Quentin Quencher / 24.10.2016 / 15:54 / Foto: Tim Maxeiner / 3 / Seite ausdrucken

Lasst Fatalisten um mich sein!

Wer möchte es nicht manchmal tun, die Zeit zurückdrehen zu einem Punkt, an dem verhängnisvolle Fehlentscheidungen getroffen wurden. Die eigene Berufswahl möglicherweise, eine Ehe, ein Hauskauf. Reichsbürger scheinen auch solche Typen zu sein, die würden am liebsten das ganze 20. Jahrhundert überspringen, die Dinge die geschehen sind ungeschehen machen, um wieder an einem Punkt anknüpfen zu können, an dem die Geschichte einen anderen Weg nehmen könnte. Einen der alternativ zu den Realitäten denkbar wäre.

Sämtliche Kritiker der Moderne gehören auch dazu. Egal ob eher der Linken oder den Rechten zuzurechnen, den Grünen mit ihren romantischen Vorstellungen von Balance und Kreislauf von allem, oder den Esoterikern, die auch irgendwas ausbalancieren wollen, von dem aber nur sie wissen, was es eigentlich ist. Unterschiedlich ist lediglich, zu welchen Punkt zurück gesprungen werden soll. Die Reichsbürger am liebsten bis kurz vor dem ersten Weltkrieg, grüne Revisionisten bis zum Beginn der Industrialisierung, Esoteriker wohl zum Mittelalter, sicher aber vor den Beginn der Aufklärung, nur bei den Linken ist es nicht richtig klar, wahrscheinlich wollen die alle die französische Revolution noch mal machen, diesmal nur besser und nicht mit dem Ergebnis Napoleon.

Das Bedürfnis Geschehenes ungeschehen zu machen haben wir alle, zumindest im privaten persönlichen Bereich. Es kränkt uns, dass dieses Bedürfnis ein unerfülltes bleiben muss. Früher hatten es die Menschen leichter damit, als sie noch an solche Dinge wie Schicksal oder Vorsehung glaubten, als sie das Geschehene in fatalistischer Manier annahmen.

Die Utopisten, auch die finden sich sowohl in Politik und im Privatem, machen ebenfalls diesen Sprung über die Zeiten, sehen eben nur voraus und nicht zurück. Glauben sie jedenfalls. Verkäufer von Bausparverträgen machen Kasse damit, von den vielfältigsten politischen Utopisten ganz zu schweigen. Sie meinen alle die Zukunft ändern zu können. Erstaunlicherweise sind aber Revisionisten und Utopisten meist zu einer Person im Geiste vereint, was mich zu dem Verdacht kommen lässt, dass beide eigentlich nur einen Gegner haben: Die Gegenwart. Sie können ihre Zeit nicht leiden, hadern mit dem was geschehen ist, genauso wie mit dem was geschieht wenn sie nicht in den Gang der Geschichte, oder des Lebens an sich, eingreifen.

Richtig im hier und jetzt sind nur die Fatalisten zu hause

Richtig im hier und jetzt sind nur die Fatalisten zu hause, die nehmen an was die Vergangenheit brachte, die Zukunft wollen sie auch nicht verändern, da sie darauf ja sowieso keinen Einfluss haben. Ob es sich beim Geschehenen oder beim künftig Geschehenden nun um Ergebnisse irgendwelcher Zufälle, irgendwelcher unbekannten Determinismen oder der Vorsehung handelt, das ist dem Fatalisten eigentlich egal. Doch das wissen wir ja schon lange, spätestens seit Diderots Jacques, der sich darüber köstlich mit seinem Herrn stritt.

In diesem Sinne, lasst Fatalisten um mich sein, aber nur solche die nicht mit der Zeit hadern und im Hier und Jetzt einfach gut leben und zufrieden sein wollen. Von den Zeitspringern, also den Utopisten und den Revisionisten, werden sie schon genug verleumdet und als ignorant gescholten. Dabei suchen sich die Zeitspringer nur einen Schuldigen, einen den sie für ihre Unglück verantwortlich machen können; dieses besteht im wesentlichen darin, zur erkennen, dass sie weder Vergangenheit noch Zukunft ändern können. Jedenfalls nicht solange es Menschen gibt die sich zufrieden im Hier und Jetzt einrichten und das Leben eben nehmen wie es kommt.

Nur, das wird immer schwerer im Hier und Jetzt. Sich einzurichten in einer Welt die von Utopisten, Dystopisten und Revisionisten bestimmt wird, in einer also in der die Zeitspringer mit ihrem Hass auf die Gegenwart die Macht übernommen haben, wird immer schwerer. Die verschiedenen Vergangenheiten der Zeitspringer kämpfen miteinander, genauso wie deren Zukünfte. Das Hier und Jetzt vergessen sie darüber, ignorieren dass dies schützenswert sein könnte weil sich Menschen darin einrichten. Die Zeitspringer halten das gar für falsch, es gibt kein richtiges Leben im falschen, hat mal einer von ihnen gesagt.

Am liebsten möchte man die Zeitspringer springen lassen, in irgendwelche Zeiten oder Welten in denen sie glücklich sein können. Hauptsache sie vermiesen nicht weiter die Gegenwart und zerstören dabei die Welt derer, die hier und jetzt leben und dies akzeptiert haben.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Quentin Quenchers Blog Glitzerwasser hier

Foto: Tim Maxeiner
Leserpost (3)
Dr. Jesko Matthes / 24.10.2016

Fatalisten? Das ist mir ein bisschen zu nahe an jener Indifferenz, die Herfried Münkler und Konsorten gegenüber dem Terror einfordern. Ich hätte es gern eine Nummer kleiner; Realisten sind mir die liebsten. Sie bleiben nüchtern, haben dennoch Ziele. Ein bisschen wie Helmut Schmidt: Wer Visionen hat, gehört in die Psychiatrie. Wenn zu dem Haufen der Spinner nur noch die Fatalisten kommen, und das wäre schon alles gewesen - dann können wir gleich einpacken.

Ernst-Fr. Siebert / 24.10.2016

Man stelle sich vor, diesen Text hätte (vielleicht Thomas Mann) in den berüchtigten 12 Jahren unserer Geschichte geschrieben. Den würden wir aber, zu recht, heute auseinandernehmen und Amazon würde seine Schriften von der Liste verbannen. Sollen wir uns wirklich nicht wehren gegen beispielsweise eine Blockflöte spielende (korrekt: Spielen empfehlende) Kanzlerin? Gegen das Verbot von Katzenkrimis? Gegen “Spring doch!” , was keiner gehört hat, aber angeblich mit Sicherheit gesagt wurde? Gegen die ganze verlogene Betroffenheitsseierei? Einige Vokabeln erspare ich mir in Hinblick auf eine mögliche Veröffentlichung dieser kleinen Brandrede. Nun komme mir keiner mit: Das kann man doch nicht vergleichen! Warten wir es ab.

Marcel Seiler / 24.10.2016

Gefällt mir! Eine interessante Perspektive, mit der der Autor auf die völlig verfahrene gegenwärtige politische und gesellschaftliche Diskussion blickt.

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