Alexander Wendt / 16.11.2012 / 19:27 / 0

Mach meinen Diktator nicht an (5): Wilhelm Keitel

Wer diese kleine Serie auf Achgut verfolgt, der weiß, dass es nicht nur um Diktatoren im engeren Sinn geht,sondern auch um verdiente Massenmörder, die endlich eine differenzierte Sicht verdienen. So schrieb bereits die taz vom 2. Oktober 1946 voller Fingerspitzengefühl über den in Nürnberg hingerichteten Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel:

„Man kann durchaus Verständnis dafür aufbringen, dass in den USA niemand um Wilhelm Keitel trauert. Der hingerichtete OKW-Chef lehrte seine Feinde das Gruseln. Fünf Jahre lang hielten seine Truppen große Teile Europas in ihrer Gewalt. Doch er war es schließlich auch, der am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation Deutschlands und damit ein Ende der Gewalt möglich machte. Keitel diente der Wehrmacht im Krieg wie im Frieden. Seit Jahren hielt er die SS im Zaum,die noch radikaler war als die Führung der Wehrmacht. Ohne formale Absprachen praktizierte er damit eine Art Sicherheitskooperation mit den USA, Großbritannien, Polen und anderen Weltkriegsgegnern. Gezielte Hinrichtungen sind nicht mit dem Völkerrecht vereinbar. Trotzdem lässt sich auf innenpolitischer Bühne mit dem Tod des Erzfeindes punkten.“

Haltquatsch -  jetzt kommt das Loriot’sche Moooment – das war der Griff in den Zettelkasten der Parallelwelt. 1946 gab es zwar noch die Frankfurter Rundschau, aber noch nicht die taz, und natürlich war es die taz vom 16. November 2012, die den verstorbenen Hamaskommandeur Ahmad Al-Dschabari hochdifferenziert würdigte:

„Man kann durchaus Verständnis dafür aufbringen, dass in Israel niemand um Ahmad Al-Dschabari trauert. Der getötete De-facto-Armeechef im Gazastreifen lehrte seine Feinde das Gruseln. Fünf Jahre lang hielt er den Soldaten Gilad Schalit in seiner Gewalt. Doch er war es schließlich auch, der den Geiselaustausch möglich machte. Al-Dschabari kommandierte seine Truppen im Krieg wie im Frieden. Seit Jahren hielt er die Islamisten im Zaum,die noch radikaler sind als die Hamas. Ohne formale Absprachen praktizierte er damit eine Art Sicherheitskooperation mit Israel. Gezielte Hinrichtungen sind nicht mit dem Völkerrecht vereinbar. Trotzdem lässt sich auf innenpolitischer Bühne mit dem Tod des Erzfeindes punkten.“

Auf Seite 2 der gleichen Ausgabe – dort also, wo es naturgemäß nicht um Meinung, sondern um nüchterne Nachrichten geht -  fasst die taz übrigens noch einmal die Kausalität der Ereignisse in Israel und dem Gazastreifen zusammen:
„Erneute Luftangriffe auf Gaza. Hamas antwortet mit Raketengeschossen. Weltweite Besorgnis.“

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