Gastautor / 27.07.2010 / 12:11 / 0 / Seite ausdrucken

Masse und Ohnmacht

Ingo Langner

Wir leben in einer Erlebnisgesellschaft; die gleichzeitig auch eine Anspruchsgesellschaft ist. Welche Formen diese Mesallianz inzwischen angenommen hat, mußten wir leider am vergangenen Samstag in Duisburg erfahren. Zum Stichwort Erlebnis gehört die sogenannte „Love Parade“. Daß es sich dabei nicht um eine harmlose Zusammenkunft von tanzfreudigen jungen Leuten handelt, müßte eigentlich jedem, der nicht naiv ist und in Politik und Kultur Verantwortung trägt, wohlbekannt sein.

Wer Augen hat zu sehen und Ohren hat zu hören, dem dürfte mehr als klar sein, daß sich hinter dem irreführenden Namen (zu deutsch: „Liebesparade“) eine öffentliche Massenorgie verbirgt, bei der Menschen beiderlei Geschlechts sich zum stundenlang pausenlos wummernden Beat einer „Techno“ genannten „Musik“ in Extase versetzen. Sex spielt dabei unübersehbar eine wichtige Rolle, Drogen auch.

Zum Stichwort Anspruch gehört, daß die Besucher eines solchen Events, bei der leicht eine Million Menschen an einem einzigen Tag an einem einzigen Ort zusammenströmen, wie selbstverständlich davon ausgehen, daß Veranstalter und diverse gesellschaftliche Instanzen (wie Polizei, Feuerwehr, Sanitäter, und Verkehr) für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen haben. Geschieht das objektiv oder auch bloß subjektiv nicht, werden sofort auch schwerste Vorwürfe erhoben.

Eines muß klar sein: hier soll nicht die zweifellos notwendige Aufklärung der Ursachen und Hintergründe des Duisburger Unglücks in Frage gestellt werden. Aber es muß möglich sein, darauf hinzuweisen, daß es immer noch so etwas wie eine Selbstverantwortung gibt. Wer sich sehenden Auges in eine schier unübersichtliche Menschenmenge begibt, in der Hunderttausende eng an eng auf einen Punkt zusteuern, sollte nicht nur, er muß wissen, daß er sich damit in eine unkalkulierbare Gefahr begibt.

Doch offenbar liegt genau hier die psychische Schwachstelle. Einerseits geht man zur „Love Parade“ um einen Tag lang vom wilden Leben zu kosten, andererseits geschieht das jedoch mit der Mentalität eines Vollkaskoversicherten. Man will ins Feuer springen, aber verbrennen möchte man nicht.

Die „Love Parade“ war von ihren Berliner Anfängen her eine rein kommerzielle Veranstaltung, der fadenscheiniges Kulturmäntelchen umgehängt worden ist. In Berlin hieß das 1989 „Friede, Freude, Eierkuchen“. Gleichwohl (oder deswegen?) erfreute sie sich bei den Massenmedien - und leider auch bei den politisch Verantwortlichen – außerordentlicher Beliebtheit. Bald gab es niemanden mehr, der diese öffentlich geförderte Massenorgie in Frage gestellt hat. Nach dem Unglück von Duisburg soll es nun zukünftig keine „Love Parade“ mehr geben. Das ist unter den vielen schlechten Nachrichten aus dieser Stadt noch die beste.

Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir nur innerhalb der ersten zwei Tage nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Gastautor / 24.08.2016 / 06:14 / 0

Die Drohne als Fetisch

Von Ralf Ostner.   Betrachtet man sich die Kritik von vielen Antimilitaristen so fällt auf, dass sich nicht ein unerheblicher Teil ihrer Kritik auf den…/ mehr

Gastautor / 24.08.2016 / 06:00 / 0

Mit vollen Händen Geld beerdigen: Das Bundes-Familiengrab

Von Ansgar Neuhof. Viele werden es gar nicht wissen. Es gibt nicht nur ein Bundesfamilienministerium (korrekt: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen u. Jugend - also…/ mehr

Gastautor / 22.08.2016 / 16:31 / 6

Nein zu Moscheen – Ja zu multikulturellen Treffs

Von Ralf Ostner. Viele Multikultimenschen meinen, dass eine Moschee in jedem Dorf und jeder Stadt ein Ausdruck von Toleranz und Integration sei. Dementsprechend gibt es…/ mehr

Gastautor / 22.08.2016 / 06:15 / 11

Was die CDU mit der Amadeu Antonio Stiftung verbindet

Von Ansgar Neuhof. Der mit Steuergeldern vom Bundesfamilienministerium geförderte Internetpranger der Amadeu Antonio Stiftung über andersdenkende Personen und Organisationen (siehe hier) ist derzeit - vermutlich…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com