Hannes Stein (Archiv) / 15.11.2006 / 09:34 / 0 / Seite ausdrucken

Massel tow, lieber Wolf! Die “Achse des Guten” wünscht alles Gute

Ich halte ihn für den größten lebenden deutschen Lyriker. Das könnte ich jetzt wortreich begründen—er hat das, was einen Dichter vor allem ausmacht: seinen eigenen, ganz unverwechselbaren Ton; er beherrscht strenge Formen wie das Sonett so mühelos wie das lässig gereimte Strophenlied; ihm fallen immer wieder großartige Metaphern ein, die nicht gesucht wirken.

Vielleicht genügt hier der Hinweis, dass mir viele Gedichte von ihm gefallen, die gar nicht eingängig sind. Also gerade nicht die „Ermutigung“ (die ich eine Zeitlang nicht mehr hören konnte, verschont mich mit linken Kirchenliedern!). Nicht mal sein wirklich wunderschönes „Und als wir ans Ufer kamen“. Eher mochte ich etwa sein Gedicht „Abschied vom Freund“, das mit der tollen Zeile endet: „Weil ich so wildverzweifelt glücklich bin“.
Oder seine Verse über die Muse Errato, die ihn mit „so Gratisgeschenken der Musen“ bedacht habe: „Bloß: jedes Geschenk hat seinen Preis / Im Spiegel äfft mich ein munterer Greis / Im Winter, der kommen wird, macht mir heiß /—nur Schnee vom vergangenen Jahr“.
Sein erschütterndes Gedicht „Confessio“ kann ich, glaube ich, immer noch auswendig, jeden Vers. Es entstand in der Zeit einer Ehekrise, als Wolf Biermann sich endgültig vom Kommunismus lossagte: „Ich hab die Schnauze voll mit großen Worten / Und lass sie raus, wie and´re Schreier auch / Und so wie du leb ich vom Wortefleddern…“
Er kann so schön den Ton wechseln: von grobianisch zu zärtlich, von ernsthaft zu verspielt, von hoch zu niedrig—manchmal in derselben Zeile. „Dann heul ich mit den Nachtigalln“, heißt es irgendwo in der „Confessio“, aber „mit den Wölfen zwitschern mag ich nicht mehr“. Das gefällt mir nicht nur als Lyrik.
Und wie ist er so „als Mensch“? Ach Gott. Als ich ihn das erste Mal besuchte—ich war ein grauenhaft junger schüchterner Student der Anglistik in Hamburg—da fürchtete ich aus irgendeinem Grund, ich würde einen aufbrausenden Poltergeist antreffen. An seiner Stelle fand ich einen freundlichen, aufgeräumten Herrn vor, der mit Hamburger Akzent sprach (mir gefiel auch, dass er klein ist: gerade mal 1,69).
Wir unterhielten uns über Büchner. Ich hatte im Sommer davor eine einschneidende Lektüre-Erfahrung gemacht, ich hatte Büchners „Dantons Tod“ verschlungen – und dieses Stück mich – und dabei gemerkt: Es gibt einen deutschen Shakespeare. Das heißt: Es hätte ihn geben können. „Wolf“, sagte ich (oder waren wir damals noch per Sie?), „für diesen Büchner gebe ich ja Brechts gesammelte Dramen her.“ Ich erwartete, nun würde mich der marxistisch-leninistische Blitzstrahl treffen, stattdessen erwiderte Biermann nur: „Hast recht.“ Ich fand es nur vernünftig, dass er wenig später den Büchnerpreis bekam.
Heute wird Wolf Biermann 70 Jahre alt, das ist—wie Richard Schröder in der WELT schreibt – ein wenig unglaublich. Aber eigentlich ist es auch egal.
Schon am Samstag stand in der „Literarischen Welt“ ein Gespräch mit Yours Truly; aber das Interview in zwei Teilen, das die Kollegen vom „Spiegel“ mit Wolf Biermann geführt haben, ist auch nicht schlecht.
Am besten darin: das kleine Video, wo Wolf sein neues Lied „Heimweh“ singt.

Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Hannes Stein / 11.03.2013 / 20:55 / 0

Hannes Stein auf Tour!

Ich lese aus meinem Debutroman “Der Komet”, und zwar dann und da: 13. März 2013 Köln, Buchhandlung Ludwig im Hauptbahnhof. Beginn: 19 Uhr 14. März…/ mehr

Hannes Stein / 15.02.2013 / 05:05 / 0

Die Liebeskatastrophe

Heute passieren drei Dinge gleichzeitig, die nichts miteinander zu tun haben. a) Ich trete meine 49. Sonnenumrundung an. b) Ein Asteroid schrammt haarscharf an der…/ mehr

Hannes Stein / 13.01.2013 / 03:06 / 0

Kinski

Aus Gründen, die ich selbst nicht erklären kann, beschäftigt mich aus der Ferne der Fall Klaus Kinski. Als ich ein Teenager war, galt er als…/ mehr

Hannes Stein / 08.01.2013 / 19:14 / 0

Shylock

Aber man wird Shylock doch noch kritisieren dürfen! Schließlich ist es nicht nett, nicht wahr, dass er vom Wucher lebt. Es widerspricht den fundamentalen Prinzipien…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com