Gastautor / 23.12.2016 / 08:55 / Foto: Angeljijimon / 6 / Seite ausdrucken

Mahnen, warnen und Diskurs verbieten

Von Hermann Detering.

Der „ZDF-Terrorismusexperte“ Elmar Theveßen hat es gestern Abend bei Lanz noch einmal ganz deutlich erklärt: Der perfide Plan der Islamisten, so Theveßen, bestehe darin, den Westen durch „Nadelstiche“ aufzumischen  und ihn auf diese Weise zu einem „Kampf der Kulturen“ anzustacheln. Die bis dato friedliche muslimische Minderheit solle ebenso wie die deutsche Bevölkerung radikalisiert und zum großen Endkampf um die islamische Weltherrschaft provoziert werden. Unsere Reaktion könne daher nur sein, den Islamisten nicht auf den Leim zu gehen.

Wie das im Einzelnen aussehen soll und welche Folgerungen daraus gezogen werden,  blieb in der Sendung unklar.  Aber der Zuschauer weiß, was gemeint ist: Ruhe bewahren, bloß keine falschen Signale senden, solche die von muslimischen Mitbürgern missverstanden werden könnten. Spontane Aufwallungen von Rachegefühlen und Vergeltungsgedanken, die sich beim Anblick des Blutes unschuldiger Opfer leicht einstellen, verbieten sich ohnehin von selbst, zumal unsere zivilisierte Gesellschaft solche archaischen Denkmuster schon lange überwunden haben sollte. Besonnenheit ist angesagt.

Tatsächlich läuft die Reaktion auf aktuelle und vergangene islamistische Terroranschläge staatlicherseits und auch auf medialer Ebene immer nach dem gleichen Schema ab und so, dass kein Zweifel daran bestehen kann: Die Erkenntnisse unserer Terror-Experten sind inzwischen zur Grundlage staatlichen Handelns geworden. Auf öffentlichen Kundgebungen, in Gottesdiensten und Trauerfeiern beten Bischöfe und Imame gemeinsam, man hakt sich ein, wie in Paris und auf dem Pariser Platz, oder reicht sich die Hände, wie jüngst in der Gedächtniskirche (wobei natürlich zu beachten ist, dass der Imam in der Sitzordnung keinesfalls neben einer Frau sitzen sollte).  

Nicht einmal ein Ansatz von Pogromstimmung erkennbar

Zeichen setzen heißt das Gebot der Stunde, gegen Gewalt und Terror. Dazu Warnungen vor Überreaktion und Spaltung. „Wir trauern, wir stehen einander bei, wir verfallen nicht dem Hass“, steht auf einem der Zettel am Ort des Anschlags am Breitscheidplatz und „Liebe für alle“ auf einem anderen. „Ich kann keine Angst spüren“, schreibt SPON-Autor Stefan Kuzmany aus Berlin in seiner Kolumne, der Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt bleibe ihm seltsam fern. Keine Frage, bald wird auch Professor Herfried Münkler wieder da sein und uns sein Konzept „mürrischer Indifferenz“ anempfehlen. Und Frau Kässmann wird zu Weihnachten viel von Feindesliebe sprechen und vielleicht sogar für Terroristen beten. Auf soviel Besonnenheit ihrer Bürger kann die Kanzlerin stolz sein.

Nun ist die Mahnung zur Besonnenheit die Warnung vor Überreaktion ja auch nicht falsch. Sie berührt aber ein wenig seltsam in einem Land, in dem weit und breit nicht einmal ein Ansatz von Pogromstimmung erkennbar ist. Man wird den Verdacht nicht los, dass das pastorale Mahnen und Warnen auch noch ein paar andere Zwecke verfolgt. Zum Beispiel könnte es sein, dass es dazu dient, das Fehlen einer nachhaltigen politischen Reaktion des Staates zu kaschieren.

Oder dazu, eine Diskussion über solche Themen zu unterbinden, die jetzt auf der Tagesordnung stehen sollten: Über die Konsequenzen einer aus dem Ruder gelaufenen Politik der offenen Grenzen, über staatlichen Kontrollverlust und last but not least über die Terror-Affinität des Islam. Es könnte dazu dienen, dies alles unter den Teppich zu kehren – um des lieben Friedens willen oder mit dem Hinweis, dies sei Wasser auf die Mühlen der Rechten.

Aber Schweigen, Schönreden, Relativieren und Bagatellisieren können keine Antwort auf den Terror sein. Wenn diese Mischung aus Verweigerung politischen Handelns und Diskursverbot Schule machen sollte, ist es nicht schwer, das weitere Schicksal dieses Landes zu prognostizieren. Es wird sich peu à peu verändern bis zur Unkenntlichkeit. Islamkritik wird bald nur noch als Ausdruck von „Islamophobie“ oder als „Rassisimus“ gelten, die Islamverbände werden ihren Einfluss noch verstärken, graue Wölfe im Schafspelz werden ihren Marsch durch die Institutionen fortsetzen – und irgendwann, in nicht ferner Zeit, ist sie dann da und klopft an die Hintertür: die Scharia.

Dr. Hermann Detering ist evangelischer Theologe und war von 1982 bis 2009 Pfarrer in Berlin. Lebt heute in der Altmark. Website hier. Veröffentlichungen unter anderem: "Die Lust der Welt und die Kunst der Entsagung", Gütersloher Verlagshaus 2013. „O du lieber Augustin - Falsche Bekenntnisse“, Alibri, Herbst 2014

Foto: Angeljijimon CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (6)
Udo Kemmerling / 23.12.2016

Erstaunlich, erstaunlich! Sind es doch sonst gerade evangelische Theologen, die als Speerspitze der Relativierer auftreten. Respekt Herr Dr. Detering für diese auffallend unabhängige Wortmeldung.

Wolfgang Johansen / 23.12.2016

Heute Abend im Gottesdienst entscheidet sich, ob ich weiterhin Mitglied der evangelischen Kirche bleiben werde! Wenn wiederum nur das hohe Lied auf alle Muslime gepredigt wird und nicht wenigstens andeutungsweise kritische hinterfragt wird, warum fast alle Attentäter muslimischen Glaubens sind, bin ich am Dienstag im Pastorat und erkläre meinen Austritt.

Thomas Rießinger / 23.12.2016

“Irgendwann, in nicht ferner Zeit, ist sie dann da und klopft an die Hintertür: die Scharia.” Die Scharia ist jetzt schon da. Und sie kam nicht durch die Hintertür und musste auch nicht klopfen, denn die Vordertür stand ganz weit auf.

reiner fischer / 23.12.2016

der Kampf, besser gesagt der Zusammenprall der Kulturen ist längst im Gang. Huntington hatte recht, leider auch mit seiner pessimistischen Sicht auf die Widerstandskraft des Westens.

Astrid Boers / 23.12.2016

“Ich bin stolz auf die Bevölkerung” ... (A. Merkel) ! Nicht für jéden zu durchschauen.

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