Gabor Steingart, Gastautor / 21.11.2017 / 12:00 / Foto: pixabay / 9 / Seite ausdrucken

Merkel will Fluchtgründe der Wähler nicht erkennen

Von Gabor Steingart.

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, hat die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann einst gesagt. Doch Wien ist nicht Berlin. In der deutschen Hauptstadt gilt wenige Wochen nach dem Wahltag die Wahrheit nicht als zumutbar, sondern als Zumutung. Anders ist der mediale Furor nicht zu erklären, der Christian Lindner heimsucht, seit er die Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition beendete.

„Es hat sich gezeigt“, sagte der FDP-Chef in der Nacht von Sonntag auf Montag, „dass die vier Gesprächspartner keine gemeinsame Vorstellung von der Modernisierung unseres Landes entwickeln konnten“. Damit sprach Lindner eine Wahrheit aus, die jeder seit Tagen sehen und spüren konnte. Deutschland erlebte mit Lindners Erklärung das, was der Philosoph Peter Sloterdijk in „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ so beschrieben hatte: „Die Übersteigerung des Unbehagens durch seine Erklärung.“ Dabei hatte der 38-Jährige die beteiligten Unterhändler nicht kritisiert, nur ertappt.
 
Den am Sondierungstisch Versammelten fehlte so ziemlich alles, was man zum Bilden einer Koalitionsregierung braucht: Vertrauen, Wirklichkeitsbezug und der Wille zur gemeinsamen Tat. Womit wir bei der Kanzlerin wären. Ihr huldvolles Winken aus Balkonien, erkennbar dem weltlichen und religiösen Adel abgeschaut, wirkte wie das Symbol einer vordemokratischen Entrückung. In diesen Bildern ist das Bewahrungsinteresse geronnen, das jeden äußeren Impuls als Störung und nicht mehr als Bereicherung empfindet.

Die Problematik beginnt schon damit, dass Merkel Mühe hat, das Wahlergebnis zu lesen, wie sie unumwunden zugibt: „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten“, sagte sie wenige Tage, nachdem sie die Union geschrumpft und die AfD groß gemacht hatte.

Im Grunde schon seit der großen Flüchtlingswelle besteht zwischen Merkel und der Wirklichkeit nur noch ein Wackelkontakt. Seither will sie zwar die weltweiten Fluchtursachen bekämpfen, aber die Fluchtgründe ihrer eigenen Wähler mag sie nicht zur Kenntnis nehmen. Darin wiederum liegt der Kern vom Kern des Konflikts zwischen den Schwesterparteien CDU und CSU, was auch die Gespräche mit den anderen schwer belastet hat. Ohne gemeinsame Ortsbestimmung ist jeder eingeschlagene Weg falsch.

Dieser Beitrag erschien zuerst als Handelsblatt Morning-Briefing hier.

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Leserpost (9)
Hans Weiring / 22.11.2017

Warum sich aufregen? Die SPD wird sich noch ein wenig zieren. Dann wird sie schweren Herzens der vom Bundespräsidenten angemahnten Verantwortung zur Regierungsbildung nachkommen. Man nimmt dann noch die neuen grünen Freunde von der Klimafraktion mit in das Boot, und schon haben wir auch die nächsten Jahre eine stabile Regierung mit einer weltweit geachteten Kanzlerin an der Spitze. In naher Zukunft bekommt sie dann den Friedensnobelpreis, und in fernerer Zukunft wird der Papst, den sie vorsorglich ja schon mal besucht hat, heilig sprechen. Alles wird gut!

Edgar Thormeyer / 22.11.2017

Es wird immer gesagt, dass sich in der CDU keiner traut, Merkel zu stürzen, weil er sonst als Königinnenmörder seine Karriere verspielen würde. Da bin ich nicht so sicher! Schliesslich hat der Königsmord an Kohl Merkel auch nicht geschadet, oder? Der Sturz Merkels wäre ein Sieg der Demokratie über die Autokratie! Und würde wahrscheinlich sogar honoriert werden.

Jens Müller / 21.11.2017

Eine Showveranstaltung sondersgleichen zu Lasten des Steuerzahlers, Hund und Katze trafen sich zur Sondierung, was sollte dabei rauskommen? Es müsste mehr Journalisten wie Herrn Steingart geben, die sich nicht vor der Kanzlerin beugen. Ein Dankeschön an Herrn Lindner, der uns die Farce erspart hat!

Paul Siemons / 21.11.2017

Zweierlei dazu: nicht erst seit Tagen war es erkennbar, dass die Beteiligten keinen inhaltlichen Konsens finden würden. Wenn es einen gäbe, dann ausschließlich im Streben nach Machterhalt bzw. -gewinn. Und was die Erkenntnisfähigkeit der Kanzlerin angeht: dass Kaiser Neros Wahnsinn vor allem auf verleumderischen Berichten basiert, ist heute unter Historikern unumstritten. Zu Merkel hingegen müssen wohl keine mentalen Defizite erfunden werden, um sie und ihr Handeln zu erklären. Ergiebiger dürften Forschungen zu der Frage sein, wieso man sie damit hat durchkommen lassen.

Mario Bernkopf / 21.11.2017

Ich glaube, daß die Kanzlerin geistig nie in der Bundesrepublik angekommen ist. Deshalb ist der Bürger für sie ein unbekanntes Wesen, und die demokratischen Mechanismen sind ihr fremd. Bestenfalls hat sie ein mechanistisches Verständnis der Demokratie: es ist gut was ihr nützt, alles andere wird ignoriert oder umgangen.

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