Dushan Wegner, Gastautor / 08.10.2015 / 09:12 / 4 / Seite ausdrucken

Merkels TV-Auftritt: Wille ohne Weg

Von Dushan Wegner

“Den Plan kann ich nur geben, wenn ich einen habe”. Eine rhetorische Analyse.

Das rhetorische Markenzeichen Wolfgang Schäubles ist die kompetente Begründung. Schäuble fordert diese oder jene Rettung – und schiebt dann schwäbelnd seine Erklärungen hinterher.

Wer begründet, erscheint kompetent. Dabei ist es nicht unbedingt hinderlich, wenn der Zuhörer die Begründung nicht versteht – im Gegenteil. Gerade wenn der Zuhörer überfordert oder schlicht gelangweilt ist, schaltet er ab und gibt freiwillig alle notwendige Autorität an den Begründer.

Dieser Talkingpoint-Trick hat einige Tücken, auf die man achten muss. Sonst geht es einem wie Bernd Lucke, dem man gleichzeitig das Populisten– und trockener-Professor-Etikett anheftete. Doch im Groben ist das die Essenz: Wer begründet, erscheint kompetent.

Als Angela Merkel am 7. Oktober 2015 via Anne Will zum deutschen Volk sprach, hat sie diesen Kompetenz-Effekt eingesetzt, doch es war scheinbar von ihren Spin-Docs anders geplant gewesen.

Zu Beginn des Gesprächs mit Anne Will setzt Merkel noch ausschließlich auf die üblichen Merkelismen. Etwa: »Wir sind ein Land, in dem ganz viele Menschen jetzt anpacken in einer ganz besonderen Weise, aber das ist natürlich auch eine riesige Herausforderung.«

Doch dann scheint es, dass Merkel trotz aller Vorbereitung recht früh ihre Strategie wechseln musste. Sie wollte von »den Menschen in diesem Land« sprechen, das übliche Merkel-Bingo durchspielen, doch als Anne Will sie auf ihren »Plan« anspricht, scheint Merkel ihre Strategie um 180° zu drehen.

Anne Will: »… das vermissen sie [Anm.: die Merkel-Kritiker] vielleicht, den Plan, die Ordnung, die Perspektive.«

Hier scheint Merkel sich zunächst auf ihre ansonsten so charmante wie bewährte Strategie der Selbstverkleinerung zurückziehen zu wollen, also die rhetorische Entwaffnung der Kritiker, indem man sich selbst hilflos zeigt.

Angela Merkel: »Den Plan kann ich nur geben, wenn ich einen habe.« – Sie spricht langsam, artikuliert jedes Wort, um sich Denkraum zu geben.

Doch die reflexhafte Selbstverkleinerung war hier falsch. Es spricht gerade nicht »Die mächtigste Frau der Welt« sondern eine Kanzlerin, die in der Sache die Umfragen und die Partei nicht unbedingt auf ihrer Seite hat. Sie merkt selbst gleich, dass es ein Fehler war.

Auch Anne Will zeigt, dass sie es mitbekommen hat. Sie setzt den Marker: »Haben Sie denn einen Plan?«

Egal, was Merkels geplante Strategie war, sie muss jetzt umdrehen.

»Ich habe einen Plan, aber dieser Plan hängt ja nicht von mir allein ab.«

Hiernach wechselt Merkel spontan vom Effekt »Güte« zum Effekt »Kompetenz«. Sie muss Richtungen angeben und Begründungen liefern – oder etwas, das nach Begründung klingt.

Merkel weiter: »Aber dieser Plan hängt nicht von mir allein ab. Wir haben einen Krieg in Syrien. Wir haben kriegerische Zustände im Irak. Und wir haben Menschen, die machen sich auf den Weg.«

Ihr Plan? Sie will die Zustände in den Flüchtlingslagern verbessern. (Meint sie deutsche Krankenversorgung und Wohnstandards in Afrikas Wüsten, von Deutschland finanziert?) Sie will erreichen, dass mehr Staaten in Europa »Verantwortung übernehmen«. (Die Staaten durch Zurückhalten von EU-Geldern erpr…, äh, motivieren?) Deutschland brauche außerdem »Verbündete«, und natürlich müssen wir »die Dinge im Land vernünftig bewältigen«.

Sie kommt bald und immer wieder auf ihren Standard-Trick zurück, die Reduktion aufs Emotiv, also das Sprechen vom eigenen Gefühl: »Da bin ich voller Dankbarkeit und Hochachtung für alle die, die da täglich dabei sind.«

In diesem Stil geht es weiter. Bekannte, unverbindliche Faktenfragmente (z.B. Deutschlands Grenzen sind zu lang, um sie zu schließen) und emotive Rückzüge (»Ich denke den ganzen Tag darüber nach…«).

Die Erläuterungen ihrer Pläne geraten zur Erläuterung von Unmöglichkeiten. Und Anne Will weist tatsächlich schon nach einer Viertelstunde darauf hin, dass Merkel auffallend oft »geht nicht« verwendet. Merkel greift dann verstärkt auf Standard-Vokabeln wie »Herausforderung“ und »Verantwortung« zurück – kein Zeichen von Sicherheit.

Das Ziel aller Talkingpoints, aller politischen Rede, ist immer, die natürliche Macht des Redenden zu vergrößern. (Erfolgreiche) Politiker reden, wie sie reden, weil sie hoffen, dass wir ihnen daraufhin Verantwortung und Handlungsvollmacht für unsere Lebensdinge übertragen, sprich »Macht geben«.

Wie ist es nun mit dem Einfluss der Flüchtlingskrise auf Merkels derzeitige Macht? Wahrscheinlich hängt das davon ab, welche Merkel man als die »wahre« Merkel empfinden wird. Die Merkel, der rausrutscht »Den Plan kann ich nur geben, wenn ich einen habe«, oder die Merkel, die dann korrigiert: »Ich habe einen Plan«.

Die Geschichte wird es zeigen. Oder schon die Wahlen im kommenden Frühjahr.

Dushan Wegner ist Texter und Autor. Sein aktuelles Buch ist Talking Points – Die Sprache der Macht, erschienen im Westend Verlag.

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Leserpost (4)
Christian Beyer / 10.10.2015

Wie bitte ? “Im Prinzip kann man die unerwünschten Einwanderer jederzeit noch so schlecht behandeln, dass sie genau so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. “ Das glauben Sie doch wohl selber nicht. Nicht in Deutschland. Die 10 bis 15 % linksdrehenden Gutmenschen würden ein orkanartiges Geschrei anfangen. Da geht nichts.

Dieter Tesch / 08.10.2015

Ich bezweifle, dass Merkel als BK jemals einen Plan hatte. Außer natürlich an der Macht zu bleiben.

Matthias Strickling / 08.10.2015

- Es gibt derzeit keine Lösung. - Es gibt derzeit keinen Plan - Es gibt keinen Politiker, welcher mögliche Lösungen umsetzt. - Es gibt Hilflosigkeit Arithmetik 3. Schuljahr: Rund 1 Mio Flüchtlinge kommen in diesem Jahr nach Deutschland. Es warten weitere 2 Mio Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern der Türkei, die ebenfalls nach Deutschland kommen. Warum sollte im nächsten Jahr nicht eine weiter Mio nach Deutschland kommen? 2017 ebenso? Zumindest bei einem Weiterso. Im Schnitt haben die Flüchtlinge 4-8 Angehörige, die über kurz oder lang nachreisen werden. Macht in den nächsten 3 Jahren minimal 12 Mio Flüchtlinge bei Beibehaltung der derzeitigen Jubel und Willkommenspolitik, die sich zwar ändern soll, aber günstigenfalls Langzeiteffekte zeigen wird. Wieviel kostet nochmals ein Flüchtling pro Person und Monat? 670 Euro? Arihtmetik 3. Schuljahr: 8.040 Euro/Jahr 8,04 Milliarden Euro / 1 Mio Flüchtling und Jahr. Das sind nur die finanziellen Auswirkungen, über die sozialen Auswirkungen kann man nur spekulieren. Das jeder Flüchtling integrationsfähig und vor allem willig ist, ist eine Unterstellung, die man nicht glauben kann , wenn man sich die Schwierigkeiten der Integration derzeitiger hier lebender Muslime anschaut. Es wird niemandem gefallen, aber es wird sicherlich eine Änderung des Grundgesetzes geben mit Sicherung der Außengrenzen. Oder es wird über kurz oder lang kein schützenswertes Grundgesetz mehr geben. Es werden derzeit unter dem Druck der Asylsuchenden ( Muslime ) sowieso schon einige Pagraphen des Grundgesetzes geschleift: Recht auf Eigentum, Pressefreiheit ( welche sich selbst einen ideologischen Maulkorb aufbindet )  und natürlich die Meinungsfreiheit.

Helmut Driesel / 08.10.2015

Eigentlich ist es unfair die verantwortlichen Politiker zu nötigen, schwierige Entscheidungen auch noch öffenlich zu fällen. Was wäre denn gewesen, wenn sie geantwortet hätte, sie habe keinen Plan? Man lasse die Dinge sich entwickeln und sähe dann schon, welche Notwendigkeiten unabweisbar nach Lösungen drängen. Auch die hier viel zitierte und bis zum Überdruss gewürdigte KGE sieht ja bis jetzt noch nichts Problematisches auf die deutsche Bevölkerung zukommen. Was ich willkürlich so interpretiere: Im Prinzip kann man die unerwünschten Einwanderer jederzeit noch so schlecht behandeln, dass sie genau so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Na ja, theoretisch! Das würde doch “die natürliche Macht des Redenden” tatsächlich vergrößern” oder? Wobei es mutmaßlich ein großer Fehler von Frau Merkel ist, die Verantwortung für nahezu unlösbare Aufgaben vollständig an sich zu ziehen. Es sei denn, sie bereitet auf diese Weise ihren baldigen Rücktritt vor.

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