Gunter Weißgerber / 21.11.2017 / 14:30 / 5 / Seite ausdrucken

Leipzig nach 44 Jahren DDR-Fortschritt

Ein Freund aus den Tagen der Friedlichen Revolution und der ersten Gehversuchen der ostdeutschen Sozialdemokratie veröffentlichte jüngst Aufnahmen vom Mai 1990 von einer Autofahrt mit einem Video-Kamerabesitzer aus dem Westen und der nahm unser „Mein Leipzig lob‘ ich mir“ in den Naturfarben des Sozialistischen Realismus‘ auf. Ich kann nur sagen, das Anschauen lohnt sich:  „Ruinen schaffen ohne Waffen“ – so war die DDR.
Der Freund heißt Robert Kusch. Den Aufruf des „Neuen Forums“ vervielfältigte er im Herbst 1989 mutig über 1.000 mal. Robert Kusch:

„Das Gründungsdokument vom Neuen Forum hatte ich damals zu 1000 Exemplaren vervielfältigt. Wir hatten eine elektronische Speicherschreibmaschine auf Arbeit. Ich arbeitete damals beim Energiekombinat Leipzig in der EDV. Dort hatte ich den Text eingetippt und gespeichert. Dann konnte ich das Dokument immer und immer wieder abrufen und neue Exemplare erstellen, die dann in Leipzig verteilt wurden. Aber ich wollte damals nicht, dass es jemand erfährt, weil ich Angst hatte.“

Im Dezember 1989 trat er in die SDP ein und wurde Mitte Januar 1990 durch die Umbenennung der SDP in SPD zu einem gesamtdeutschen Sozialdemokraten. 1991 bis 1994 hatte er das Amt des Schatzmeisters des SPD-Unterbezirks Leipzig/Borna/Geithain inne. Doch jetzt lasse ich besser Robert Kusch sprechen:

Hallo Gunter, hier Robert, ich grüße dich, du wirst dich an vieles erinnern wenn du dieses Video siehst, das ich heute veröffentlicht habe.  Aus meinem Privatarchiv - ein Zeitdokument gegen das Vergessen: 

1990: Leipzig nach 40 Jahren DDR - Zeitzeugen der Geschichte

Ich möchte diese Aufnahmen jetzt, nach 27 Jahren hier teilen damit die Erinnerung erhalten bleibt, wie es 1990 nach 40 Jahren Sozialismus/ Kommunismus in der Stadt Leipzig wirklich ausgesehen hat. Viele wissen das nicht mehr, die Erinnerungen verblassen und die heutige Jugend kann es nicht wissen.

Die Bilder sind absolut authentisch und wurden im Mai 1990 in Leipzig von einem Bekannten aus "dem Westen" auf VHS gedreht. Wir konnten uns damals gar keine Videokamera leisten, schließlich hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch die DDR Mark.

Drehorte waren hauptsächlich im Zentrum und im Ostteil der Stadt Leipzig in den heutigen Stadtteilen Anger-Crottendorf, Reudnitz und Stötteritz. 

Ich habe damals in Anger Crottendorf gewohnt in der Mölkauer Straße in einem solchen Haus. Man sieht die kaputten Häuser, Straßen, Plätze, Ruinen, Trümmerhaufen und eine Autoschlange an einer Tankstelle in der Eilenburger Straße, wo auch ich immer getankt habe (ja, man musste damals an der Tankstelle Schlange stehen).  Die Aufnahmen enden in der Nikolaikirche, dort wo die Wende mit den Montagsdemos begann und wo auch ich von Anfang an dabei war.

Wer Leipzig heute sieht und die Bilder vergleicht, der wird es kaum glauben, aber es hat wirklich so ausgesehen und wir haben hier gelebt. Ich habe mein halbes Leben in dieser Umgebung verbracht. Und dann wird man hoffentlich verstehen, woher wir den Mut hatten opponierend auf die Straße zu gehen und zu rufen:

"Wir sind das Volk". 

Das war eine ganz andere Motivation als die derer, welche heute diesen Spruch für sich reklamieren und missbrauchen und denen es im Vergleich zu damals sehr gut geht und die in Freiheit leben können. Eine Freiheit, die wir in der DDR nicht hatten.

Deswegen vergesst nicht, woher wir kommen, wo wir heute stehen und was wir erreicht haben.

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Leserpost (5)
Bernhard Freiling / 21.11.2017

Soll man erst aufbegehren, wenn sich die Folgen so verheerend zeigen, wie in der ehemaligen DDR nach 40 Jahren Sozialismus? Wenn wir Merkel und ihre grünen Genossen weiter wirtschaften lassen, halte ich es für nicht gänzlich auszuschliessen, daß Ihr Blick in die Vergangenheit gleichzeitig ein Blick in die Zukunft sein könnte.  Im Jahr 2020 wurden die Braun- und sonstigen Kohlekraftwerke abgeschaltet; seitdem lebt das Land der schon länger dort Lebenden mit temporärer Stromabschaltung bzw. Zuteilung. Abwanderung weiter Teile der Industrie war eine Folge davon. Gleichzeitig nahm die Anzahl der zu alimentierenden “Geflüchteten”, deren Nachzugs und deren Nachkommenschaft überproportional zu. Immer mehr Menschen trafen auf immer weniger Wohnraum. Durch die “Mietpreisbremse”, die ab 2025 in 3. Auflage existierte, wurde den noch am Markt befindlichen privaten Vermietern das Geld entzogen, um es in Instandhaltung und Modernisierung zu investieren.  Durch die Abwanderung der Industrie halbierte sich der Durchschnittslohn gegenüber 2015. 2025 fand nach 2020 und 2023 die 3. Einkommensteuerreform des 6. Kabinetts unter Kanzlerin Merkel statt. Dabei wurde beschlossen, daß der Spitzensteuersatz von 60% bereits ab einem zu versteuerndem Jahreseinkommen von 25.000 Euro greift. Trotzdem sind die Staatseinnahmen unter diejenigen von 1995 gefallen.  Heute, im Jahr 1462, nach alter Zeitrechnung 2040, gibt es keine Altersversorgung mehr. Die wird zum großen Teil von der Familie übernommen. Für Härtefälle gibt es eine Art Sozialhilfe; deren Höhe bemißt sich nach dem Durchschnittslohn und beträgt 20% der aktiven Bezüge.  Bestehende Altrenten wurden sukzessive an die veränderten Bedingungen angepaßt. Allgemein wird Deutschland für den überragenden sozialen Zusammenhalt der Bevölkerung gerühmt.  Die Luft ist sauber,  es gibt kaum Verkehr auf den Straßen, von einigen Elektrofahrzeugen der hohen Beamten und Regierungsmitglieder mal abgesehen. Deutschland nimmt eine Vorreiterrolle unter allen Staaten ein: endlich wird wieder dort gearbeitet, meist in der Landwirtschaft oder auf der eigenen Scholle, wo auch gewohnt wird. Das Strassenbild gleicht dem von Leipzig aus dem Jahre 1990 - aber für den großen Wurf war uns kein Opfer zu viel.  Oder so ähnlich.

S. Kund / 21.11.2017

Sie haben recht Erinnerungen verblassen. Ich bin in Leipzig geboren und lebe seither hier. In meinen Erinnerungen war der Zustand der Stadt schlimm.  Aber so schlimm… Da man immer von diesem Anblick umgeben war, nahm man es nicht so krass wahr wie jetzt mit dem Abstand von 27 Jahren. Ich musste beim ansehen dieses Videos sehr weinen! ... und jetzt ist Leipzig eine schicke und moderne Stadt. Mein Leipzig lob ich mir.

M.Christmann / 21.11.2017

Und? Soll das heißen, daß jetzt alle Entscheidungen der Politik kritiklos hinzunehmen sind, wir zwischen Sozialismus und .... wählen sollen?

Bärbel Schneider / 21.11.2017

Ich kenne Leipzig auch aus der Zeit vor der Friedlichen Revolution. Ja, wir können heute besser und in Freiheit leben. Eben deshalb dürfen wir nicht dulden, dass uns diese mühsam erkämpfte Freiheit Stück für Stück wieder genommen wird und in unseren Städten wieder Orte entstehen, die durch Zerfall und zusätzlich durch Müll, Verwahrlosung und Konzentration bestimmter Ethnien, die oft genug andere Ethnien und Religionen ausschließen, gekennzeichnet sind. Gegen eine Politik, die unsere Freiheit einschränkt und die Entstehung solcher Orte fördert, kämpfen die, die sich heute der Losung “Wir sind das Volk!” bedienen. Das ist kein Mißbrauch des Spruchs. Die Motivation derjenigen, die ihn damals gerufen, ist der Motivation der Rufer von heute nahezu gleich.

Karla Kuhn / 21.11.2017

Ich kenne solche Bilder aus Dresden, vor allem aus der Neustadt, da läuft es mir kalt den Rücken runter und dann das anscheinend geistesverwirrte Geschwätz Honeckers, grausam. Aus diesem Staat kommt Angele Merkel, FDJ Propagandistin, die z. T. in Rußland studieren durfte. Diese Frau, deren Dr. Arbeit noch nie veröffentlicht wurde und ich frage mich,. hat Frau Merkel etwa keine Stasi Akte ? Denn ich glaube nicht, daß über sie keine angelegt wurde.  Jeder, auch ich, der diesem Unrechtsstaat nicht nach dem Wort geredet hatte, konnte nach dem Mauerfall mit Entsetzen in seine Akte schauen. Ich hatte das “Vergnügen” in Dresden, dort war eine Psychologin anwesend, weil, wie man mir sagte,  viele Menschen Heulkrämpfe bekommen haben. Bei mir haben die erst hinterher eingesetzt. Ich konnte die ganzen Lügen und die verbrecherischen Berichte über mich erst gar nicht fassen. Nach acht Stunden bin ich wie betrunken raus aus diesem Lesesaal raus, meine Freundin hatte mich mit dem Auto abgeholt und ich konnte nicht sprechen. Einigen IM konnte ich die richtigen Namen zuordnen und später habe ich die Namen aller IM erhalten.  Ich habe alle Unterlagen kopiert und an Familienmitglieder, Freunde und Bekannten dieser elenden Denunzianten/In geschickt.  Das war wie ein Urknall, denn viele dieser Menschen wußten gar nicht, was für verbrecherische Tätigkeiten diese Stasi IM zu verantworten hatten.  Und Frau Merkel, die ja anscheinend eine treue DDR Bürgerin war, soll keine Akte haben ??  Heute ist diese Frau Bundeskanzlerin. Das kann ich bis heute nicht verstehen.

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