Marisa Kurz / 28.10.2017 / 15:36 / Foto: Thomas Bresson / 12 / Seite ausdrucken

Lummerland ist abgebrannt

Die neue Webseite „Rumours about Germany“ des Auswärtigen Amtes (AA) richtet sich an potenzielle „Flüchtlinge“ und soll mit gängigen Mythen rund um das Thema Migration nach Deutschland aufräumen. Eindrucksvoller könnte die Regierung nicht bestätigen, dass sie die Kontrolle über die Asyl- und Zuwanderungskrise längst verloren hat – oder niemals hatte. Die Botschaft der Webseite ist eindeutig: „Liebe Migranten, bitte bleibt zuhause. Wenn ihr es aber nicht tut, wird euch auch niemand aufhalten.“

Auf Englisch, Französisch und Arabisch informiert die Plattform unter anderem über die „Sieben großen Lügen der Menschenhändler“ mit denen Schlepper für die Flucht nach Deutschland werben. Etwa mit der Behauptung, dass das Schiff für die Mittelmeer-Überfahrt mit Pool und Kino ausgestattet ist und jeder Flüchtling in Deutschland eine Willkommenszahlung von 2000 Euro und ein Haus erhält. Die Informationen über diese falschen Versprechungen stammen, wie das AA schreibt, von Flüchtlingen, die selbst mit Schleppern nach Europa gekommen sind.

Um Migranten abzuschrecken, die sich noch nicht für die Reise nach Deutschland entschieden haben oder bereits auf dem Weg sind, sind auf der Webseite eigene Reiter angelegt. Unter den Rubriken „Sure about leaving?“ ("Sicher, dass Sie Ihre Heimat verlassen wollen?") und „On your way?“ ("Auf dem Weg?") weist das AA etwa darauf hin, dass nicht aufenthaltsberechtigte Flüchtlinge in Deutschland gewaltsam abgeschoben werden können und die Kosten für die Abschiebung tragen müssen. Außerdem darauf, dass das Leben in Europa für Migranten hart ist und Job, Uniabschluss und Geld zunächst einmal in weiter Ferne sind. Am Ende der „Sure about leaving“-Seite lacht dem Leser ein schwarzafrikanischer Bauer entgegen. Die Botschaft des AA: „Schaut mal, was wir für eine tolle Entwicklungshilfe im Sudan machen. Bleibt doch lieber daheim!“.

Daneben klingt die Aussicht auf eine Überfahrt auf den „ältesten“ und „billigsten“ Schlepperbooten, bei der „allein im Jahr 2016 schon über 5000 Menschen gestorben sind“, weniger verlockend. Auch die Rückkehr ins Heimatland will das AA in einer eigenen Rubrik schmackhaft machen.

Dokumente sind "nur noch schwer zu fälschen"

Am entlarvendsten ist allerdings der Eintrag über die „sieben aktuellen Änderungen der Asylverfahren in Deutschland“. Sinngemäß steht hier, dass diese Änderungen notwendig wurden, nachdem eine wachsende Zahl von Asylbewerbern falsche Angaben über ihre Identität gemacht hatte. Wer falsche Angaben macht, kann nun leichter und schneller abgeschoben werden.

Konkret hat die Regierung unter anderem „ihre Kapazität erhöht, um gefälschte Ausweise zu identifizieren“. Um mehr über Asylbewerber zu erfahren, die sich nicht ausweisen können, „dürfen“ die Behörden jetzt außerdem Mobiltelefone von Bewerbern durchsuchen und Informationen an die Polizei weitergeben. Bei der Registrierung werden nun auch Fingerabdrücke erfasst und die Dokumente, die die Regierung den Asylbewerbern ausstellt, sind nun „noch schwerer zu fälschen“.

Asylbewerber, die wahrscheinlich nicht aufenthaltsberechtigt sind, „können“ nun aufgefordert werden, in der Erstaufnahmeeinrichtung zu bleiben, bis ihr Antrag bearbeitet ist, und müssen das Land nach Ablehnung des Antrags verlassen. Asylbewerber, die die öffentliche Sicherheit gefährden, können nun „gezwungen“ werden, GPS-Fußfesseln zu tragen und „können sogar verhaftet werden“. Asylbewerber, die ihre Identität nicht nachweisen können und deren Anträge abgelehnt wurden, erhalten „nur noch reduzierte Sozialleistungen“.

Die Botschaft des Auswärtigen Amtes ist wirklich einschüchternd: „Wir lassen uns nicht mehr komplett verarschen, sondern nur noch ein bisschen.“

Leserpost (12)
Günter H. Probst / 28.10.2017

Das AA hat doch parallel zu der von grün-rot angezettelten Debatte, daß D. ein Einwanderungsland sei, überall in der Welt, und vor allem in den übervölkerten Ländern Afrikas und Asiens, verkündet, daß D. nunmehr jeden Einwanderer willkommen heiße. Und Jeder, der es nach D. schafft, ohne eigene Leistung Unterkunft, Unterhalt, Heilfürsorge und Bildung für beliebig viele Kinder erhält. Die BW-Soldaten zeigen in ihren auswärtigen Einsätzen mit ihrer Ausrüstung und Verpflegung zudem, wie weiland die GIs im zerstörten D., daß in ihrer Heimat Milch und Honig kostenlos fließen. Oder warum kommen Unqualifizierte aus Afghanistan oder Mali, oder überhaupt aus Afrika und Asien. auf den Gedanken, gerade nach D. auszuwandern, obwohl es selbst in Kriegsgebieten einigermaßen stabile Nachbarstaaten gibt? Der Verfaulungsprozeß, auch von Gesellschaften, beginnt immer von Innen, das Äußere gibt nur den Todesstoß.

Udo Kemmerling / 28.10.2017

„Wir lassen uns nicht mehr komplett verarschen, sondern nur noch fast komplett.“

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Marisa Kurz / 12.11.2017 / 10:53 / 11

München: 98 Millionen für Flüchtlinge, Studenten in Notunterkünften

Wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, wird die Stadt München auf 98 Millionen Euro sitzenbleiben, die sie seit 2015 aus eigener Tasche für die Versorgung…/ mehr

Marisa Kurz / 09.11.2017 / 13:22 / 28

Das dritte Geschlecht – Aufstand der Spießer

Das Bundesverfassungsgericht hat beschlossen, dass es in Zukunft die Möglichkeit geben muss, im Geburtenregister ein drittes Geschlecht wie „inter“ oder „divers“ einzutragen. Die fehlende Wahlmöglichkeit…/ mehr

Marisa Kurz / 23.10.2017 / 06:15 / 35

Reflexhaftes Linksgrün-Bashing ist nicht besser als die Nazikeule

In der vergangenen Woche schockierte das Satiremagazin „Titanic“ mit einer Bildmontage, in der der österreichische Merkel-Kritiker und Politstar Sebastian Kurz als „Baby-Hitler“ bezeichnet wurde und…/ mehr

Marisa Kurz / 03.10.2017 / 20:33 / 7

Rechte Nazis, linke Nazis, Allahs Nazis (2): Die Zahlen

Von Marisa Kurz. Wie viele Rechtsextremisten überschwemmen Deutschlands Straßen eigentlich konkret? Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, wird auf der Website des Bundesamtes für…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com