Leon de Winter, Gastautor / 17.06.2009 / 13:50 / 0 / Seite ausdrucken

Leon de Winter: Der Kontext, in dem man den Erfolg von Wilders sehen muss

Bevor ich zu Geert Wilders komme, möchte ich
Ihnen die Journalistin und Philosophin Fleur
Jurgens (geb. 1972) vorstellen. Sie war Redaktorin
beim Wochenblatt HP/De Tijd und hat sich
auf die Problematik der marokkanischen Gemeinden
in den Niederlanden spezialisiert.
Fleur Jurgens ist eine bemerkenswert gute Beobachterin,
die sich nicht scheut, klar und unumwunden
aufzuzeigen, wie kritisch das Problem
der marokkanischen Zuwanderer in den
Niederlanden ist.

Hier ein Zitat aus einem ihrer Artikel: «Sieben
von zehn jungen Marokkanern verlassen die
Schule ohne brauchbaren Abschluss; vierzig
Prozent der jungen Marokkaner sind arbeitslos;
jeder zehnte wird bei der Polizei als mindestens
einer strafbaren Handlung verdächtig
geführt. Fast jeder dritte Insasse einer Jugendstrafanstalt
ist marokkanischer Abstammung.
Der Prozentsatz Strafverdächtiger unter den
marokkanischen Zuwanderern der zweiten
Generation ist höher als bei allen anderen ethnischen
Minderheiten in den Niederlanden und
doppelt so hoch wie bei der ersten Generation
zugewanderter Marokkaner. Überdurchschnittlich
viele Marokkaner gehören zum harten
Kern der jugendlichen Wiederholungstäter.
Diese Jungen wachsen in bedenklichen Milieus
auf, in denen die Inanspruchnahme von
Sozialleistungen sehr gebräuchlich und ein
Arbeitsplatz eine Ausnahmeerscheinung ist.
Von den marokkanischen Männern in den
Niederlanden beziehen sechzig Prozent Sozialhilfe,
die Hälfte von ihnen wegen Erwerbsunfähigkeit.
In Amsterdam lebt jede vierte
marokkanische Familie von Sozialhilfe. Die
Hälfte der marokkanischen Kinder in Amsterdam
wächst in Armut auf.»

Vielleicht beginnen Sie jetzt ein wenig zu
verstehen, warum Geert Wilders in den Niederlanden
so viele Anhänger gefunden hat.
Zumal man davon ausgeht, dass der Anteil der
Bürger marokkanischer Abstammung – mit
derzeit rund 350 000 gegenüber einer Gesamtbevölkerung
von 16 Millionen noch eine relativ
begrenzte Gruppe – angesichts ihres weit
unter dem Bevölkerungsmittel liegenden
Durchschnittsalters rasch anwachsen wird.
Die Einwanderung von Marokkanern in die
Niederlande kann für alle Betroffenen eigentlich
nur als Katastrophe bezeichnet werden.

Die Marokkaner in den Niederlanden sind fast
ausnahmslos Berber, die kaum Arabisch sprechen
können. Sie stammen aus entlegenen Regionen
des Rif-Gebirges, wo der Lebensunterhalt
mit einfacher Feldarbeit bestritten wurde.
Da gab es keine nennenswerte schulische Ausbildung,
keine Lesetradition, kein vielgestaltiges
öffentliches Leben, nicht die Spur einer
westlichen kosmopolitischen Kultur. Die
Übersiedlung in die offene niederländische
Gesellschaft führte für diese Menschen zu
grossen Anpassungsproblemen und – nach
der Entdeckung, dass ihnen die Qualifikationen
für eine erfolgreiche Integration fehlten
– Desillusionierung und Frustration. Mit den
einfachen Fertigkeiten, die schon in der traditionellen
agrarischen Kultur im Rif zu kaum
mehr als einem kargen Leben gereicht hatten,
war unter niederländischen Gegebenheiten
rein gar nichts mehr anzufangen.

Dennoch zogen die Immigranten ein Leben mit Sozialhilfe
in einem niederländischen Vorort dem Dasein
in einem marokkanischen Bergdorf bei weitem
vor – schliesslich bekam man die Sozialhilfe
ohne nennenswerte Anstrengungen.

Die stolzen Berber empfanden freilich keine
Dankbarkeit gegenüber den Christen und Ungläubigen,
die ihnen diese Sozialleistungen
zur Verfügung stellten, sondern nahmen eine
ablehnende Haltung ein. Statt einen Anpassungsprozess
mitzumachen, der rasch zur Integration
geführt hätte, wandten sich viele
Marokkaner von der toleranten Gesellschaft
ab, die sie so grosszügig und gastfreundlich
empfangen hatte. Ihre Aufnahme in die niederländische
Gesellschaft hat viele Milliarden
Euro mehr gekostet, als sie an Produktivität
und Steuern eingebracht haben.

Das ist der Kontext, in dem man den Erfolg
von Geert Wilders sehen muss. Wilders hat
sich die Themen zu eigen gemacht, die die arrivierten
politischen Parteien vernachlässigt
haben. In einer Zeit, da Political Correctness
und Kulturrelativismus die öffentliche Diskussion
beherrschten, war es so gut wie unmöglich,
ein Sozialverhalten zu kritisieren,
das sich nicht mit sozioökonomischen Faktoren
entschuldigen liess. Marokkanische oder
islamische Immigranten werden in den Niederlanden
ganz selbstverständlich von nichts ausgeschlossen.
Im Gegenteil, Schulen mit einem
hohen Anteil an ausländischen Kindern, sogenannte
«schwarze Schulen», erhalten mehr
öffentliche Gelder als «weisse Schulen». Die
Möglichkeiten, die die wohlhabende und
gut organisierte niederländische Gesellschaft
ihnen bietet, sind in Umfang und Qualität
himmelweit von dem entfernt, was ihnen im
Rif geboten werden könnte. Trotzdem nutzen
viele Kinder marokkanischer Abstammung
diese Chancen nicht. Es fehlt an Einsatz, an
Identifikation mit der niederländischen Umwelt,
die Eltern motivieren sie nicht und erziehen
sie nicht zu Mitgliedern der Gesellschaft.

Die Probleme marokkanischer Immigranten
sind also nicht durch sozioökonomische, sondern
durch andere Faktoren bedingt, die wir,
politisch korrekt, wie wir sind, nur hinter vorgehaltener
Hand auszusprechen wagen. Es geht
um ethnische Kultur, um die doppelten und
dreifachen Identitätsprobleme von Berbern, die
aus Marokko in die Niederlande gekommen
sind, um die Identifikation von Jugendlichen
mit dem Rock-and-Roll-Islam von al-Qaida
und palästinensischen «Freiheitskämpfern».

Pim Fortuyn war der erste Instant-Politiker,
der diese Themen aufgriff, er wurde dafür von
einem linksradikalen Tierschutzaktivisten ermordet.
Wilders hält Fortuyns Fahne hoch und
punktet damit. Er hat erkannt, dass der Wohlfahrtsstaat
nur überleben kann, wenn er ausschliesslich
gutausgebildete und hochdisziplinierte
Immigranten zulässt und den Zustrom
frustrierter und vor allem schlechtausgebildeter
Muslime aus Marokko und der Türkei
unterbindet. Ist so etwas rechtsradikal? Oder
ist es gesunder Menschenverstand?

In den internationalen Medien wird Wilders
als extremer Rechtsaussen dargestellt. Das ist
er nicht. Seine Gegner und ungenügend informierte
ausländische Berichterstatter übernehmen
gern die Kritik politisch korrekter niederländischer
Politiker und Journalisten. Wilders
ist hochgewachsen, er hat eine auffällige Haartracht,
und wenn man ihm persönlich begegnet,
frappiert der grosse Kontrast zwischen seinem
Image in den ausländischen Medien – der
Kryptofaschist – und dem sanftmütigen, fröhlichen
Menschen, der er in Wirklichkeit ist.
Wilders ist ein leidenschaftlicher Populist, der
ganz genau weiss, wann er die Medien mit
extremen Äusserungen provozieren kann. Er
hat eine breitgefächerte Anhängerschaft von
Sozialisten bis hin zu Konservativen, die sich
allesamt Sorgen um die Zukunft des Wohlfahrtsstaats
machen – der per definitionem
nur Bestand hat, wenn die Solidargemeinschaft
zu den Werten des Nationalstaats steht.

Wilders wahrt achtsam Distanz zu Parteien
und Gruppierungen, die als rechtsradikal eingestuft
werden. Täte er das nicht, würde er seine
Anhänger in den Niederlanden sofort verlieren.
Setzt er seinen Vormarsch fort und
verdrängt die arrivierten Parteien, dann kann
er, falls er nicht ermordet wird, die Fahne Fortuyns
nach den nächsten Wahlen in die Räume
des Ministerpräsidenten tragen.

Die niederländische Politik, die lange Zeit
eine ziemlich fade Angelegenheit war, hat sich
zu einer faszinierenden Szenerie entwickelt.
Als Fortuyn noch lebte, habe ich ihm zu verstehen
gegeben, dass ich ihn zwar nicht wählen
würde, aber froh darüber sei, dass es ihn gebe.
So geht es mir auch mit Wilders. Ob ich ihn je
wählen werde, hängt von ihm selbst ab: Kann
er sich auch zu einem vernünftigen Politiker mit
Weitblick und gutdurchdachten Konzepten für
die Zukunft der Niederlande und Europas entwickeln?
Wir wissen, wozu er nein sagt – jetzt
wird es Zeit, dass wir erfahren, was er bejaht.

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
C: Weltwoche Nr. 24.09

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