news.

Rainer Nicolaisen / 23.12.2017

Solche Grünen sind schlicht dumm, ungebildet, kulturlos und ideologievoll. KGE am liebsten immer vorneweg im Sinne: Die (geistig) letzen wollen die ersten sein. Man müßte sie mit husch, husch einfach verscheuchen können. Keinespielung auf Hühner - die sind ziemlich schlau.

Dr. Ralph Buitoni / 23.12.2017

Treffende Kritik, aber es bleiben doch zwei wichtige Korrekturen: “Araber” gabs damals in “Palästina” überhaupt nicht - allenfalls als durchreisende Händler und Karawanenführer. Araber gabs damals nur auf der arabischen Halbinsel, bzw. noch im angrenzenden Nabatäerreich, das aber erst Jahrzehnte nach Jesu Tod zur römischen Provinz “Arabia” wurde. Zweitens: auch ein Palästina gabs damals nicht, sondern nur Judäa (bzw. die beiden Judäas diesseits und jenseits des Jordans), Samaria und Galiläa, sowie das benachbarte Syria - erst als nach dem jüdischen Aufstand gegen die römische Oberherrschaft die relaltive Autonomie des jüdischen Herrschaftsraumes zerstört wurde wurde das ganze Gebiet als moralische Strafe - der “damnatio memoriae” (die Zerstörung der Erinnerung) - als “Palästina” der römischen Provinz Syrien zugeschlagen. Araber gabs da aber auf Jahrhunderte immer noch nicht , weder in “Palästina” noch in Syrien.

Christoph Kaiser / 22.12.2017

Jochen Malmsheimer meinte einst in einem Programm: “Wer einem Fußballer eine solche Frage stellt darf sich nicht wundern, Zeuge eines Antwortversuchs zu werden.” ... liesse sich folgendermassen umformulieren: “Wer solche Nannies auf die politische Bühne hievt darf sich nicht wundern, .............” MfG

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