112_peterson: Lernen, was weh tut und was nicht

Ich habe mit Kindern zu tun gehabt, die keine Erfahrung mit wildem, tobendem Spiel haben. Es ist sehr schwierig, mit ihnen zu spielen. Zum einen erschrecken sie sich leicht. Sie möchten gerne spielen, sind ziemlich aufgedreht, körperliches Spiel reizt sie. Aber sie sind ungelenk. Wenn man mit ihnen spielt, stecken sie den Daumen in dein Auge oder sie weinen wegen Kleinigkeiten. Sie haben sich einfach nicht unter Kontrolle.

Ein Kind hingegen, das viel Erfahrung mit körperlichen Interaktionen hat, ist eine ganz andere Art von Kind. Erstens weiß es in der Regel, wie kraftvoll es mit einem Erwachsenen umgehen kann, so dass beide Spaß haben, aber das Spiel nicht zu weit geht. Ich glaube, um richtig gut mit Kindern zu ringen oder andere Spiele mit Körperkontakt zu spielen, muss man sie sehr nah an die Grenze heran lassen, bei der sie einen verletzen könnten. Je näher sie an diese Grenze heran kommen, desto mehr Spaß haben beide.

Das Kind wird dich hauen und lachen und dann vielleicht härter zuschlagen, um zu sehen, was es sich erlauben kann, ob du noch lachst oder nicht. Das ist eine gute Sache. Kinder erforschen schrittweise, wie menschliche Körper funktionieren. Das finden sie heraus, indem sie ausprobieren, was man mit Körpern machen kann. Beziehungsweise was man mit ihnen machen kann, ohne bestraft zu werden oder das Spiel zu zerstören.

Man redet nicht darüber, man zeigt es ihnen 

Das ganze muss auf einer körperlichen Ebene stattfinden. Darüber zu reden, reicht nicht. Das Kind muss dich schlagen, mit dir ringen und an deinen Haaren ziehen, und du must sehr vorsichtig sein Verhalten anpassen. So bekommt man ein Kind, mit dem man wie verrückt toben kann. Es macht Spaß, mit einem solchen Kind zu spielen. So wie es Spaß macht, sich mit einem gut erzogenen Hund zu raufen, der einen nicht beißt.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Vorteil: Kinder lernen durch das Toben, was ihnen weh tut und was nicht. Und wie viel Angst sie haben können, ohne den Spaß zu verlieren. Wenn man mit Kindern herumtobt, dreht man sie auf den Kopf, wirft sie in die Luft, verbiegt sie oder packt sie am Bein. So zeigt man ihnen: „Es gibt eine Menge Dinge, die dein Körper machen kann, die völlig harmlos für dich sind.“ Man redet nicht darüber, man zeigt es ihnen. So werden Kinder selbstbewusster und lernen ihre körperlichen Grenzen kennen. Sie lernen, was ihnen weh tut, wovor sie wirklich Angst haben sollten und was echte Bedrohungen sind. Das ist ein hochkomplexer Vorgang und einer der Gründe, weshalb Kinder körperliches Spiel lieben.

Als Student habe ich in einer Kindertagesstätte gearbeitet. Die Kinder haben gerne mit mir gespielt, weil ich wusste, wie das geht. Ich habe sie im Hof an den Armen und Beinen herumgewirbelt, ihre Gliedmaßen verdreht und sie auf mir herumkrabbeln lassen. Aber es gab immer einen Jungen, mit dem das nicht ging. Er hatte nicht genügend Aufmerksamkeit von den Erwachsenen bekommen und war so etwas wie der „unbehauene Klotz“ im Taoismus, sehr verschwommen und ungelenk.

Ab vier Jahren lässt sich nur noch wenig reparieren

Ein solches Kind kann einem wirklich leid tun. Man sitzt da und spielt mit den Kindern, und dann kommt dieses Kind heran getapst und plumpst auf deinen Schoß. Seine Bewegungen sind so ausgereift wie die eines sechs Monate alten Kindes. Und es ist ziemlich nervig, weil es sich so sehr nach Aufmerksamkeit sehnt. Dabei ist es mit vier Jahren schon zu spät. Da lässt sich nur noch wenig reparieren. Diese Kinder sind wirklich im Arsch. Sie sind so tapsig und fehlentwickelt und sozial unbeholfen und fühlen sich so unwohl in ihrem Körper, dass die anderen Kinder sie meiden und nicht mit ihnen spielen wollen. Solche Kinder bleiben immer Außenseiter.

Aber heute ist es in Kitas verpönt, die Kinder anzufassen, weil man angeblich nicht zwischen Spiel und Kindesmissbrauch unterscheiden kann. Glaubt das allen Ernstes jemand? Und sollten wir Kindern wirklich das Toben mit Erwachsenen vorenthalten, wegen einer blöden Paranoia? Letztlich bringt man Kindern bei, dass Erwachsene so gefährlich sind, dass man sie nicht an sich heran lassen sollte. Was für eine schöne Lektion für Kinder, die später einmal selbst Erwachsene sein werden.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „Maps of Meaning 5: Narrative, Neuropsychology & Mythology III“. Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem Youtube-Kanal von Jordan B. Peterson.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost (6)
Viola Heyer / 28.02.2018

Sehr kluge, lebenserfahrene Worte, aber leider ist es in vielen Kitas immer noch gängige Praxis gegenüber Kindern körperlich übergriffig zu werden, seelische Grausamkeiten auszuüben, Kinder mit Drohungen zum Essen (bis zum Erbrechen) zu zwingen und den Zeitpunkt des Toilettenganges zu bestimmen. Unglücklicherweise halten fast alle Erzieherinnen -bei Kindesmisshandlungen- zusammen und es gilt die Omerta. Falls jemand meine Worte für zu hart und unzutreffend erachtet: Ich war über 20 Jahre Erzieherin und habe drei eigene Kinder, die Kitas besuchen.

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